ein Julchen, kaum eine Peninne zu finden, welche bei allen ihren Schwachheiten und Fehlern doch im grund wahrhaftig gut und edel dachten.
O ihr Menschenkenner, ihr steht auf einem gefährlichen Posten; euer Forschungsgeist, und das bewafnete Auge des Naturkenners, vernichtet Güte und Schönheit; er und ihr wendet euch oftmals mit Abscheu von Gegenständen hinweg, welche wir gemeinen Seelen mit bewunderndem Beifall anstaunen, und in unserer Täuschung glücklich sein.
Man verzeihe mir diese Ausschweifung. Die damalige Epoche meines Lebens, die sich durch Ruhe und Muse auszeichnete, gab mir gelegenheit zu mancher Betrachtung, und wie kann man es einer schreibseligen oder geschwätzigen Alten zumuten, ihre Gedanken alle in dem Innersten ihres Herzens zu verschliessen? –
Wie ich gesagt habe, meine bisher so unruhigen Tage fiengen an gegen den Abend meines Lebens ruhiger zu werden, alles um mich her war so heiter und still wie an einem schönen Septembertage, wenn die lachende natur ihr Abschiedfest feiert, und nur hier und da gelbes Laub oder abgemähte Felder uns erinnern, dass der Winter herannaht. Ich hatte fast alle meine Kinder um mich; die, welche mir nicht so nahe waren, besuchten mich, oder holten mich, wenn ich zu ihnen kam, mit Freude und wie im Triumpf in ihre Wohnungen ein, und von denen ganz Abwesenden, o Himmel, von meinem Samuel, von meinem Albert, hatte ich gute Nachricht. Sie waren auf der Rückreise begriffen, sie hatten in dem land, wo mancher Elend und Tod erbeutete, Ruhm und Ehre erworben, und ob sie gleich weder Lasten von Goldsand, noch rohe Diamanten mitbrachten, ob sie gleich weder reiche Vettern zu beerben, noch amerikanische Wittwen zu heiraten vorgefunden hatten, so schien mir es doch, dass sie nicht ganz so arm in ihr Vaterland zurückkehrten, als sie es verlassen hatten.
Man denke sich mein Glück, denke sich das gegenwärtige Gute, das ich genos, und die Aussicht auf die grösste Freude dieser Erde, auf das Wiedersehen dererjenigen, die ich so lang entbehren musste!
Die Hoffnung erleichterte mir die lange Erwartung, es schlichen Jahre dahin, und ich sah meine Söhne immer noch nicht, aber tröstende Briefe sagten mir, dass sie jetzt hier, jetzt an einem andern Orte wären, dass sie hier durch Geschäfte, dort durch Vergnügungen aufgehalten würden, und so gab ich mich zufrieden.
In meinem haus fehlte es auch nicht an Auftritten, welche mir die Zeit kürzten! Peninna beschenkte ihren Gemahl mit einem Sohne. Der redliche Obristlieutenant, welcher immer für das Glück meiner Kinder wachte, machte Amaliens Gatten ausfindig, riss ihn von dem leidigen mir so verhassten Teaterwesen los, machte ihn zum Aufseher seiner entfernten Güter, vereinigte ihn wieder mit seiner verlassenen Frau, und liess beide wohlbeschenkt nach dem Ort ihrer Bestimmung abreisen; Jucunde – doch nein, diese darf ich nicht so kurz abfertigen, ich fange ihr zu Ehren ein neues Kapitel an, und nähere mich mit demselben zugleich einem wichtigen Zeitpunkte meines Lebens.
Dreissigstes Kapitel
Krieg
Wir lebten einsam; niemand als die Personen, welche ich zu meiner Familie rechnete, ging bei uns aus und ein, und wenn nicht zuweilen der Herr Amtsverweser von Hohenweiler, den Obristlieutenannt seinen alten gönner bei mir suchte, oder eine Bestellung von ihm an mich hatte, so konnte ich mit Recht sagen, dass kein Fremder meine Schwelle betrat.
Aber dieser Herr Harold kam auch so oft, suchte den Herrn von Sarnim in Traussental, wenn er wissen musste, dass er nicht zugegen war, und brachte Bestellungen von ihm, wenn ich ihn eine Stunde vorher gesehen hatte, dass endlich sein Gesicht so gewöhnlich bei mir ward, dass man ihn kaum mehr für einen Fremden rechnen konnte.
Der unglückliche Tod des Katarines hatte alles auf dem amt zu Hohenweiler in der grössten Unordnung gelassen; es fanden sich ansehnliche Defekte in der Kasse; Madam Katarines hatte sich in der Stille aus dem Staube gemacht, und verschiedene Dinge von Wichtigkeit mit sich genommen; die untergrabenen Gewölber des Schlosses drohten den Einsturz; man hatte wirklich in einem Winkel des Kellers noch etwas von altem Gelde gefunden; dieses und eine Menge andere Dinge gaben Herrn Harold unzählige Gelegenheiten nach Traussental zu kommen, und es schien nicht anders, als hielt er mich für die Oberaufseherinn des ganzen Hohenweilerischen Kreises, welcher er von allem, was sich in demselben zutrug, genauen Rapport abstatten müsste.
Mir war übrigens sein Zuspruch nicht entgegegen; er war ein hübscher gesetzter Mann, ohne Umstände, mit dem es sich gut umgehen liess, und hätte er mit seiner ansehnlichen Figur, eins von den artigen Puppengesichtergen verbunden, welche unsere junge Mädchen so gern sehen, so hätte ich aus manchen Umständen schliessen können, dass ihn meine Jucunde, die einige von meinen Töchtern; welche jetzt beständig um mich war, nicht ungern sähe; aber daran war nicht zu denken. Ein hageres von der Sonne verbranntes Gesicht, ein paar finstere schwarze Augen, und einige Schmarren über Mund und Wangen, machten Herr Harolden selbst in meinen Augen zu keinem reizenden gegenstand, und sein offnes gerades Wesen, das ich ihm ganz gern verziehe, war oft so beschaffen, dass es nach dem Urteil eines verwöhnten Mädchens, wohl den Namen der Unhöflichkeit verdienen konnte; was hätte denn einer blühenden Schönheit, wie Jucunde, an ihm gefallen können?
Doch hatten ihre Augen einen besonderen Ausdruck, so oft sie ihn erblickte. Wenn er mit mir sprach, so schien sie alle seine Gesichtszüge zu mustern