- und Kirchweihfesten, und in den frohen Tagen unserer Weinlese, mehr wahre Freude empfunden habe, als bei den kostbaren Lustbarkeiten seiner Geburtsstadt.
Unsere Kinder wuchsen indessen heran, und es ist Zeit, da nun einige von ihnen in die Jahre kamen, in welchen sich die Grundlinien der Charaktere besser bemerken lassen, dass ich etwas von ihnen sage, da sie nach meiner Absicht der Hauptgegenstand dieser Blätter sein sollen, und da ich von ihnen bis jetzt noch nichts als die Namen genannt habe.
Du, mein Sohn Samuel, – doch ich halte es für gut, jetzt, da ich von euch, meine Kinder, sprechen und so manches Gute und Böse von euch zu sagen haben werde, mich nicht besonders an euch zu wenden, sondern von euch als Abwesenden zu reden; ein Kunstgriff, den ich, wie ihr wisst, in eurer Kindheit oft mit gutem Nutzen brauchte. Wenn ich Hannchen in Alberts Gegenwart mit vielem Ernst erzählte, dass, da es ihm an Fleiss und Aufmerksamkeit zum Lernen zu fehlen schien, er nächste Ostern bei dem Gärtner in die Lehre getan werden sollte, und wenn ich das kleine Julchen gegen Amalien lobte, dass sie Jukundens vernachlässigte Blumen begossen, und ihr vergessenes Garn von der Bleiche genommen habe, so tat dies immer ganz unvergleichliche Würkung. Bei euch als Erwachsenen, habe ich nun zwar solches als Zucht und Besserungsmittel nicht mehr nötig, aber doch wird es euch manches Erröten, und mir manches Stocken in meiner Rede ersparen, wenn ich euch Lob und Tadel nicht unter die Augen zu sagen scheine.
Mein Samuel, mein Liebling, war in dem Zeitpunkt, von welchem ich jetzt sprechen will, ein schlanker, schwarzäugiger, bräunlicher Knabe, mit finsterm lockigten Haar, einer etwas gebogenen Nase und einer freien offenen Stirn, welche der Sitz ofner Redlichkeit und frohen Mutes zu sein geschienen haben würde, wenn nicht ein gewisser Zug zwischen den Augen, der ihm etwas finsteres gab, den, der ihn nicht ganz kannte, oft zu widrigen Urteilen bewogen hätte. Bis auf diesen Zug war er das lebendige Ebenbild seines Vaters, und doch – um wenig zu sagen, nicht sein Liebling. Er konnte wenig tun, was nicht von ihm getadelt wurde, und ich, so sehr ich auch diese Strenge missbilligte, war doch zu klug, mein Missfallen über dieselbe zu äussern; ein Umstand, in welchem vielleicht der erste Grund von jenem düstern zurückhaltenden Wesen zu suchen ist, das ich, als er älter ward, nie ganz besiegen konnte, und das er selbst gegen mich, die ihn so sehr liebt, nie völlig ablegt.
Seine erste Erziehung erhielt er von meinem Vater, welcher ihn in dem Grade immer lieber gewann, als er von dem Seinigen vernachlässigt wurde. Der beständige Umgang mit einem Mann, der sich dem grab mit eben so starken Schritten nahte, als er, der Knabe, dem Leben, und der vollen entwicklung seiner Kräfte entgegen reifte, war vielleicht die ursache, warum Samuel frühzeitig ernst und richtig denken lernte, aber auch dasjenige, was ihn um die reinen ungetrübten Freuden der Kindheit brachte, die desto vollkommener geschmeckt werden, je weniger Nachdenken und überlegung sie uns verbittert.
Der fast ununterbrochene Aufentalt bei seinem Grossvater machte den Knaben seinen Geschwistern fremd. Er war nie der Gefährte ihrer Spiele, immer ein strenger Tadler ihrer kleinen Unbesonnenheiten, nie ihr Ankläger und allemal, wenn Exempel statuirt wurden, ihr eifriger Vorbitter. Bei solchen Gelegenheiten hatte er Worte und Tränen im Ueberflusse, die ihm zu Führung seiner eigenen Sachen immer gebrachen. Ich hasse den Knaben, sagte mein Mann, welcher wie ein Greis denkt und handelt; er ist entweder ein Heuchler, oder ein Wunderding, das mir so widrig vorkommt, als ein bärtiges Kind. – Samuel wurde, welches ich nicht missbilligen konnte, von meinem Vater hinweggenommen, und auf eine öffentliche Schule getan.
Sein Fleiss, sein Ernst und seine stille Aufführung machte ihm seine Lehrer zu Freunden, und seine Mitschüler zu heimlichen Spöttern und Verächtern; er taugte gar nicht in die Gesellschaft von Kindern. Ohne den Willen zu haben einen von seinen gefährten zu kränken, gab er gelegenheit zu tausend Zwistigkeiten, wenn er sich unter sie mischte. Aus lauter Liebe zur Ordnung richtete er überall Unordnung an, und immer nahm er jedes Spiel, als eine so ernstafte Sache auf, dass er die ganze Freude verdarb. Ein paar Beispiele von dieser seltsamen Laune eines neunoder zehnjährigen Knaben.
Es war auf dieser Schule gebräuchlich, zu gewissen zeiten öffentliche Schauspiele zu geben, welche man von den Kindern aufführen liess; eine Gewohnheit, welche ich, die nicht viel auf das Teaterwesen und alle solche Weltlichkeiten hatte, eben nicht billigte, doch da hier meistens biblische Geschichten vorgestellt wurden, mir gefallen liess.
In der geschichte von Joseph gab man meinem Samuel, weil er ein gutes Gedächtniss hatte, und es hier viel zu reden gab, immer die Hauptrolle, und er hatte sich so ganz in den Charakter seines Helden hineinstudirt, dass man sich beredete, wenn man ihn so vor sich sah, er sei der leibhaftige Joseph; eine Sache, die er die ganze Zeit über, da er diesen Namen führte, im vollen Ernst zu glauben schien. Wahrhaftig die Tränen traten einem in die Augen, wenn man ihn bei so manchen Scenen in solcher Not erblickte, und doch immer so gut und so fromm, und recht so wie man sein muss!
Die geschichte war