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Gebiet, der entgegengesetzten Meinung beizupflichten schien; ich sah es ein, dass sich ein wenig Strenge für die Mutter heranwachsender Mädchen ganz wohl schicke, und bemühte mich also in allen meinen Gesprächen, die unerbittliche Richterinn gegen alle Gefallene, oft selbst gegen solche zu spielen, deren ich mich insgeheim annahm, und sie vom gänzlichen Verderben zu retten suchte. Ob ich nicht in den Aeusserungen von dieser Art, auch zu viel tat, ob ich nicht durch den Ernst in meinen Reden, wodurch ich die meinigen vom Laster abzuschrecken suchte, meinem Herzen eine Verwundung zubereitete, welche nie ganz heilen wird, das wird die Folge lehren. Ich gehe jetzt zu einer neuen Epoche meiner geschichte über.

Bisher waren ich und meine ehemaligen Freundinnen die vornehmsten in unserm Städtchen gewesen; jetzt erscholl das Gerücht, als wollte sich eine adeliche Familie in diese Gegend wenden, welche den grössten teil ihres Vermögens in der Hauptstadt zugesetzt hatte, und nun entschlossen war, die Ueberbleibsel davon zusammen zu nehmen und mit denselben in einer entlegenen Provinz besser als bisher hauszuhalten.

Die Erzählung von einer Familie, die genötigt war, wegen voriger Verschwendung sich der Sparsamkeit zu befleissen, gefiel mir; ich zog eine Paralelle zwischen uns und diesen grossen Leuten, sah, dass Schicksal und Torheit ihnen eben solche Streiche spielen konnten wie uns, und fand unser los um der Aehnlichkeit willen weit erträglicher. Auch stieg zuweilen ein heimlicher Wunsch in mir auf, dereinst in die Bekanntschaft dieses weisen philosophischen Hauses zu kommen, und meinem Stolz, welcher durch die Feindseligkeiten und Lästerungen der Pfarrerinn und der Einnehmerinn gewaltige Stösse erlitten hatte, durch den Umgang so angesehener Leute eine mächtige Stütze zu geben.

Nachdem das Gerücht viel unglaubliche Dinge von der Familie von Wilteck, die bei uns erwartet wurde, gesagt und das Haupt derselben bald zu einem in Ungnade gefallenenen Minister, bald gar zu einem Fürsten im strengsten incognito gemacht hatte, erschien sie endlich, strafte durch das sehr alltägliche Ansehen, welches alles, was sie umgab, an sich hatte, das Gerücht Lügen, und erhöhte die Hoffnungen, die ich mir von diesen neuen Ankömmlingen machte.

Das ganze von Wilteckische Haus bestand ausser dem gnädigen Ehepaar, aus zwei mehr als erwachsenen Fräuleins, einem noch unmündigen Junker, und einem Bruder des alten Herrn, der dem verstand nach eben so unmündig als Junker Ludwig an Jahren war. – Ein veralteter Stutzer, den man nicht anders als den Obersten nannte, ungeachtet die alte Gouvernante, welche auch mit zu den Ankommenden gehörte, versichern wollte, er habe es nie höher als zum Souslieutenant gebracht.

Ich habe vorhin erwehnt, dass ein Wunsch in mir aufstieg, Umgang mit diesen vornehmen Leuten haben zu können, aber ich war klug genug, ihn weder in meiner Familie bekannt werden zu lassen, noch den geringsten Schritt zu tun, welcher auf seine Erfüllung abzielte. Die Damen unsers Orts, die Pfarrerinn und die Einnehmerinn, nebst noch einigen andern, hielten es für gut, der hochadelichen Familie Cour zu machen, ich aber fand es lächerlich, und noch obendrein, wie mir mein Stolz ins Ohr sagte, erniedrigend, sich Personen aufzudringen, welche vornehmer sind als wir, und die unsere Höflichkeiten vielleicht kaum erwarten, aber gewiss uns dieselben nie auf andere Art, als mit der demütigenden Miene der Ueberlegenheit und Herablassung vergelten.

Ich würde Frau von Wilteck und ihre Töchter vielleicht nie kennen gelernt haben, wenn ich sie nicht zuweilen in der Kirche gesehen hätte. Wir sassen ziemlich weit von einander, und ich verlor dadurch das Glück ihre Personen so genau mustern zu können, wie die andern neugierigen Weiber unsers Städtchens taten; dieser Verlust brachte mir aber zugleich den Vorteil, sie nicht grüssen zu dürfen; eine Höflichkeit, die ich ihrem stand nicht versagt haben würde, wenn mir die Art, mit welcher sie den andern Frauen, die sie mit Verbeugungen überschütteten, zu danken pflegten, nicht anstössig gewesen wär.

Wir schienen uns anfangs gar nicht zu bemerken; bald aber trug der Weg die adelichen Damen allemal vor unserm Stuhl vorbei; die Neugier mochte sie vorbei treiben, auch waren ich und meine Mädchen noch wohl sehenswert: es musste einen schönen Anblick geben, wenn ich so in meinem grauen atlassnen Gewande daher ging, und die Kinder in ihren weissen Kleidern mit bunten Schleifen mir folgten. Eine blühende Matrone unter fünf blühenden Töchtern! sagte unser Herr Pfarrer, zu der Zeit, da ich noch mit seiner Frau umging.

Die Fräuleins gaften uns mit starren Augen an, meine Mädchen verbeugten sich ein wenig, brachen aber die Hälfte von ihrer Höflichkeit ab, weil sie sahen, wie schlecht sie erwiedert ward; aber die gnädige Frau und ich grüssten uns ordentlich nach Matronen Art, weil es nicht anders sein konnte.

Des andern Tages sagte mein Mann, welcher als Amtmann zuweilen mit dem Herrn von Wilteck zu sprechen hatte: die gnädige Frau habe nach mir und den Kindern gefragt, und sich gewundert, dass wir sie noch nicht besucht hätten. In der Tat, meine Liebe, setzte er hinzu, es wär der Höflichkeit gemäss – – Ganz gewiss, unterbrach ich ihn, und ich werde nächstensaber dieses Nächstens kam niemals und Frau von Wilteck sah sich genötigt, die gelegenheit zu nehmen, wie sie war, und einmal auf ein paar Augenblicke im Vorübergehen zu mir zu kommen, um mich wegen einer häuslichen Angelegenheit um Rat zu fragen. – Sie musste doch die wunderliche Amtmannin kennen lernen; welchen Namen mir,