; helfen hätte ich ihnen mögen, wenn ich nicht zu arm dazu gewesen wäre. Wie beklagte ich sie, als ich erfuhr, dass sie von allen betrogen und verlassen in Berlin zurück geblieben waren! wie bewunderte ich sie, als ich endlich ihre kleine dunkle wohnung auskundschaftete, und zuweilen ein Augenzeuge von ihrem stillen arbeitsamen und kümmerlichen Leben war. Sie müssen sich noch eines gewissen alten podagrischen Vetters erinnern, welcher bei ihrer damahligen Wirtinn, aus und einging, dieser angebliche Vetter, dieser verkleidete Alte war ich, und sie konnten mich freilich nicht erkennen, da sie allemal, wenn jemand erschien, der ihnen fremd war, sich gleich in ihre kammer zurück zogen.
Als ich sie in der Folge auf einmal als Schauspielerinn zum Vorschein kommen sah, da empörte sich mein Unwille von neuem wider sie. Nie hasste ich sie herzlicher, als wenn sie sich unter allgemeinem Beifall am vorteilhaftesten zeigten, und ich leugne es nicht, dass ich manche Kabale, welche ihre Nebenbuhlerinnen machten, um sie vom Teater zu scheuchen, treulich unterstützte, und oft, anstatt ihnen das Lob zu erteilen, das ihre Kunst verdiente, meine stimme mit dem Hohn ihrer Feinde vereinigte.
Sie sollten, sie mussten, einen Stand verlassen, welcher, so untadelhaft sie sich auch in demselben bezeugten, doch zu gefährlich für sie war, als dass ich sie in demselben hätte dulden können. – Das Bestreben über ihre Tugend zu wachen, zog mich nach und nach selbst von dem Wege des Lasters ab. Es kann ihnen nichts neues sein, dass ich bei aller Strenge gegen sie, doch mir manche Ausschweifungen erlaubte. Welcher Tugend kann sich ein Schläger und Spieler rühmen? auch wissen sie wohl, dass sie mich ein paarmal an Orten gesehen haben, an welchen sich ein tugendhafter Jüngling nie befinden sollte. Ihnen zu Liebe legte ich tausend Fehler ab. Ich ward wieder fleissig, und vertiefte mich einmals so sehr in ein mir aufgetragenes gerichtliches Geschäft, dass ich sie aus den Augen verlor. Die Schauspielergesellschaft, bei welcher sie waren, hatte, während ich einige Wochen von unserm bisherigen Aufentalt abwesend war, die Stadt verlassen. Bisher war ich ihnen überall gefolgt, nun hatte ich ihre Spur verloren. Ich erfuhr erst hintennach, dass sie in Wien gewesen waren, das Teater heimlich verlassen hatten, und gegenwärtig bei ihren Eltern lebten.
Ich jauchzte über diese Botschaft; ich suchte eine Stelle in dem haus ihres Vaters zu bekommen, um ihres Anblicks täglich geniessen zu können. Einer von meinen Freunden rekommandirte mich dem Amtmann von Hohenweiler, als Schreiber. Ich ging an den Ort ab, wo ich sie zu finden hoffte, und erstaunte, in demjenigen, dem man mich empfohlen hatte, nicht ihren Vater, sondern den Herrn Katarines zu sehen, welcher mir ganz unbekannt war. Ich hatte mich einmal verbindlich gemacht, und ich musste bleiben. Zum Glück erfuhr ich, dass sie gegenwärtig nebst ihren Eltern zu Traussental, also nur wenig Stunden von Hohenweiler lebten. Bei dieser kleinen Entfernung konnte ich ja hoffen sie zuweilen zu sehen; aber so süss mir auch diese Hoffnung war, so sehr täuschte sie mich. Sie waren nirgends sichtbar als in der Kirche ihres Orts, und in dem haus ihrer Eltern war es unmöglich für einen Fremden, ohne ganz besondere Empfehlung einen Zutritt zu erlangen. Ich kannte niemanden in der ganzen Gegend, welcher Bekanntschaft mit dem Hallerschen haus hatte, und ich musste mir also gefallen lassen, um mein Leben nicht ganz freudenlos hinzubringen, alle Sonntage ein paar Stunden weit zu reiten, um einen elenden Prediger zu hören und sie zu sehen.
Wie lange ich dieses ausgehalten haben würde, weis ich nicht. Meine Geschäfte, und mein Fleiss, welcher mich endlich zu dem erhabenen Posten von Herrn Katarines Amtsverweser steigen liess, waren nur Pallietifkuren wider das Andenken an sie; und die sonntäglichen Visiten, die ich Ihnen in der Kirche gab, waren nicht mehr recht hinlänglich mich zu befriedigen; da führte das Glück meinen ehemaligen Obristlieutenant, den Herrn von Sarnim herbei, durch ihn erhielt ich Zutritt in ihrem haus, konnte sie sehen so oft ich wollte, und freute mich schon auf den Augenblick, wenn sie in mir den berlinischen Ferdinand erkennen, und mir dadurch gelegenheit zu einer Erklärung geben würden, nach der ich mich so sehr sehnte, und welche ich jetzt ohne Bedenken getan haben würde, da ich in einem stand lebte, welcher mir erlaubte zu reden, und mir selbst schon genugsame Beweise von meiner aufrichtigen Rückkehr zur Tugend gegeben hatte, um Mut zu haben, meine Hand einem guten Mädchen anzubieten.
Sie wissen, wie lange ich mich in meiner Erwartung betrogen habe, und hätte Albert nicht meinen Namen vorhin von ohngefehr genannt, so besorge ich, wir hätten zehn Jahre lang in einem haus leben können, ohne dass sie in mir einen alten Bekannten gesucht hätten.
War denn der Name Ferdinand das einige, was ihnen von mir im Sinne blieb? Zog keine geheime Sympatie sie zu dem Herzen hin, dass sie so sehr verehrte? – O ihr Empfindler, ich werde euch in Zukunft doppelt hassen, da ihr mich mit einer eurer schönsten Ideen, dem geheimen Einverständniss, für einander bestimmter Seelen, so jämmerlich getäuscht habt.
Mein Herz sagt mir, ich und Jucunde sind für einander geboren, meine ganze Seele hängt an ihr, und sie? – – – fühlt nichts für mich, ihr Herz ist stumm, flösst ihr keinen Gedanken