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nicht ablassen wollen, bis sie ihn mit sich genommen habe. Sie verneigte sich hierauf gegen den Rittmeister, und bat um erlaubnis, den Knaben neben ihn setzen zu dürfen, und erst nach ihm Platz zu nehmen.

Ludwig war ein Engel von einem kind, schön wie seine Mutter, und so fromm und wohlgezogen als ihn nur das sanfte Julchen hatte bilden können; für sein Alter wusste er schon diejenigen, die sich mit ihm abgaben, ziemlich zu unterhalten, und er blieb dem Rittmeister, welcher kein Auge von ihm verwandte, und sich auf tausenderlei Art mit ihm beschäftigte, keine Antwort schuldig; ich weis nicht, wie es kam, dass der Rittmeister unter allen möglichen fragen, welche man an Kinder tut, auf diejenige zuletzt kam, welche immer zuerst gebraucht wird diesen Kleinen die Zunge zu lösen.

Wie heissest du, mein Engel, fragte er seinen kleinen Nachbar. Ludwig von Wilteck, erwiderte er, und dasauf Julchen zeigend, ist meine Mutter. – Ludwig von Wilteck? schrie der Rittmeister, und riss den Kleinen auf seinen Schoos, Ludwig von Wilteck? o komm an meinen Busen mein Sohn. Und dieses ist deine Mutter? O teure liebenswürdige Pflegerinn meines Kindes, ich muss, ich muss sie umarmen, verzeihen sie meine Kühnheit, ich bin, ich bin ja der Vater ihres Zöglings. Er hatte Julchen gleichfalls zu sich gezogen und sie an seine Brust gedrückt. Sie machte sich beschämt und beleidigt los, entfernte sich, und stellte sich mit glühendem Gesicht hinter meinen Stuhl. Ich begriff von allen diesen Dingen nichts, aber der Rittmeister lies mir keine Zeit zum Nachdenken, er sprang von seinem Stuhl auf, eilte mit dem kleinen Ludwig in seinen Armen auf mich zu, und machte mir eben die Liebkosungen, welche Julchen so übel aufgenommen hatte. O Mutter! Mutter! schrie er, kennen sie mich, kennen sie den Gemahl ihrer Tochter nicht mehr?

Wer kann die Empfindungen beschreiben, mit welchen ich die beiden Ludwige zugleich in meine arme schloss. Den Gemahl, den Sohn meines verewigten Hannchens! – O Mutterfreuden! keine Entzückungen der Erde sind euch zu vergleichen!

Der Rittmeister hatte wohlgetan, dass er es bis hieher verschoben hatte, sich zu offenbaren; in dem ersten Rausch der Freude über Samuel und Albert, würde seine Name nur schwachen Eindruck auf mich gemacht haben, aber jetzt war mein Herz freier, es hatte sich nun schon an den Gedanken gewöhnt, meine Verlornen wieder zu besitzen, es hatte Raum auch für andere Freuden, und die Gegenwart dieses Mannes, welcher mir um Hannchens willen so teuer sein musste, war kein geringer Zuwachs meiner Glückseligkeit.

Immer hatte ich ihn geliebt; die geschichte mit Hannchen warf zwar einen Schatten auf meine Neigung für ihn, aber wie ungerecht hätte ich sein müssen, wenn ich ihn wegen des Unglücks dieser Unschuldigen hätte anklagen wollen! er war sowohl verführt worden als sie, er hatte sie allen Kabalen zum Trotz bis in den Tod geliebt, hatte getan was in seinem Vermögen war, um ihre letzten Stunden zu erheitern, undwar der Vater meines Enkels; nur er konnte diesem verlassenen kind, das Glück verschaffen, und den Namen bestättigen, der ihm zukam; wie froh musste ich also sein ihn wieder zu sehen, ihn ganz so zu sehen, wie ich wünschte.

Der Rittmeister war ausser sich. Seinen Sohn wieder zu finden, ihn in meinen Händen, ihn so wieder zu finden, wie er war, das war ein Glück das er nicht hatte vermuten können. Er hatte ihn in den Händen der ehrlosen Katarines gelassen; sie hatte nicht für gut gehalten, ihn zu benachrichtigen, dass ich ihn ihr abgefordert hatte, sondern ihn lange mit lügenhaften Nachrichten getäuscht, um die Summen, die zu des Kindes Unterhalt bestimmt waren, für sich ziehen zu können. – Der Rittmeister war durch den Dienst nach und nach zu weit von seinem vaterland entfernt worden, um den Grund oder Ungrund ihrer Nachrichten untersuchen zu können. Es hatte ihm, wie er sagte, am Mut gefehlt, sich an mich zu wenden, und mir die sorge für ein Kind aufzutragen, dessen Dasein, wie er meinte, mir vielleicht nicht einmal bekannt war.

Er würde unser? Gegend in dem festen Wahn betreten haben, seinen Sohn noch in den Händen seiner ersten Pflegerinn zu finden, wenn ihm nicht ein Zufall denselben benommen, und ihn in die schrecklichste Ungewissheit wegen des Schicksals seines Kindes gestürzt hätte.

Madam Katarines hatte, wie man weis, nach dem traurigen Ende ihres Mannes, Hohenweiler heimlich verlassen. So wohl sie sich bedacht hatte, um für Mangel sicher zu sein, so war sie dochwie sie vorgab, durch den Kriegso herabgekommen, dass der Rittmeister sie in Böhmen, bei einem feindlichen Regimente, in dessen Hand er als Kriegsgefangener geraten war, als Marquetenderinn, angetroffen hatte. Seine erste Frage war nach seinem Sohne, und dieses Weib, welcher es nie an wahrscheinlichen Erdichtungen fehlte, hatte ihm eine lange geschichte vorgelogen, nach welcher er seinen Ludwig in den Händen von Zigeunern vermuten musste, welche ihr ihn, wie die Boshafte vorgab, bei einer einsamen Reise durch den Böhmerwald geraubt hatten.

Wie musste dem Rittmeister zu Mute sein, als er so unvermutet von dem Ungrund dieser Erzehlung und aller Sorgen, die er sich um seinen Ludwig gemacht hatte, überzeugt wurde! Welche Ueberraschung, ihn wieder zu finden, ihn