was sie besass, so von Grund aus verheert, dass ihr nichts mehr übrig war, als ein Haufen zu grund gerichteter Bauern, und die Stelle, wo ehemals ein Dorf und ein Schloss stand.
Seit diesem für Klaren so schrecklichen Tage liess sich eine grosse Aenderung in Samuels Betragen merken. Seine Geflissenheit sie zu trösten artete in Zärtlichkeit aus, und ich glaube, wenn es dem Feinde möglich gewesen wär, das Andenken dieser verhassten Güter ganz von der Erde zu vertilgen, oder wenn irgend jemand sein näheres Recht zu der Stelle, wo sie ehemals standen, zu erweisen gewusst hätte, Samuel würde Klaren noch heute seine Hand angetragen haben.
An dem Morgen, an welchem unsre Beschützer Hohenweiler verliessen, bemerkte ich, dass Klare und Samuel ein langes heimliches Gespräch mit einander hielten, dessen Inhalt ich vermutlich erst in der Zukunft erfahren werde.
Bald nach dieser Trennung von unsern Geliebten, bekamen wir in Hohenweiler so viel Luft, dass wir auf die Rückkehr nach Traussental denken konnten. Der Krieg zog sich nach der Grenze hin, und das Gerücht von dem nahe bevorstehenden Frieden, vermehrte sich von Tag zu Tage.
Ein Brief von dem Rittmeister von Wilteck, den ich in den ersten Wochen unsers Aufentalts, in unserer alten geliebten wohnung erhielt, rechtfertigte meine Mutmassungen, die ich gleich den ersten Abend, da er sich uns zu erkennen gab, von einer angehende Liebe zu Julchen hegte. – In der Tat, Julchen durfte sich nur zeigen um Eroberungen zu machen. Wenn sie auch nicht unter ihren Schwestern die schönste heissen konnte, so war sie doch bei weitem die liebenswürdigste. Die geringe Meinung die sie von ihren eigenen Reitzen hatte, und die ich, so falsch sie auch war, nie bestreiten mochte, machte sie zu einem doppelt interessanten gegenstand. Ein Mädchen, die bei der schönsten Gestalt, und den holdesten einnehmendsten Zügen, dem Abdruck ihres englischen Herzens, nicht schön zu sein glaubt, wie unwiderstehlich reisst sie die Herzen zu sich! Und ihr Charakter, so wie er sich hier und da in dieser geschichte zeigte, selbst ihr kleiner Hang zu romantischer Schwärmerei, der sich nicht durch empfindelndes Wesen, sondern durch stille Grösse, und tausend gemeinen Seelen unerreichbare Handlungen äussert, wie sehr musste alles dieses zusammengenommen, einen Mann wie den Rittmeister fesseln. Er schrieb mir in den feurigsten Ausdrücken, dass sie sein ganzes Herz erobert habe, dass sie allein ihm die Stelle ihrer Schwester zu ersetzen vermöchte, und dass – doch, wer kann all das übertriebene Geschwätz dieser jungen Leute nachschreiben.
Wahr ist es, keine bessere gattin wüsste ich ihm, und keine bessere Mutter dem kleinen Ludwig zu wünschen als mein Julchen, aber dieses Julchen hängt so mit ganzer Seele an gewissen Chimären, welche sie bei dem Rittmeister nicht realisirt finden wird, es schwebt ihr so ein überirdisches Bild männlicher Vollkommenheit vor, das sie zu ihrem Sponsen erkohren hat, dass ich nicht weis, wie sie sich zu einem irdischen Rittmeister wird herablassen können. – Ich will sie noch ein paar Jahre so hingehen lassen, vielleicht dass sie es denn einsehen lernt, dass sie einem Hirngespinnst nachstrebt, und vielleicht dass die Vorstellung, ihres Lieblings des kleinen Ludwigs Mutter zu werden, und den Gemahl ihrer verstorbenen Schwester glücklich zu machen, alsdenn etwas dazu beiträgt, sie dahin zu lenken, wohin ich wünsche; Wunsch andere zu beglücken ist ja die Hauptleidenschaft dieses guten Mädchens.
Ihr das schlimme Ende recht anschaulich zu machen, welches alle die von Romanen eingeflösste Grillen zu nehmen pflegen, hat sich leider vor kurzem ein trauriges Beispiel in meiner eigenen Familie gezeigt. Ich habe erwehnt, was der edle Obristlieutenant von Sarnim für Amalien und ihren Mann tat. Sie lebten auf seinen Gütern ruhig und bequem, aber nicht glücklich; keines nahm sich des Amtes an, das er ihnen aufgetragen hatte. Madam Feldner vertrieb sich die Zeit mit Romanschreiben, und Herr Feldner lies es sich angelegen sein, dergleichen zu spielen. Amaliens Liebe zu ihrem mann ward mit Untreu belohnt und ihre Werke wurden in der litterarischen Welt nicht so aufgenommen, als sie ihren Gedanken nach verdienten. Der Gram über beides nagte an ihrem Leben, sie fiel in eine Abzehrung, und es ist noch zweifelhaft, ob der Schrecken über ein neuentdecktes Liebesverständniss ihres Mannes mit dem Gärtnermädchen, oder über eine an eben dem Tage gelesene hämische Rezension eines ihrer Lieblingswerke, ihrem Leben ein Ende machte.
Sie war meine Tochter, ihr Ende ging mir nahe; aber freilich fühlte ich bei der Nachricht von ihrem tod bei weitem dasjenige nicht, wie ehemals bei Hannchens Sterbebette. Indessen konnte ich doch diese gemässigte Traurigkeit, die ich selbst fühlte, bei andern nicht vertragen. Herrn Feldners Brief, welcher mir die Trauerpost brachte sprach so kühl und gelassen von seinem Verluste, dass ich mit dem lebhaftesten Unwillen gegen ihn erfüllt ward, und Julchen das trostvolle Schreiben zu lesen hinreichte. Ich bitte dich, sagte ich, erkennest du in dieser Sprache wohl denjenigen, von welchem deine unglückliche Schwester tausendmal versicherte, er sei der einzige auf der Welt, den sie hätte lieben können, der Inbegriff aller Vollkommenheit die sich bei einem Sterblichen denken liessen? Mädchen! dass dir es nur nicht einmal mit deinen überirdischen Idealen auch so ergeht! Doch du bist gut und folgsam, und wirst deiner Mutter trauen, die es aus der Erfahrung weis, dass sich von allen eurem Romanenzeug nichts aufs wirkliche Leben anwenden lässt.
Es waren der Lehren noch mehr, welche ich