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sie zu Bette bringen lassen, wo sie erst nach einigen Stunden zu sich kam.

Dass Peninna nur darum zu sich selbst kam, um in Phantasien zu fallen, die mir noch schrecklicher waren als ihre Ohnmacht, dass sie ein hitziges Fieber dem tod nahe brachte, und dass sie sich nach überstandener Gefahr sehr langsam erholte, will ich hier nur kürzlich erwehnen, der Gegenstand ist zu traurig für mich, um mich lange dabei aufhalten zu können, und ich, die geneigt war mir über alles Vorwürfe zu machen, ermangelte auch hier nicht mich mit Vorstellungen zu quälen, die mir noch zu schrecklich sind, um sie lebhaft in mir werden zu lassen. Wär Peninna damals gestorben, ich hätte mich, weil ich ihr ihre Vergehungen mit einiger Strenge verwiesen, und ihr Walters Brief so unvorsichtig in die hände gegeben hatte, gewiss für ihre Mörderinn gehalten; aber verdiente ihre Aufführung wohl mütterliche Schonung? und konnte ich wissen, dass Walter, er, den sie auf eine so unwürdige Art begegnet hatte, ihrem Herzen in Geheim so teuer war?

Es war die ganze Zeit über, da Peninna zwischen Tod und Leben schwebte, wenig Nachfrage nach ihr aus dem Wilteckischen haus getan worden, die Fräuleins hatten sie nicht ein einiges mal besucht, und ihre Mutter, welche die ganze Zeit über, auch an dem Tage, da Peninna ihre Liebhaber auf die schöne probe stellte, abwesend gewesen war, kam erst zurück, da die Kranke schon fast wieder hergestellt war. Ihr erster gang war zu uns, und sie erkundigte sich so liebreich, so angelegentlich nach allem was uns anging, dass ich, die ohnedem für Verlangen brannte, meinen Unwillen über ihre Töchter, die Verführerinnen der meinigen auszuschütten, ihr alles entdeckt haben würde, wenn mich nicht ein bittender blick von Peninnen zurückgehalten hätte; ich sagte ihr also nur so viel, als ich ihr nicht verschweigen konnte, es fehlte mir ja ohnedem an Beweisen wider ihre Töchter; Gabrielens schönen Brief hatte Peninna einsmals zerrissen, um wie sie sagte, sich die Möglichkeit zu benehmen, Rache an dieser Boshaften auszuüben; eine Grossmut, welche viel von der Fieberhitze, in welcher Peninna damals lag, an sich hatte.

Da ich ihr so wenig von dem entdecken konnte was uns anging, so kamen wir bald auf ihre Angelegenheiten zu reden. – Ich kam, sagte sie, heute nicht sowohl einen Krankenbesuch abzulegen, denn man hat mir nichts von der Krankheit der Mamsell Haller gesagt, sondern mir ihrer aller Gegenwart bei einem festlichen Tage auszubitten, der mir in meinem haus bevorsteht. Es sind sonderbare Dinge in meiner Abwesenheit vorgegangen. Mein Gemahl hat meine beiden Töchter versprochen, ohne mich um Rat zu fragen, ohne dass ich einmal gewusst habe, dass man sich um sie bewirbt. Ich muss gestehen, ich habe andere Gedanken gehabt, Gedanken, welche auch vielleicht schicklicher gewesen wären. Sie sagte dieses mit einem bedeutenden blick auf Peninnen, den ich nicht verstand. Ich bat um Erklärung. –

In der Tat, fuhr sie fort, ich scheue mich fast ihnen zu gestehen, dass meine Gabriele auf dem Punkte steht eine Missheirat zu tun; sie kennen meine Gesinnungen in diesem Stück, indessen mein Mann denkt hierinnen anders, der standesmässigen Partien sind jetziger Zeit so wenig, und der Regierungsrat Berg ist doch übrigens ein ganz artiger Mann, ein Mann, welcher noch sein Glück machen kann.

Der Regierungsrat Berg? wiederholte ich und meine Tochter in einem Atem. – Ich sah Peninnen an und glaubte sie blass werden zu sehen, ich fürchtete einen solchen Auftritt wie ehemals bei Walters Briefe, und trug ihr, um sie zu entfernen, ein Geschäfte ausser dem Zimmer auf, aber sie verrichtete es so eilig, dass ich merkte, die Nachricht von Bergs Heirat und Gabrielens Falschheit ging ihr nicht so zu Herzen, wie die fehlgeschlagene Hoffnung auf Waltern, und sie sei eben so begierig als ich, auch den zweiten Schwiegersohn der gnädigen Frau nennen zu hören.

Sie kam eben zurück, da die Frau von Wilteck mit ihrer Deklamation wider Gabrielens Missheirat zu Ende war. Josephe, sagte sie, hat sich dem stand nach etwas besser bedacht als ihre Schwester, aber mein Gott, neuer Adel, oder gar keiner, ist in meinen Augen auch ziemlich dasselbe. Der alte Herr von Sarnim – – Sarnim? von Sarnim? wiederholte ich. Ja doch, sagte sie, der alte Herr, den sie unter dem Namen des Wachtmeisters bei uns gesehen haben; er ist eigentlich Obristlieutenant, aber er hört sich gern noch Wachtmeister nennen, weil er als Wachtmeister sich seinen Adel erwarb, er rettete dem König das Leben, und – – Mein Gott, rief ich, der Wachtmeister Sarnim, und der Obristlieutenant von Sarnim, von welchen wir so viel in den Zeitungen gelesen haben, sind eine person. – Ich musste mich über Peninnens Fassung wundern, sie tat noch einige gleichgültige fragen an die gnädige Frau, und diese entfernte sich endlich, nachdem sie ihre Bitte wiederholt hatte, wir möchten ja alle bei ihrem Feste erscheinen, besonders Peninna. Ihre Töchter hätten versichert, ohne ihre geliebte Ninon würden sie an ihrem Ehrentage keine Freude kennen.

Zwanzigstes Kapitel

Der Hausvater darf doch endlich auch einmal sein

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Ich war froh, dass die Frau von Wilteck uns verliess. Ich besorgte die Anstrengung, mit welcher Peninna ihre Kaltblütigkeit behauptet hatte, könne üble Folgen für ihre durch die Krankheit geschwächte Nerven haben, und