schon seit meinem zehnten Jahre unter der Feder war. –
Meine Einwendungen wider den Herrn Katarines wurden alle verworfen, und kaum konnte ich mich damit retten, dass ich bewies, dass er schon der verlobte Bräutigam einer andern war, die er um meinetwillen zu verlassen dachte. Diese andere ward bald darauf seine Frau und die Stifterinn meines Unglücks oder Glücks, ich weiss selbst nicht, wie ich es nennen soll. – Mit ihrem Eintritt wich der Friede aus unsrer stillen wohnung. Sie liess es nicht genug sein, in unserm haus eine gänzliche Reformation anzufangen, und als eine Städterinn alles nach Stadtart einzurichten, sondern sie gab auch vor, sich mit mir nicht vertragen zu können. Sie wiegelte meinen Vater, der ohnedem wegen meiner abschlägigen Antwort verdrüsslich war, wider mich auf. Ich fing an eine überzählige person im haus vorzustellen, man sann darauf mich anderwärts anzubringen, man machte eine Stelle als Haushälterinn in der Stadt für mich ausfindig, und ich, die es vormals für Tod hielt, mich von meinem Vater trennen zu müssen, willigte ohne Widerrede ein; ein Jahr das ich, seit Madam Katarines das Hausregiment führte, als Fremdling in der wohnung meines Vaters gelebt hatte, war hinlänglich gewesen, mir diesen sonst so angenehmen Ort ganz zuwider zu machen.
Neue Klagen, welche den Herrn Katarines aus dem Substituten in den Pastor verwandeln und seinen Wohltäter ganz von seiner Stelle verdrängen sollten, forderten meines Vaters persönliche Gegenwart vor dem geistlichen Gerichte; überdieses waren unsere Einkünfte seit einiger Zeit geringer gewesen, es waren Schulden aufgelaufen, Vergleiche und Berichtigungen in der Stadt zu machen, kurz mein Vater entschloss sich, mich selbst an den Ort meiner Bestimmung zu bringen, und wir rüsteten uns beide zur Abreise.
Drittes Kapitel
Ein Besuch zur guten Stunde
Nie hatte ich, selbst in meinen glücklichern Jahren nicht, viel auf Putz und Flitterstaat gehalten, und es ist zu glauben, dass ich in meiner damaligen Verfassung, noch weniger auf künstliche Wahl meines Anzugs dachte. Ich trug ein langes Kleid, wie sie damals Mode waren, von weisser ziemlich feiner Leinwand, welches im Sommer mein Kirchenkleid zu sein pflegte, und auf einem niedrigen Häubchen von guten Spitzen, welches mein Gesicht zur Hälfte verhüllte, einen grossen Strohhut, den ich fürwahr nicht zum staat, sondern um mir auf dem Wege von einigen Stunden zum Schutz wider die Sonne zu dienen, aufgesetzt hatte. Doch musste ich reizend in diesem Anzuge sein, denn mein Vater sah mich mit lächelndem Wohlgefallen an, Herr Katarines nannte mich eine unverwelkliche Rose, und seine gemahlin flüsterte ziemlich hörbar für mich, ich sähe unausstehlich albern aus, und sie habe nie etwas abgeschmakteres gesehen, als ein Mädchen, das den Dreissigen nahe sei, und noch zu gefallen denke.
Wir machten uns auf den Weg, und die gespräche, die wir unterweges hielten, waren traurig, aber zugleich doch tröstlich für mich, da ich endlich einmal ganz mein Herz vor meinem Vater ausschütten konnte. Lange hatte ich nicht ungestört mit ihm sprechen können; Herr und Madam Katarines hielten ihn immer umlagert, um seine arme Tochter desto leichter aus seinem Herzem verdrängen zu können. – Sein Herz liebte mich im grund noch wie zuvor, er entschuldigte mich wegen allem, womit man ihn gegen mich einzunehmen gesucht hatte, er bedauerte, mich von sich lassen zu müssen, sich so ganz in die Gewalt des Katarines und seiner Frau gegeben zu haben. Gern hätte er die vorigen zeiten zurück gerufen, aber es war zu spät, und wir mussten uns trennen.
Die Angelegenheiten meines Vaters, die ihn in die Stadt riefen, erschwerten unsern Kummer. Zwar dachte mein Vater sich vor seinen Richtern zu rechtfertigen, zwar glaubte er, sich mit seinen Gläubigern auf leidlichere Bedingungen zu setzen, aber ich, die sonst so reich an Hoffnung war, hoffte jetzt nichts, und schwieg, da ich nicht im stand war, wider meine überzeugung der Meinung meines Vaters beizupflichten.
Wir langten in der Stadt an, und traten bei einem alten unverehelichten Herrn ab, der uns in unsern glücklichen Tagen oft zu besuchen pflegte, aber mich fast nie zu sehen bekam. Er kannte mich nicht, und als mein Vater mich ihm als seine Tochter vorstellte, und ihm die ursache meiner Erscheinung in der Stadt erklärte, so musste es sich ganz sonderbar fügen, dass auch er eine Haushälterin brauchte, und mir mit den besten Bedingungen diese Stelle antrug. Ich, die keine Freundin von solchen sonderbaren Fügungen war, wandte vor, dass ich mich schon anderwärts verbindlich gemacht habe; seine Anerbietungen stiegen so wie meine Weigerungen, und er versprach auf die letzt nicht viel weniger, als mich, bloss aus alter Freundschaft für meinen Vater, zu seiner Erbin einzusetzen. – Mein Vater nannte diesen Lohn für eine Haushälterin zu gross, und für einen Freund, der es nie gewagt hatte sich unter seine Vertrautesten zu zählen, zu unverdient; einige empfindliche Reden erfolgten hierauf zur Antwort, und wir wurden so kaltsinnig entlassen, als man uns zärtlich empfangen hatte. Kaum dass mein Vater auf die Erkundigung nach einem geschickten Anwald zu Führung seiner Angelegenheiten, eine unbestimmte Anweisung an einen gewissen Herrn Haller erhielt, dessen Namen wir nie hatten nennen hören, und dessen wohnung man uns nicht einmal zu sagen wusste.
Unser nächster gang war zu der Dame, bei welcher ich in Dienste treten sollte. Sie war eine witwe näher fünfzig, die sich kürzlich mit einem langen Fähndrich von etlichen zwanzig verheiratet hatte