was wir nachher bemerkten, dass die arme Gouvernante den beiden alten Herren von Wilteck immer zum Ziel ihres Witzes dienen musste, und freilich nicht sehr mit ihnen zufrieden sein konnte. Wiewohl – hätte uns wohl irgend etwas diese Kavaliers nachteiliger charakterisiren können, als ihr Geschmack an einem so faden Zeitvertreibe wie dieser?
Ich sah es niemals gern, wenn die schwarzbraune Französinn in unsern stillen häuslichen Zirkel erschien; denn ich merkte den nachteiligen Einfluss ihrer Erscheinung allemal drei Tage lang an meinen Mädchens. Bald hatte sie nicht einsehen können, wie man so albern sein und deutsch sprechen könnte, und ich bekam gewiss in den nächsten Tagen nichts von meinen Kindern zu hören, als aufgeschnappte, übel angebrachte französische Phräsgen, welche kein Mensch verstehen konnte, und die mir, einer deutschen Matrone, die alle Sprachenveränderung hasste, wie die babylonische Verwirrung, unausstehlich waren. Oder Demoiselle de Robignac hatte von den artigen Pariser und Lyoner Koeffüren gesprochen, und des andern Tages ward an allen Hauben des ganzen Hauses, sogar an den Meinigen gekünstelt, um ihnen eine etwas modischere und weniger deutsche Gestalt zu geben. Oder die Gouvernante hatte nicht begreifen können, warum die chere Ninon – (Peninna wollte sie sagen) und die petite Jeanette die gnädigen Fräuleins nicht besuchten, welches man sehr deutsch und ungesittet nennen könnte, und den Morgen darauf hatten meine Töchter gewiss ungewöhnlich tiefe Verbeugungen von den gnädigen Fräuleins oder wohl gar bedeutende Fächerwinke bekommen; – Dinge, welche ich teils ahndete, wie sichs gebührt, teils gar nicht verstand, und hartnäckig auf meinem Sinne blieb, lieber den Umgang der angenehmen Frau von Wilteck zu entbehren, als meine Kinder oft in die zweideutige Gesellschaft der ihrigen zu bringen.
Doch wer kann wider das Schicksal! Wir wurden eines Tages sämmtlich zu einem Geburtstagsfeste des hochadelichen Hauses gebeten. Wir gingen; denn mein Mann nannte es unhöflich, die Einladung auszuschlagen. – Abermals, bloss um nicht unhöflich zu sein, wurde die gnädige Familie zu unserer Weinlese erbeten, die in dem nämlichen monat fiel. Darauf wollten die Fräuleins nebst ihrem Bruder am Hochzeittage ihrer älteren ein Lustspiel aufführen, in welchem Jukunde und Juliane ein paar Kinderrollen übernehmen mussten, und so ging es in einem fort, bis es endlich dahin kam, dass wir alle Sonntage nach der Vesper beisammen waren, und ein jedes sich mit seines gleichen die Zeit vertrieb. Die Fräuleins schickten sich nach dem Ausspruch der Gouvernante ganz unvergleichlich zu der siebzehnjährigen Peninna, weil sie, wie sie meinte, mit ihr von einem Alter waren. Junker Ludwig lehrte Hannchen Klavier, und Demoiselle de Robignac fand es bedeutend, dass beide in einem Jahr und an einem Tage geboren waren. Herr von Wilteck und mein Mann spielten Schach oder Piquet. Frau von Wilteck und ich strickten, und der Oberste, welcher uns und sich einige zwanzig Jahr jünger dachte, als wir waren, gauckelte entweder um uns herum, oder lief in unser Haus, unsere jüngsten Kinder auch herbei zu holen, und sie allerlei unnützes Zeug zu lehren; oder er spielte der Französinn allerhand lächerliche Streiche, die man kaum seinem Neffen würde zu gute gehalten haben. Doch dieser war zu klug zu solchen Possen, und zu sehr von seiner Schülerinn eingenommen, als dass er für etwas ausser ihr hätte Aufmerksamkeit haben sollen.
In der Tat war mir das Wohlgefallen, das er an Hannchen, und sie an ihm zu finden schien, auffallend, und ich konnte mich nicht entalten, wenn sie so von Montag morgens bis Sonnabend abends immer etwas neues zu erzehlen wusste, was der Herr Fähndrich, so nannte man ihn in dem Wilteckischen haus, ungeachtet er nur Fahnjunker war, am Sonntage getan, gesagt oder gedacht hatte, sie anfangs ein wenig damit aufzuziehen, und ihr denn ernstlich über ihr seltsames Betragen zuzureden. Dieses machte sie vielleicht zurückhaltender aber schwerlich klüger, und ich hätte vielleicht besser getan sie laut vom Junker Ludwig sprechen als heimlich an ihn denken zu lassen. –
Ich dachte indessen ernstlich darauf, sie von dem Jünglinge abzubringen, der ihr gefährlich zu werden schien, und Hannchen hatte schon ein paar mal wegen Zahnschmerzen die sonntägliche Klavierstunde versäumen müssen, als zu meinem grossen Vergnügen ihr junger Lehrmeister von einem Onkel, den man den General nannte, und der also vermutlich etwa Major sein mochte, abgefordert wurden, um unter seinen Augen zum Dienste angeführt zu werden.
Sechzehntes Kapitel
Die Eitelkeit der alten Dame und ihrer schönen
Tochter bekommt Nahrung
Der Umgang mit dem vornehmen haus reizte, wie ich voraus gesehen hatte, den Neid der Frauen unsers Städtchens, und ich war schwach genug, mich darüber zu freuen, und vielleicht um des willen weniger darauf zu denken, wie ich Gesellschaften abbrechen wollte, die, wenn auch nicht unmittelbar uns, wie ich Verblendete glaubte, doch unserm Beutel nachteilig waren.
Die Familie von Wilteck war zwar des Ersparnisses wegen an unserm Orte, aber das was bei ihnen Sparsamkeit war, hätte man bei uns Verschwendung nennen können. Ohne so törigt zu sein, mich mit Leuten messen zu wollen, die mir an Stand und Vermögen überlegen sein mochten, so merkte ich doch bald, Vermehrung unserer Ausgaben, und gewaltige Defekte in unserer Einnahme. – Man musste doch etwas tun, um seinen vornehmen Bekannten keine Schande zu machen, und dies war nicht ohne Aufwand möglich. Auch konnten die hände, welche die ganze Woche über beschäftiget waren, Zubereitungen auf den Sonntag zu machen, weder nähen, spinnen, noch weben. Unsere Bleichen wurden daher