ihr, aber ich muss sehr zweifeln, ob sie sich die Zeit genommen hat, ihn zu überlesen, denn sie war bis zur Mahlzeit so unglaublich mit tausend Kleinigkeiten beschäftigt, dass ich nicht wusste, wo ein Augenblick vernünftiger überlegung statt gefunden haben sollte.
Ich seufzte über ihre Verblendung, und tat mein möglichstes einen Schleier über ihre Torheit zu werfen, damit hernach die Beschämung über ihren Irrtum nicht so gar gross sein möchte, aber alle meine Vorsicht war vergebens. Mein Mann, dem ich auf Peninnens Bitten, nie etwas umständliches davon gesagt hatte, in wie weit Herr Walter in die ehemaligen albernen Geschichten verwickelt gewesen war, der also auch von dem nachdenklichen Brief, den ich Peninnen zur Beherzigung gab, nichts wusste, hatte von dem' Besuche, der uns diesen Nachmittag bevorstand, gleiche Vermutungen wie seine Tochter; er sprach über der Mahlzeit öffentlich davon, und Peninna, so sehr ich ihr auch ein wenig Zurückhaltung empfohlen hatte, scheute sich nicht, ungeachtet wir nicht allein waren, denn der Herr Pfarrer speisste mit uns, mit ihrer gewöhnlichen Wärme zu gestehen, dass sie der Meinung ihres Vaters beipflichtete, und dass sie zu sehr von Herrn Walters Verdiensten überzeugt wär, um sich einen Augenblick zu bedenken, wenn ihre älteren ihr gebieten sollten, seine Bewerbungen anzunehmen. Mein Mann nannte sie ein vernünftiges Mädchen, und der Herr Pfarrer stand auf und trank mit seiner gewöhnlichen Feierlichkeit die Gesundheit der zukünftigen Braut.
Ich hätte vor Ungeduld über diese Albernheiten vergehen mögen, und sagte um denselben einigen Einhalt zu tun, ich wisse zuverlässig, dass Herrn Walter Angelegenheiten von ganz anderer Art nach Hohenweiler trieben, und bät also recht sehr weder in Scherz noch im Ernst mehr etwas von solchen Dingen zu gedenken.
Mein Mann sah mich unwillig an, der Pfarrer ward still, und Peninnen traten über die Grausamkeit ihrer Mutter die Tränen in die Augen. Es ist mir oft, vornehmlich in meinen höhern Jahren begegnet, dass man meine Aussprüche für halbe Weissagungen gehalten hat, weil sie immer so glücklich zutrafen. Ich habe nie eine Ursache von diesen seltsamen Erfüllungen meiner oft ohne sonderliche überlegung gesprochenen Worte angeben können, als dass ich immer die Umstände eines jeden Dinges mit meinen beiden offenen Augen ansah, dahingegen andere, die ihrigen vor denselben halb, auch wohl ganz verschlossen.
Leider wurde meine Rede auch hier erfüllt. Ich wusste nicht was Waltern für Angelegenheiten nach Hohenweiler trieben, ungeachtet ich mich dessen rühmte, um meine Absichten damit zu erreichen, aber ich konnte es mutmassen, und ich wunderte mich daher nicht sehr, als ich des Nachmittags am Fenster stand, und einen Wagen vorfahren sah, aus welchem Herr Walter im niedlichsten geistlichen Ornat, der sich denken lässt, heraussprang, und ein junges Frauenzimmer aus demselben herabhob. Ich entdeckte Peninnen, welche bei mir sass, was ich sah, und was ich vermutete; – sie liess die hände sinken, sah mich steif an, und fragte ob ich scherzte? Ich sah sie bleich werden, und riet ihr, lieber das Zimmer sogleich zu verlassen, wenn sie den Anblick von Walters Braut nicht gedächte ertragen zu können. O so müsste ich doch auch weder Stolz noch Selbstgefühl haben, sagte sie, indem sie sich von ihrem Sitz erhob, und sich hoch aufrichtete, wenn ich den Anblick eines Ungetreuen nicht eine Halbe Stunde wollte ertragen können, ohne meine Schwachheit zu verraten.
Es war jetzt nicht die Zeit, sie zu überführen, wie wenig der arme Walter den Namen eines Ungetreuen verdiente, ich sah es gern, dass ihr ihr Unwille jetzt zur Stütze diente, und es war auch zu spät zu weiterer Wortwechselung, denn eben trat Herr Walter ein, und an seiner Hand ein Mädchen – Himmel, ein Mädchen wie ich, die Mutter von vier schönen Töchtern, wenig gesehen habe.
drei und zwanzigstes Kapitel
Die Eitelkeit kann mehr Kränkungen verschmerzen
als die Liebe
Unschuld, Sittsamkeit, und froher Mut lachte auf Charlottens Wangen, Geist und Empfindung sprach aus ihren Augen, ihre Gestalt war die edelste weiblich schöne, die ich je gesehen hatte, und ihr Betragen, das den vollen Ton der Welt hatte, gab ihren Reizen so etwas gebietendes hinreissendes, dass meine arme Peninna ganz im Schatten dastand.
Ich empfieng die Ankommenden wie es ihnen zukam, und wie mir es mein Herz eingab. Ich hatte Waltern immer hochgeschätzt, und das Bewusstsein, dass ihm in meinem haus nicht so begegnet worden war, wie er verdiente, gab der Art wie ich ihn bewillkommte, noch mehr verbindliches, als sie vielleicht ausserdem gehabt haben würde. Seine Charlotte war eine von denen Personen, die das herz auf den ersten Anblick einnehmen, und es schadete ihr nichts in meiner achtung, dass sie die Nebenbuhlerinn meiner Tochter war; es wär Unbilligkeit gewesen, wenn sie, die von allem nichts wusste, an allem unschuldig war, den geringsten Nachteil an dieser Vorstellung hätte haben sollen. Hatte sie mich durch ihren Anblick bezaubert, so nahm sie mich durch ihre Unterhaltung noch mehr ein, und ich konnte es Waltern weiter nicht verdenken, dass er so ganz in sie entzückt, so ganz blind gegen alles ausser ihr zu sein schien. Zwar sprach die mütterliche Liebe in mir, meine Tochter hätte doch nicht so bald, so gänzlich vergessen werden sollen, sie habe doch nicht die Demütigung verdient, dass man eine andere so im Triumpf vor ihr aufführte, aber denn redeten wiederum Peninnens Beleidigungen, und Charlottens Vorzüge Waltern so kräftig