uns zu retten weis, die vielleicht in dieser Stunde, welche so finster und schrekkensvoll für uns ist, die Anlage zu unserm Glück macht. Wir wollen die Augen vor der Gegenwart und der Zukunft verschliessen, und in die Vergangenheit zurückgehen, ob wir in derselben vielleicht Trost und Erleichterung finden können.
O meine Mutter, rief Julchen, Klare und Jucunde haben die schöne geschichte vom Ritter Franzen und seiner frommen gemahlin noch nicht gehört, mich dünkt, sie sollte sich in diesen Gewölbern, welche so manche von denen in derselben vorkommenden Auftritten gesehen haben, gut erzehlen lassen!
Ich war nicht aufgelegt zu einer ordentlichen Erzehlung, aber wir gerieten unvermerkt in ein tiefes Gespräch über einige Umstände dieses Märchens, über seinen Einfluss in die geschichte meines Hauses, über Hannchens Tod, Julchens nächtliche Wallfart in dieses Gewölbe, den gefundenen kleinen Schatz, und eine Menge Dinge welche mit diesen begebenheiten in Verbindung standen, und ich war eben im Begriff, einige mir sehr tröstlichen Lehren aus dem Ganzen zu ziehen, als Klare auf einmal aufsprang, und mit wildem blick die Stelle am Gewölbe wo sie gesessen hatte anstarrte. Was sehe ich, schrie sie, Spuren? Spuren von Blut? – Vielleicht ist hier die Stelle! – Gott ich bin ausser mir!
Wir betrachteten alle den Ort, den sie uns bezeichnete, und verschiedene Merkmale machten es nur gar zu gewiss, dass auf diesem Flecke der unglückliche Katarines sich das Leben genommen hatte.
Mit bleichen von Schrecken verlängerten Gesichtern starrten wir uns an; unsere Haare sträubten sich empor; die fürchterliche Scene an welche wir noch gar nicht gedacht hatten, mahlte sich sichtbar vor unsern Augen. Ein kalter Schauer goss sich durch unsere Gebeine, und ein schreckliches Gellen sausste in unsern Ohren. Die jungen Mädchen nahmen die Flucht in den obern Keller, als ob Geister sie verfolgten, und ich folgte, etwas weniger erschrocken, aber vielleicht noch tiefer als sie von dem Andenken dieses Unglücklichen verwundet, der hier sein Leben endete, langsam nach.
Atemlos langten wir in dem obersten Gewölbe an, wir hatten noch nicht Luft genug geschöpft, um zu Worten kommen zu können, als wir ein Geräusch an der Kellertür hörten, welches beinahe gemacht hätte, dass wir an den fürchterlichen Ort zurückgeflohen wären, von welchem wir herkamen.
Zwei und dreissigstes Kapitel
Wiedersehn
Die Schlösser wurden eröffnet, die Riegel hinweggezogen, die Tür sprang kreischend auf; es war zu spät zu entfliehen; und wofür hätten wir auch fliehen sollen? Der Ausruf: Friede, Friede, welcher aus Herrn Harolds mund tönte, war schon im stand, uns alle Furcht zu benehmen. Er war der erste von den Herabsteigenden, ihm folgten drei Offiziers, deren Uniform uns zeigte, dass wir in Freundes Händen waren.
Madam Haller, redete mich Herr Harold an, welcher noch immer an der Spitze der Ankommenden stand, ich hoffe, sie werden meinen Friedensgruss nicht zu weit ausdehnen; rund um uns her ist noch alles Krieg, aber diese Helden hier, haben unserm geliebten Hohenweiler einen Interimsfrieden gebracht. Die Pechkränze waren schon in allen Winkeln aufgehängt, die Fackel zu unserm Verderben war schon angezündet, da kam das Gerücht von unsern anrückenden Freunden; unsere Widersacher fühlten sich zu schwach, und stahlen sich auf der Nordseite davon, als unsere Retter von Süden her, anmarschirt kamen. Das Geschäft sie nach Würden zu bewillkommen, raubte mir bis jetzt die Zeit, Rapport in den Keller von dem Zustand der Sachen abzustatten. Diese Herren hörten nicht sobald, dass hier die Rede von gefangenen Damen sei, als sie sich erboten, mich zu begleiten, und selbst Hand an ihre Befreiung zu legen.
Zweierlei war mir noch ausser der Ueberraschung bei der ganzen Sache, in Harolds Rede bedenklich; der ganz ungewöhnlich muntere Ton derselben, und das geflissentliche Bestreben während derselben, sich stets so zu drehen, dass das schwache Licht der Leuchten, die wir bei uns hatten, und der düstre Schein der vom Gewölbe herabhangenden Lampe nicht auf diejenigen fiel, welche ihm folgten.
O so entziehen sie uns doch nicht länger den Anblick unserer Befreiten, rief einer von den hinter ihm stehenden Offiziers, indem er ihn bei den Schultern fasste und auf die Seite drehte.
Madam, sagte Harold und fasste den andern bei der Hand, hier sehen sie den tapfern Anführer unsrer Retter, den Herrn Rittmeister von – O schweigen sie rief der Rittmeister mit einer bekannten stimme, rauben sie mir das Vergnügen nicht, ungenennt von Madam Haller erkennt zu sein.
Er nahte sich mir, fasste meine Hand, drückte sie an seinen Mund, blickte mich an, und fragte mit einer Träne im Auge: kennen sie mich nicht? kennen sie ihren –
Vielleicht hätte ich seine Frage mit ja beantworten können, wenn ich Zeit gehabt hätte, mich zu besinnen, und nicht durch einen lauten Schrei, den Klara aussties, auf einen andern von den Ankommenden aufmerksam gemacht worden wär.
O Haller, mein geliebter Haller, rief Klare aus, und sank fast ohnmächtig in die arme des ältesten von Harolds Begleitern. Dieser Ausruf und ein fest auf ihn gerichteter blick liess mich in einem Nun erkennen, wen ich vor mir hatte. Ich riss mich von der Hand des Rittmeisters los, und stürzte mich auf den, welcher Klaren umfasst hielt, ohne etwas anders als den Namen Samuel aussprechen zu können.
Samuel riss sich aus Klarens Armen, und warf sich in die meinigen, wir blieben lange, unvermögend ein Wort