und der Peninna allein zu sein, welche als verständiger wie die andern, eine genauere Kenntniss von unsern Umständen fordern konnten, die ich ihnen auch, soviel es ohne Nachteil ihres Vaters möglich war, gab.
Dreizehntes Kapitel
Folgen von der Predigt der weisen Frau, wie auch von
ihrer neuen Einrichtung
Dass der Inhalt meiner Rede einen tiefen Eindruck auf Samuel und Peninnen machte, hatte ich schon des Abends an den Tränen der Einen, und dem ernsten tiefdenkenden Wesen des Andern bemerkt; aber dass mir den Morgen darauf ein so sonderbarer, so widriger Beweis von der Kraft meiner Worte bevorstand, das hatte ich nicht vermutet.
Meine älteste Tochter erschien des andern Tages beim Morgengebet, mit rotgeweinten Augen, und mein ältster Sohn fehlte gar bei dieser unsrer täglichen Versammlung, wo sonst niemand fehlen durfte. Ich nahm Peninnen, nachdem ihre jüngern Geschwister sich entfernt hatten, vor, verwiess ihr ihre Tränen, von welchen ich glaubte, dass sie noch wegen der gestrigen Unterredung flössen, und fragte sie wegen der Abwesenheit ihres Bruders.
Anstatt aller Antwort, überreichte sie mir folgenden Brief, den ich euch so mitteilen will, wie ich ihn unter den Papieren, die ich mein Archiv zu nennen pflege, gefunden habe. Möchte ich doch auch im stand sein, euch einen Begriff von der Bestürzung zu geben, mit welcher ich ihn las.
"Meine Mutter!
Nach dem, was ich gestern Abend von Ihnen erfuhr, darf ich nicht länger hier verweilen. Tausend Entwürfe, wie ich Ihnen Ihr Schicksal erleichtern wollte, durchkreuzten diese Nacht meine Seele; das einige, dessen Ausführung ich möglich fand, war der Entschluss, mich von Ihnen zu trennen, und Ihnen durch Abnehmung einer unnützen Last, die Sie lang genug getragen haben, die sorge für meine Geschwister zu erleichtern. Ich gehe hin, nicht ein müssiges unabhängiges Leben zu führen, nicht mir einen andern Plan zu meinem künftigen Fortkommen zu machen, als den, welchen Sie mir vorgezeichnet haben; nein ich gehe auf dem Wege fort, den Sie mir bestimmten, nur an einen Ort, wo mich Ihre Wohltaten, die ich schon zu lange genoss, nicht finden können, nur auf eine Art, die mich vielleicht schneller zum Ziele meiner Wünsche, Ihnen meine Dankbarkeit zu bezeigen, bringen kann. Es wäre Unrecht, fernere Unterstützung von Ihnen anzunehmen, da ich hoffentlich so viel gelernt habe, mir selbst helfen zu können, und doch, meine Mutter, hätte ich es allein mit Ihnen zu tun, so würde mir es vielleicht schwer werden, mich ganz von Ihrer wohltätigen Hand loszureissen, aber mein Vater? – Sie kennen seine Gesinnungen gegen mich, sie wissen, ob ich es wagen darf, bei unserer gegenwärtigen Lage auf Unterstützung von demjenigen zu hoffen, der mich nie liebte, nie mir seine Wohltaten so willig erzeigte, wie meinen andern Geschwistern – – und der mich vielleicht aus ihnen unbekannten Ursachen, wirklich hasset."
Ach ich kann, ich kann den abgeschmackten Brief nicht vollends abschreiben. Am Ende noch etliche Worte von kindlicher Liebe und Dankbarkeit, einige Wörtgen von Wiedersehen, und so weiter, und dann den Namen des grillenhaftesten und geliebtesten unter allen meinen Kindern, – O Samuel, du zweifeltest an meiner Liebe, sonst hättest du nicht so handeln können, und gleichwohl – hätte ich dich nicht so sehr geliebt, hätte ich so auf dich zürnen können wie ich tat?
Peninna überreichte mir, als ich mit Lesen fertig war, noch einen an sie gerichteten Brief, den ich um der Sonderbarkeit willen gleichfalls hersetze.
"Schwester!
Ohne von meinem Entschlusse etwas zu wissen, äussertest du gestern nach dem Gespräch mit unserer Mutter, ein ähnliches Vorhaben mit mir. Ich will dir es glauben, dass du dich fähig hältst, ausser dem väterlichen haus fortzukommen, aber hüte dich hierinnen einen Schritt zu tun, wie ich ihn tat; was bei dem Jüngling nicht zu tadeln ist, würden bei dem Mädchen Romanstreiche sein, die ich mir auf alle Weise bei meinen Schwestern verbitte. Das sicherste Mittel, mich, wo ich mich aufhalten möchte, plötzlich nach Hohenweiler zurückzubringen, würde sein, wenn ich euren Namen, ich will nicht sagen, auf eine zweideutige Art, wenn ich ihn nur überhaupt zu oft, und an Orten, da man ihn nicht kennen sollte, nennen hörte; ich glaube aber nicht, dass meine Zukunft denen, die die Ehre unserer guten älteren beleidigten, angenehm sein würde. – Johanne wächst heran, ihr seid beide jung und nicht hässlich, wache für sie sowohl wie für dich selbst, dies wird das beste Mittel sein, dereinst beim Wiedersehen den in mir zu finden, der ich jetzt bin, Dein' zärtlicher Bruder, S. H."
Ich sah Peninnen mit Erstaunen an; ich fragte sie, ob das Wahrheit sei, was ihr Bruder im Anfange seines Briefes sagte. Sie fiel mir um den Hals, und gestand mir, dass sie wirklich den Gedanken gehabt habe, den Samuel jetzt leider ausgeführt hatte, und man kann sich vorstellen, was ich ihr über diesen Punkt sagte. Ich verwies sie auf die Ermahnungen ihres Bruders, und freute mich zu finden, dass sie den gebieterischen Ton derselben nicht hoch aufnahm, sondern sich ihn gefallen liess, als wenn es so sein müsste. Samuel hatte sich in ein sonderbares Ansehen bei seinen Geschwistern gesetzt, sie fürchteten sich, ungeachtet der wenigen Jahre, die er vor ihnen voraus hatte, fast