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; warf er denn einen flüchtigen blick auf sie, so sanken ihre Augen schnell zur Erde. Nie sprach sie in seiner Gegenwart, brauchte heute tausenderlei erzwungenen Vorwand bei seinem Besuche nicht gegenwärtig zu sein, und errötete morgen vor Schrecken, wenn er da gewesen war, ohne von ihr gesehen zu werden.

Ich fand wenig Gefallen an diesem wunderlichen Wesen; ich nannte es gegen sie, Ueberbleibsel von dem ehemaligen Teaterleben, und sie, welche wohl wusste, dass dieses fast der grösste Schimpf war, den ich ihren Handlungen beizulegen pflegte, hielt es für gut, aufrichtig gegen mich zu sein, und mir ihre Gedanken von Herrn Harold, so weit sie selbst sie sich zu erklären wusste, frei zu entdecken.

Sie tun mir unrecht, liebe Mutter, sagte sie, wenn sie mein Betragen gegen diesen Mann für Koketterie, oder gar für Liebe halten. Ich suche so wenig seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen, als er die meinige erregen würde, wenn ich gewisse Ideen unterdrükken könnte, welche sich mir mehrmal bei seinem Anblick aufdringen, und die ich selbst nicht zu enträtseln weis.

Seine person ist mir ein Gegenstand, den ich schon irgendwo, vielleicht im Traum gesehen habe. Ich forsche in seinen Zügen, und finde immer mehrere Aehnlichkeit mit einem Schattenbilde, das mir nur dunkel vorschwebt. Eine Art von dankbarer Zuneigung reisst mich zu ihm hin, und macht mir seine Erscheinung erwünscht, und gleichwohl erregte der Ton seiner stimme eine Erschütterung in mir, die keinesweges angenehm ist, und die ich Schrecken oder ahndende Erinnerung widriger vergangener Dinge nennen würde, wenn ich wüsste wohin ich dergleichen Empfindungen rechnen sollte.

Ich schüttelte den Kopf gewaltig über das unverständliche schwärmerische Gewäsch des Mädchens. Es war eben zu selbiger Zeit jene für Teutschland so wichtige Epoche der Empfindlichkeit eingetreten; das arme Julchen, die bei ihrer Schwester der Obristlieutenantinn, bei welcher sie lebte, mehr Nachsicht fand als bei mir, hatte schon angefangen ihren angebohrnen Hang zu solchen Dingen mit der damaligen Modelektüre auf eine Art zu nähren, welche mir bange für sie machte, und ich hätte aus Jucundens Reden bald urteilen sollen, sie müsse ihr einige von ihren Büchern mitgeteilt, und sie mit ihren unerklärlichen Empfindungen und ahndenden Gefühlen angesteckt haben. Ich gab Jucunden meine Gedanken zu erkennen; sie seufzete und schwieg, und es verging wieder eine lange Zeit, ohne dass ich eine Veränderung in den gewöhnlichen Erscheinungen bemerkt haben sollte, nur davon ward ich nach und nach immer gewisser, dass Jucunde Harolden nicht gleichgültig sei; was für äusserliche Merkmale ich hiervon hatte, darüber könnte ich meinen Lesern verschiedene Bücher zum nachschlagen nennen, in welcher sie die Symptomen einer angehenden Liebe deutlich auseinander gesetzt finden werden, aber ich will mich bei diesen Dingen nicht aufhalten, sondern zu wichtigern begebenheiten übergehen, welche nicht allein mich, sondern auch die ganze Gegend betrafen, in welcher wir lebten.

Der Krieg, welcher in unserer Landschaft so grosse Verheerung anrichtete, brach aus. Der Obristlieutenant musste zu seinem Regimente; seine gemahlin, welche sich keinen Augenblick von ihm zu trennen wusste, begleitete ihn, und lies ihre Kinder, einen Knaben und zwo Mädchen bei mir. Klaren wurde geraten, sich auf ihre Güter zu begeben, und sie durch ihre Gegenwart vor dem Verderben zu schützen, aber sie war zu schwach und furchtsam, einen so vernünftigen Entschluss zu ergreifen. Ich und die Meinen, fanden unsere Sicherheit nicht länger in dem geliebten Traussental, wir überliessen es dem General des in der Nähe liegenden feindlichen Heers zur wohnung, und gingen nach Hohenweiler, um bei unserm alten Freund Harold, welcher jetzt durch die Unterstützung des edlen Obristlieutenants, Amtmann daselbst war, Zuflucht zu suchen.

Hätte Harold seinem Trieb zum Soldatenleben nachgeben wollen, er wär seinem alten gönner ins Feld gefolgt. Das Wort Krieg erregte alle seine Heldenentwürfe in seinem Herzen, welche er ehemals, weil der ihm so verhasste Friede kein ende nehmen wollte, dem Studieren aufopferte; er hätte sichs gefallen lassen, wieder von unten auf zu dienen, und sein Avancement von der Zeit, von seiner Tapferkeit, und von dem vielsagenden Wörtlein von erwartet, welches er bisher ganz vergessen hatte, und nun erst aus dem bürgerlichen Aktenstul hervorzusuchen gesonnen war. Aber des Obristlieutenants Zureden, und Peninnens Bitten drangen durch, beide waren froh ihrer verlassenen Familie einen braven und entschlossenen Mann zurück zulassen, welcher derselben bei den bedenklichen Aussichten, Schutz und Zuflucht sein könne, und Harold fand in seinem eigenen Herzen etwas, das ihn in dieser Betrachtung zum Bleiben bewegte; Jucunde war ja in dieser Gegend, und ihrentwegen konnten ja auch wir andern wohl auf seinen Beistand rechnen.

Ein und dreissigstes Kapitel

Man flieht in Reutlingens unterirdischen gang

Die Ruhe, welche wir in Hohenweiler zu finden geglaubt hatten, dauerte nicht lange. Derjenige teil der feindlichen Truppen, welcher im ganzen land wegen seiner zwecklosen Grausamkeit verschrieen war, nahte sich unserer Gegend. Herr Harold, ehemals selbst ein Kriegsmann, hatte immer Mut und Klugheit genug gehabt, denen durchmarschierenden Truppen so zu begegnen, dass der ganze Kreis, welcher unter seiner Aufsicht stand, wenig Ueberlast empfand, und die Einwohner von Hohenweiler konnten sich rühmen, in Vergleichung mit ihren Nachbarn, kaum die Schrecknisse des krieges zu kennen; aber sie für dem Feinde der sich uns nunmehr näherte zu schützen, dazu war weder Mut noch Klugheit hinlänglich. Wir konnten jeden Abend von unsern Türmen aufgehende Feuer erblicken, Vorboten desjenigen, was uns bevorstand.

Der Feind rückte ein.