mehr vor ihm, als vor ihrem Vater.
Meine nächste Frage an Peninnen war nunmehr, wie sie zu den Briefen gekommen sei; sie sagte, sie habe sie unter ihrer Aufschrift diesen Morgen auf ihrem Nähtische liegen gefunden, und das kleine Julchen, welche bei ihr schlief, habe Samuelen in der ersten Morgendämmerung mit dem grünen Reitrock und dem Jagdmesser an der Seite leise hereinkommen, und den Brief hinlegen gesehen.
Lieber, guter, unbesonnener Junge, wie war dirs möglich, deine Mutter so zu kränken! Was hatte ich gesagt, das dich zu diesem übereilten Entschlusse bewegen konnte? – Zwar hatte ich gefehlt, du und die leichtsinnige Peninna brauchten nicht einerlei Lektion; was gerade eben hinlänglich war, diese ein wenig aufmerksam zu machen, das musste dich gänzlich niederschlagen.
Der Entschluss, der ihrem schwindelnden Köpfgen jähling einkam, und vor dessen Ausführung mir nicht bange war, war bei dir gleich schnelle und doch wohl überlegte Tat, – o gewiss, ich hätte dich schonen, hätte dir vielleicht unsere ganze traurige Lage verschweigen sollen, ich hätte – Doch nichts von dem, was ich hätte tun sollen, sondern lieber etwas von dem, was ich tat.
Ich machte mich auf den Weg zu meinem Vater, den ich ohnedem seit dem tod der Madam Haller, wobei er gegenwärtig war, nicht gesehen hatte. Ich hatte doppelte ursache zu ihm zu eilen; nicht allein Wunsch, ihn, wie ich immer tat, teil an meinen Bekümmernissen nehmen zu lassen, sondern auch die überzeugung trieb mich zu ihm, Samuel würde die Gegend nicht verlassen haben, ohne den Greis, den er so sehr liebte, noch einmal zu sehen, und seinen Segen zu erbitten. Oft schlich sich gar ein wenig Hoffnung mit ein, ich würde ihn noch da finden, wo ich hingedacht, würde alles gegen ihn ausschütten können, womit mütterliche Liebe und mütterlicher Zorn mein Herz erfüllte, doch diese Hoffnung zu begünstigen, war der Weg zu meines Vaters kleiner wohnung zu weit. Ich langte dort an, der Flüchtling war da gewesen, aber zwo Stunden vor meiner Ankunft schon wieder abgereist.
Mein Vater lachte über die Unruhe, in der er mich sah. Glaubst du denn, sagte er, ein siebzehnjähriger Jüngling, ein Jüngling wie dein Samuel, werde sich in der Welt verlieren, oder es werde ihm an Unterstützung fehlen? – O nein, was sein Fleiss nicht ausrichten kann, das werde ich tun. Samuel ist mein Sohn, und mein alter Freund Haller hat dafür gesorgt, dass ich für mich und für seinen Enkel genug habe.
Ich entdeckte ihm unsere gegenwärtige Verfassung, und meine Reue, dass ich Samuelen soviel davon gesagt hatte; er lobte das, weswegen ich mir Vorwürfe machte, und schien das andere nicht sehr zu Herzen zu nehmen.
Wenn dein Mann, sagte er, wie ich hoffen will, sich nun endlich bessert, so werdet ihr bei einem stillen und sparsamen Leben glücklicher sein, als bei den glänzendsten Aussichten. Kinder! Kinder! ihr habt alle einen guten Hang zur Torheit, und ich möchte wissen, was aus euch geworden wär, wenn ihr noch alles besässet, was deines Mannes wohltätige Liederlichkeit – – man verzeihe meinem Vater einen harten Ausdruck – euch entzogen hat. – Es ist allen deinen Kindern, auch Samuelen ist es heilsam, dass sie sich auf nichts, als auf ihre gute Aufführung zu verlassen haben. – Lass deinen Sohn immer die Welt sehen; er wirds schon erfahren, wie weit er mit seinem Eigensinn, mit seinen überspannten Begriffen von Recht und Unrecht, mit seiner Empfindlichkeit, und allen den kleinen gutgemeinten Grillen und Torheiten kommen wird, die ich, so lieb ich ihn habe, doch nicht in ihm verkenne.
Sehr getröstet verliess ich meinen Vater. Ich wusste, er kannte den Aufentalt meines Sohnes, ob er mir es gleich nicht ganz gestehen wollte, wusste, er würde ein wachsames Auge auf ihn haben, und für ihn sorgen, und dieses war genug zu meiner Beruhigung; eine Beruhigung, welche durch den Kaltsinn, mit welchem mein Mann, bei seiner Wiederkunft die Nachricht von Samuels Entfernung aufnahm, ich weiss nicht, ob gemehrt oder gemindert ward: ich musste den Entschluss meines Sohns billigen, und die wenige Liebe des Vaters gegen den, der ihn nie beleidiget hatte konnte nicht anders als mir missfallen.
Unser Leben wurde nur noch stiller und ordentlicher als zuvor. Das Amtaus, ein ödes altväterisches Gebäude, welches, als wir nach Hohenweiler kamen, unsern Gedanken nach den Einsturz drohte, und nicht bewohnt werden konnte, ward jetzt auf einmal fest genug, uns zu beherbergen, und wir gaben die gemietete wohnung auf, welche wir bisher, wie wir uns beredeten, nur der verstorbenen Madam Haller zu gefallen bewohnt hatten. Es war auch aus dem grund nötig uns ins Kleine zu ziehen, weil die Befriedigung unserer Schuldner, unsere besten Zimmer vom Hausrate entblösst hatte; ein Mangel, der sich in einer kleinen wohnung besser verbergen liess. Die Zimmer im Amtause waren so dunkel, die altväterischen Tapeten würden so schlecht zu den modernen Möbeln gepasst haben; genug es gab der Entschuldigungen im Ueberflusse, warum gewisse Dinge, die man sonst bei uns gekannt hatte, nicht mehr zum Vorschein kamen.
Ein anderes Mittel unsern gesunkenen Zustand zu verbergen, war die Einschränkung meiner Gesellschaften. Ich hatte es bisher unumgänglich nötig gefunden, die Frau Pfarrerinn, die Frau Einnehmerinn, und einige andere vornehme Damen