Julchen gab, und ich habe ursache zu glauben, dass sie Eindruck machten.
Mein Zorn über den nichtswürdigen Feldner ward in wenig Tagen noch durch die Nachricht vergrössert, die ich von des Obristlieutenants Gütern erhielt. Feldner hatte sich aus dem Staube gemacht, und alles in der grössten Unordnung hinterlassen. Guter edler Sarnim, wie unglücklich bin ich, dass du, der Wohltäter meiner Familie, durch die Unvernunft und Bosheit der Meinigen leiden musstest.
Ich schüttete in einem Briefe an den Obristlieutenant mein ganzes Herz über diesen Punkt aus, und seine Antwort war mir so tröstend als ich sie wünschen konnte. "Habe nicht auch ich, schrieb er, unter denen Personen, welche ich, wenigstens ehemals zu meiner Familie rechnete, mehr als fünfe die mich beschimpfen, gegen einen der mir Ehre macht? Was ist Gabriele und ihr Mann? welche nun durch gegenseite Untreue bald auf eben dem Punkte stehen werden, wo ich vor einigen Jahren mit Josephen war? Was ist diese Josephe und ihre Mutter? beide leben mit einander auf dem einsamen Gute, das ich ihnen angewiesen habe, und machen sich, die eine durch fortgesetzte Lüderlichkeit, und die andere durch den Trunk, zum Spott, aller die sie kennen. Der alte Wilteck und der sogenannte Oberste haben das Land gar verlassen müssen, um den Nachstellungen der Obrigkeit zu entgehen, und der einige, der mir also von diesem haus noch überbleibt, um mich über die andern zu trösten, ist der brave Rittmeister von Wilteck; welcher, wenn das Glück und Schwester Julchen günstig ist, zum zweitenmal mein Schwager werden soll.
Ach Mutter, Mutter, was für Freuden stehen Ihnen bevor, wenn der Friede uns wieder zu ihnen bringt! Ihre Söhne haben sich brav gehalten, man spricht von grossen Avancements; ich soll nichts verraten, aber so viel weis ich, dass ich mich auch vorhin gewaltig verschnappte, den künftigen Bräutigam unsers Julchens noch Rittmeister zu nennen."
Ich teilte, wie ich gewohnt war, diesen Brief Herrn Walter und seiner Frau mit, als sie kamen uns zu besuchen. Charlotte entdeckte am rand eine Anmerkung von Samuelen die Klaren betraf, und die ihr das Köpfgen ein wenig wirblich machte. Das dich! über die verwünschte Misgunst! – Nun ich denke wohl, wenn Klare ihr einmal aus den Augen sein wird, so wird sich alles das schon legen, ich weis ja wie es mit Peninnen ging; wenn diese und Samuel nichts mehr von sich hören lassen, so kann Herr Walter und seine gattin noch eins der glücklichsten Ehepaare werden, die es auf dieser mangelhaften Welt gibt. Dass Samuel so wie bisher sich hüten wird, seiner ehemaligen Geliebten vor die Augen zu kommen, und den Gedanken an vergangene zeiten zu erneuern, ist ausgemacht, er denkt in diesem Stück so delicat wie Peninne, und Herr Walter kann seinetwegen ruhig sein.
Harold und Jucunde sehen dem Frieden und ihrer Verbindung mit Verlangen entgegen, und wenn Julchen sich mit der Zeit einmal bequemt Frau von Wilteck, zu werden, so bleibt mir nur der einige Albert noch übrig, in den Stand zu bringen, den ich so vorzüglich finde, ungeachtet ich alle seine Leiden in ihrem ganzen Umfange erfahren habe. Aber wo soll ich unter den Töchtern des Landes eine antreffen, welche fähig wär, dieses flatterhafte Herz zu fesseln? O dieser Albert, ein so warmer Bewunderer der weiblichen Schönheit, und doch so unempfänglich für jeden festen Eindruck! – –
Meine Kinder, euch widmete ich diese Blätter, euch hielt ich diesen Spiegel vor, um euch zu zeigen, was ihr ehemals waret, was ihr zum teil auch noch seid, und was eure Mutter um euch gelitten hat. Glücklich bin ich, dass ich euch alle auf einen Punkt gebracht habe, der mich wegen eures künftigen Schicksals ruhig sein lässt, ich habe eure geschichte bis auf den Augenblick, in welchem wir leben, fortgesetzt; die Zukunft ist mit Dunkelheit umhüllt, doch dünkt mich, meine Augen sind scharf genug, in derselben viel Gutes für euch und mich zu erblicken. O Himmel für mich? erlaubt mir mein schwaches hinsinkendes Alter wohl die Hoffnung, noch lange Zeuginn eures Glücks zu sein? – Wie die Vorsicht will! Rückt mich der Tod unerwartet von eurer Seite, so giebts noch eine Welt, deren Bewohner den Bürgern der Erde gewiss nicht so fern sind, als man glaubt. O der Gedanke, euch unsichtbar zu umschweben, euch im stillen Mondstrahl zu belauschen, wenn ihr in traulichen Gesprächen von mir, der Hingeschiedenen, beisammen sitzt, und meinen letzten Willen, durch immer wachsende Liebe unter euch zu erfüllen sucht, oder wenn eins unter euch, einsam wandelt, und an mich und meine Lehren denkt, ihm meine Gegenwart durch ein leises Flüstern zu verraten, dieser Gedanke, ob er gleich eher der kleinen Schwärmerinn Julchen, als mir, einer Matrone aus der alten Welt ähnlich sieht, hat so viel Entzükkendes für mich, dass ich ihn nicht aufzugeben weis, dass ich ihn, er sei in dem Auge des Denkers, was er wolle, beibehalten will, um mir den Gedanken an die baldige, ach lange, lange Trennung von euch, ihr Lieben zu erleichtern.