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Hohenweiler ward mit einer unerschwinglichen, der Grösse des Orts gar nicht angemessenen Brandschatzung belegt. Julchen war die erste, welche ihren ganzen Reichtum, der durch die Freigebigkeit des Obristlieutenants ihres Schwagers, nicht ganz unbeträchtlich war, zur Rettung der armen Einwohner von Hohenweiler anbot. Ich opferte alles auf, was ich an Schmuck und Silberzeug besass, Jucunde und Klare taten auch das Ihrige, und Herr Harold, so sehr er über die Ungerechtigkeit, unschuldige Weiber zu berauben, murrte, sah doch, dass es so sein musste, und vermehrte unsere Kollekte mit allem was im Hohenweilerschen Keller gefunden worden war, und was die Obrigkeit, ihm als dem Finder auf des Obristlieutenants Anregen ehemals zugesprochen hatte. Wir brachten ein ganz artiges Sümmchen zusammen, und es liess sich hoffen, der Feind würde, wenn er gleich baares Geld erblickte, sich zur Nachsicht bewegen lassen.

Aber leider reichte unser Zusammengebrachtes noch nicht ganz an die Hälfte der Forderung, und die Hälfte musste schlechterdings ganz geliefert werden, wenn man auf vierzehntägige Nachsicht hoffen wollte. – Herr Harold wandte sich an die Vornehmste des Orts, er stellte ihnen vor, was wir getan hatten, die wir eigentlich gar nicht mehr nach Hohenweiler gehörten, und ermahnte sie zu einer ergiebigen Beisteuer; die meisten von ihnen wollten die Last auf die ärmern Einwohner wälzen, die Harold nicht zu drücken gedachte, wandten gewisse Vorrechte und Freiheiten vor, und nur einige von ihnen liessen sich bewegen ihre Sicherheit mit einigen entbehrlichen Kostbarkeiten zu erkaufen. Harolds letzte Zuflucht war nur noch der Pfarrer, er war ein bekanntlich reicher Mann, noch eben derselbe, welcher nebst seiner Frau schon in den vorhergehenden Blättern erwehnt worden ist, aber die Antwort, welche Harold erhielt, lies sich erraten.

Die Frau Pfarrerinn, welche allein gegenwärtig war, erwies, dass ein Geistlicher bei solchen Gelegenheiten nichts zu zahlen schuldig sei, als ein kleines Kontingent, welches ihr Mann ja bereits erlegt habe; über dieses versicherte sie, sie wisse aus guter Hand, der Feind würde, wenn es aufs äusserste kommen sollte, doch nichts weiter tun, als das alte Schloss bloss zum Schrecken hinwegbrennen, und sie sähe nicht ein, was sie und ihr Mann für Verbindlichkeit hätten, anderer Leute Sicherheit mit ihrem Gelde zu erkaufen.

Herr Harold kehrte ihr verächtlich den rücken, und brachte uns ängstlich Harrenden, die Schreckenspost nach haus, dass alles verlohren sei. Wir machten Anstalt unsere besten Sachen in den Keller zu räumen, aber wir wurden übereilt, und Herr Harold welcher besorgt war, irgend ein unheilig Auge möchte an Jucundens Schönheit hangen bleiben, eilte nur sie und uns in den Keller zu bringen, welcher in Ritter Reutlingens unterirdischen gang führte, den er hatte stützen und bis zu dem Ausgang auf das Feld räumen lassen, so dass wir hoffen konnten, in demselben ohne alle Gefahr zu sein, und im höchsten Notfall doch den Weg zur Flucht offen zu haben.

Wer vermag die Angst zu schildern, in welcher wir uns an diesem schauerlichen Orte befanden! Herr Harold hatte uns augenblicklich verlassen müssen, und kaum Zeit übrig behalten, die eisernen Riegel hinter uns zuzuschieben, und die Schlösser vorzulegen.

Die Einbildung vergrösserte die Gefahr, in welcher wir uns befanden. Wir glaubten bald wütendes Mordgeschrei, bald knisternde Flammen und einstürzende Bälke über uns zu hören. Jucunde zitterte für Harolden, und gab durch ihr ganzes Betragen zu erkennen, dass jene dunkeln unerklärlichen Gefühle, von welchen sie ehemals mit mir sprach, nur gar zu bald in Liebe ausgeartet waren; sie war die letzte, die sich entschloss, auf Julchens Antrieb, tiefer hinab, in Ritter Reutlingens Gewölbe zu steigen. Sie wähnte weiter oben, demjenigen, den sie in Gefahr glaubte, näher zu sein, und nur die Vorstellung, dass sie ihm mit ihrer nahen oder fernern Gegenwart doch nicht zu helfen vermöchte, bewegte sie, uns endlich zu folgen.

Wir stiegen hinab, aber ob wir gleich überzeugt waren, dass wir uns hier für Feuer und für Ueberfall gleich sicher befänden, so wollten doch unsere Herzen nicht anfangen, ruhiger zu schlagen. Der Ort war wirklich nicht darnach, uns ruhige Empfindungen einzuflössen, zu den Schrecknissen, welche ihm schon zu jenen zeiten, nicht fehlten, da ich ihn kennen lernte, kam auch noch jetzt seine Baufälligkeit; Katarines hatte ihn fürchterlich durchwühlt, die gesunkenen Gewölber drohten überall den Einsturz, die hier und da angebrachten Stützen schienen sich zu beugen, und der frische Schutt welcher uns an verschiedenen Stellen aufsties, zeigte, dass wir vor dem Nachsinken nicht sicher wären.

Der beste Rat für uns war den Ausgang zu suchen, welcher uns aufs Feld führte, und uns nahe bei demselben aufzuhalten. Wir machten uns auf den Weg, und Julchen, welche ehedem diesen Ort mehrmals durchwandert hatte, bot sich zur Führerinn an; aber wie sollten wir uns in den verschlungenen Gängen zurecht finden? Harold hatte vergessen uns die Gegend des Ausgangs zu bezeichnen, und wir mussten uns endlich entschliessen, wieder zurück zu kehren.

Wir fanden in der zweiten Vertiefung der Gruft nicht weit von der Stelle, wo ich Julchen ehemals ohnmächtig fand, die ich meine Begleiterinnen schon beim ersten Vorübergehen hatte bemerken lassen, einen Platz, wo die Gewölber fester zu schein schienen. Wir waren ermüdet, und entschlossen uns, auf etlichen hinabgehenden Stufen niederzusetzen.

Was hilft es uns endlich, meine Kinder, sagte ich, uns durch fruchtlose Angst abzumatten; unser Schicksal ruht in einer Hand, die