wie ich von guter Hand wusste, die Fräuleins gegeben hatten.
Frau von Wilteck war eine einnehmende Dame, wenn es ihr beliebte, den Adelstolz ein wenig auf die Seite zu setzen. Der Wunsch auf einem freundschaftlichen Fuss mit ihr und ihrem haus zu leben, und dadurch meine Feindinnen zu demütigen, wachte wieder in mir auf, aber die Fräuleins standen mir nicht an; die andern, welche nicht in die Kirche kamen, und die ich also nie gesehen hatte, konnten vielleicht auch nicht nach meinem Geschmacke sein, und ich liess es also dabei bewenden, der gnädigen Frau des andern Tages einen eben so kurzen Gegenbesuch zu machen, in welchem ich nichts weiter tat, als dass ich ihr umständliche Nachricht von dem gab, was sie von mir zu wissen verlangt hatte.
Je mehr ich den Umgang des vornehmen Hauses zu fliehen schien, je mehr ward der meinige gesucht. Ein Regen, der die gnädigen Damen überfiel, ein Spaziergang, auf dem man sich antraf, eine Bestellung an meinen Mann, und dergleichen Dinge gaben so oft zufällige gelegenheit, uns zu sehen, dass wir uns endlich alle kannten, alle zu nennen wussten, und – ich nehme Frau von Wilteck und mich nebst noch zwo Personen aus unsern beiderseitigen Familien aus, – keinen andern Grund angeben konnten, warum wir uns aufsuchten, als Neugierde und Langweile, welches letzte doch bei den Meinigen, die immer beschäftigt waren, im grund nicht wohl statt haben konnte, sondern ganz allein auf die Seite unserer neuen Bekannten fiel.
Fünfzehntes Kapitel
Eine ganze Familie von Alltagsleuten
Es dünkt mich hier Zeit zu sein, etwas von dem Wilteckischen haus zu sagen: ich werde der einzelnen Glieder desselben noch oft genug erwehnen müssen, und es wird gut sein, wenn man weiss, was sich von ihnen erwarten lässt; doch wer kann das auf den ersten Anblick oder aus einigen hingeworfenen Zügen? War ich im stand, es ihnen anzusehen, was für Einfluss sie in Zukunft auf mich und die Meinigen haben würden?
Frau von Wilteck schien keinen Fehler an sich zu haben als das einsilbige Wörtgen vor ihrem Namen. Wär sie Madam Walteck schlecht weg gewesen, sie hätte mir die zweite Madam Haller, hätte mir so lieb werden können, als diese teure Verstorbene, denn, vermochte ich dann in ihr Herz zu sehen? Ich äusserte diesen Gedanken einst gegen die Gouvernante; Ma chere, sagte diese lachend, wir sind aus einem land, wo jedermann diese drei deutungsvollen Buchstaben vor seinen Namen setzt, und wo sie so gut Frau von Haller sein würden als meine Gebieterinn Frau von Wilteck. Ein Wink, den ich nicht aus der Acht liess, und der mich um ein gutes teil weniger zurückhaltend gegen meine neue Freundin machte.
Frau von Wilteck war schön für ihre Jahre, und es war zu verwundern, dass so wenig von ihren Reizen auf ihre Töchter geerbt war. fräulein Josephe die älteste, welche nach den grundsätzen meines Vaters schon seit länger als zehen Jahren nicht mehr fräulein hätte heissen sollen, war eine lange hagere Figur, die sich wegen ihrer Gestalt gern eine schlanke Nymphe, und wegen ein paar finstern Augen und einiger schwarzen Haare gern eine schöne Brünette nennen hörte, welches doch niemand tat, als die ihr gleichende Gouvernante, Mademoiselle de Robignac. Das jüngere fräulein, Gabriele genannt, war ein rotäriges, milchfarbnes Gänsgen, mit grossen weiten Augen, die ich mit nichts bessern vergleichen kann, als mit den Teichen vor unserm Garten, wenn sich der graublauliche Himmel darinnen spiegelt. Wenn fräulein Josephe die Heldinn und das männliche Frauenzimmer spielte, so zerschmolz die lispelnde Gabriele dagegen in Empfindungen, schalt ihre wilde Schwester, oder sprach von Liebe und Kloster, oder schwieg auch, um zu verbergen, dass sie nichts zu reden wusste. Die liebste Tracht der ersten war ein Federhut und ein grünes Reitkleid, das ihr abscheulich anstand, und die andere kleidete sich gern in ein so galantes und durchsichtiges Negligee, wie sie es in ihren Lieblingsbüchern, den französischen Romanen beschrieben fand, eine Kleidung, die ihr eben nicht vorteilhaft war, weil sie alle Fehler ihrer Gestalt zu sehr entüllte. – Kurz diese beiden Damen waren recht dazu gemacht meinen unschuldigen, unaffektirten und wirklich schönen Töchtern zur Folie zu dienen, welches nur ihnen verborgen zu sein schien, sonst würden sie ihre Gesellschaft nicht so eifrig gesucht haben.
Der einige Sohn der Frau von Wilteck, der fünfzehnjährige Junker Ludwig schien allein die Schönheit seiner Mutter geerbt zu haben, aber nicht ihren Geist; er besass ein weiches gutes argloses Herz, das ihm immer auf der Zunge sass, und einen geraden gesunden Verstand, der ihn weder zum Kriegshelden noch zum Staatsmann zu bestimmen schien; und doch schien man ihn zu dem ersten bestimmt zu haben. Er trug bereits die Uniform als Fahnjunker, und sah in derselben aus wie der goldhaarige Engel Raphael mit dem Helm und mit dem Schwerdte über unserer Kirchtür, der unsere ersten älteren mit freundlichen Blicken aus dem Paradiese jagt.
Dieses waren die Personen der adelichen Familie, die wir noch zur Zeit kannten. Nur der Herr von Wilteck und sein Bruder der so genannte Oberste fehlten noch, und die Beschreibungen der Mademoisell de Robignac, welche uns noch fleissiger besuchte als ihre gnädige herrschaft, waren eben nicht sehr fähig, uns grosses Verlangen nach der Bekanntschaft dieser beiden Herren einzuflössen; wiewohl wir ursache gehabt hätten, die Richtigkeit des Urteils dieser Dame ein wenig zu bezweifeln, wenn wir damals schon gewusst hätten,