zu sprechen, in dieser Stellung, und nichts hätte meine ihn fest umschliessenden hände von ihm losmachen können, als eine stimme, welche mir auf der andern Seite zutönte. Haben sie denn nur einen Sohn? ward ich mit einem Accente gefragt, der mein Herz durchbohrte. Ich wandte mich um, ein Jüngling lag zu meinen Füssen, den ich augenblicks erkannte und mit Namen genennt haben würde, wenn Jucunde mir nicht zuvorgekommen wär, welche ihre arme um seinen Hals schlug, und den Namen Albert zehnmal in einem Atem wiederholte.
Das ist zu viel, zu viel Freude auf einmal! rief ich mit einer von Tränen gehemmten stimme, riss mich von Alberten, den ich jetzt fest umfasst hielt, los, um Samueln an meine Brust zu drücken, und sties diesen von mir, um wieder auf jenen zuzueilen. Julchen, Klare und Jucunde spielten fast die nehmliche Rolle. Die Worte: Sohn! Mutter! Bruder! Geliebte! Schwester! ertönten von allen Seiten, und waren lange Zeit der einige vernehmliche laut, den jedes unter uns auszusprechen vermochte.
Der arme Rittmeister, welcher mich zuerst bewillkommte, und ein so gutes Zutrauen auf mein Gedächtniss hatte, dass es mir seinen Namen melden würde, ging allein leer aus; ich hatte ihn ganz vergessen. Lieber Gott, wo hätte ich Gedanken für ihn hernehmen wollen! ich hatte ja Samuelen, hatte Alberten wieder, sah und hörte nichts ausser ihnen, hätte über sie mich selbst und die halbe Welt vergessen können!
Herr Rittmeister, rief Herr Harold endlich, wir sind hier im schlechten Ansehen; Küsse und Umarmung ohne Zahl werden hier ausgeteilt, und an uns denkt niemand. Wir wollen diese Trunkenen allein lassen, sie werden uns wohl folgen, wenn der Rausch vorüber ist.
Ich ermannte mich auf diese Erinnerung ein wenig, entschuldigte mich bei dem Rittmeister, hatte aber nicht so viel Nachdenken, mich nach seinem Namen zu erkundigen, sondern wandte mich geschwind wieder zu meinen Söhnen, um fragen an sie zu tun, welche zu schnell hinter einander herströmten, und in welche sich die Stimmen der drei Mädchen zu sehr mischten, als dass sie hätten verstanden und beantwortet werden können. –
Wie lange diese Scene dauerte, weis der Himmel, auch ist mir unbekannt, ob wir selbst, oder ob die Ungeduld unserer beiden Zuschauer ihr endlich ein Ende machte. – Ich war berauscht, war betäubt, der Kopf schwindelte mir, ich glaubte zu träumen, und das erste wessen ich mich nach dieser stürmischen Scene deutlich erinnerte, ist dass ich mich auf einmal in meinem Zimmer befand, auf den Knien lag, und meine gefaltene hände, auf welche mein Kopf herabgesunken war, mit meinen Tränen badete. Wir hatten den ersten Schauplatz meines Glücks verlassen, ohne dass ich es in den Gedanken, die mich so sehr beschäftigten, gewahr geworden war.
Die Stellung, in der ich mich befand, bewies, dass ich die Einsamkeit gesucht hatte, um Gott für mein unaussprechliches Glück zu danken, aber die Besonnenheit fehlte mir, ich konnte nicht danken, ich stand auf, und eilte in das Zimmer, wo ich die Stimmen meiner Kinder hörte.
Samuel kam mir entgegen, er führte mich an ein Fenster und eine halbstündige gelassene Unterredung brachte mich völlig zu mir selber. Albert schob sich in die Stelle seines Bruders ein. Wir setzten uns bald darauf zur Tafel, und ich fing nun erst an, alles Glück des heutigen Tages ruhig und in vollem Umfang zu geniessen. – Himmel! gerettet, aus so grosser Gefahr gerettet zu sein; zwei Söhne wieder zu finden, welche ich so lange Jahre hatte entbehren müssen, sie in solchem stand, sie als meine Retter wieder zu sehen! Nein, bei Gott, dies war zu viel, um ganz empfunden, und doch mit Fassung ertragen zu werden!
drei und dreissigstes Kapitel
neu entstandene und wieder erneuerte Liebe
Wir sassen bei der Tafel, ich zwischen meinen Söhnen, der unbekannte Rittmeister mir gegen über, zwischen Julchen und Jucunden, Klare bei Samuel und Harold neben der, bei welcher er nie zu sitzen versäumte. Unser Gespräch war ruhig und interessant; die Rettung des heutigen Tages, war der Hauptinhalt desselben, da fuhr Julchen plötzlich auf, ach Gott! schrie sie, über all der Freude habe ich meine Kinder vergessen!
Ein sechszehnjähriges Mädchen so reden hören, und sie denn mit der Angst einer wahren Mutter aus dem Zimmer eilen sehen, musste den Neuangekommenen auffallend sein. Ich erklärte der Gesellschaft das Rätsel. Peninnens Kinder nebst dem kleinen Ludwig waren zu der Zeit, als Herr Harold uns so schnell in den Keller verschloss, mit ihren Wärterinnen bei einer unserer Freundinnen, die wir noch in Hohenweiler hatten; es war unmöglich, sie zu uns holen zu lassen, und die Ungewissheit, wie es ihnen ergehen würde, war kein geringer teil unserer Unruhe in jenen Angststunden gewesen, da wir das ärgste befürchteten.
Die Freude über meine wiedergefundenen Söhne hatte mir wahrhaftig auch das Andenken an die lieben Kleinen geraubt, und Julchen war die erste, welche sich ihrer erinnerte. Ich war mit meiner Erzehlung, in welcher ich aber nur aus gewissen Ursachen Peninnens Kinder erwehnte, und des kleinen Ludwigs nicht gedachte, noch nicht zu Ende, als Julchen wieder erschien, und den kleinen Wilteck mit sich brachte. Sie rapportirte, die Kleinen wären wieder im haus, und hätten bereits geschlafen, aber Ludwig habe, als er sie erblickt hätte,