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, ganz von ihr vergessen zu sein, und sie setzte jetzt grosse Hoffnungen auf die Vermittelung ihrer Schwestern, und den durch sie abgeschickten Brief, dass dadurch alle Misverständnisse aufgehoben werden würden.

Aber wie erstaunten wir, als wir nach einiger Zeit diesen Brief, ohne eine Zeile zur Beantwortung zurück erhielten; auch das kleine Geschenk, das ich für die Frau, die ich so sehr verehrte, bestimmte, und das meine gattin nebst dem Briefe abgeschickt hatte, war verschmäht worden, und es entielt Spuren, dass man ihm, diesem unschuldigen Merkmahl meiner achtung mit der äussersten Geringschätzigkeit begegnet hatte.

Meine Frau war in Verzweiflung, und ich kann nicht läugnen, dass auch ich nicht kaltsinnig bei der Sache blieb. Ein alter Soldat ist in solchen Dingen empfindlich. Sie müssen mir verzeihen, Madam, wahrlich, ihr Betragen kränkte mich in der Seele, und ich weis es nicht, ob ich in meinen Ausdrücken über diesen Punkt, allemal in den Schranken der Sanftmut geblieben bin, wenigstens hat mir meine Peninne zuweilen so etwas vorgeworfen. Auch Amalie und Jucunde, bekamen ihren teil an meinem Unwillen; sie waren in meinen Augen Friedensstöhrerinnen, oder hatten wenigstens ihren Auftrag schlecht ausgerichtet.

Peninne setzte ihre ganze Hoffnung auf eine mündliche Unterredung; sie sehnte sich nach Hohenweiler zu ihren Eltern, und ich hätte die angenehme Reise dahin, längst mit ihr unternommen, wenn nicht meine Geschäfte mich teils noch eine Zeitlang zu Wien aufgehalten, teils meine Gegenwart auf meinen Gütern notwendig gemacht hätten; ich habe sie nunmehr alle besucht, alles auf denselben in Richtigkeit gebracht, nur das eine neugekaufte, haben wir noch nicht gesehen; es ist in ihrer Nachbarschaft, in denke mit meiner Frau morgen dahin abzugehen; es soll inskünftige unsere beständige wohnung sein. Es würde mir leid tun, wenn wir uns so bald wieder von denen, die wir lieben, trennen müssten.

Acht und zwanzigstes Kapitel

Tod des Tyrannen dieser geschichte, des Herrn

Katarines

Hier endigte der Obristlieutenant seine Erzählung, und es lässt sich denken, was für Eindruck sie auf uns alle machte.

Ich hab es für unnötig gehalten, die Entschuldigungen, Rechfertigungen, und alle Aeusserungen der Freude, des Kummers und der Verwunderung, mit einzuflechten, an welchen sie hier und da unterbrochen wurde, und eben so unnötig dünkt es mich, die Scene, welche auf dieselbe folgte, zu schildern. Lang getrennte Freunde, Eltern und Kinder, die durch Misverständnisse entzweit, und nun wieder vereinigt wurden; Unglückliche, welchen sich endlich eine heitere Aussicht auf dauerhafte Ruhe zeigt, werden am besten wissen, was unter uns vorging, und mir die schwere Schilderung ersparen; und wer hat nicht in seinem Leben, im Grossen oder im Kleinen einen solchen Auftritt erfahren! – – –

Es ist wohl nicht leicht auf dieser veränderlichen Welt, eine Freudenstunde, welche nicht durch eine Wolke getrübt wird; gut, wenn der verfinsternde Schatten, nicht uns unmittelbar tritt, wenn die Träne, die in unsern jubel fliesst, nur eine Träne des Mitleids und der so allgemeinen Menschenliebe, nicht des tiefen herznagenden Kummers über eigene Leiden sein darf.

Des Obristlieutenants Kammerdiener, welchen er nach Hohenweiler geschickt hatte, kam zurück. Er schien bestürzt zu sein, und meldete auf Befragen nach der Ausrichtung seiner Botschaft, Herr Harold habe wahrscheinlich noch keine Zeit gehabt, den an ihn abgeschickten Brief zu eröfnen, weil alles zu Hohenweiler wegen des plötzlichen Todes des Amtmanns in grosser Verwirrung gewesen sei. Herr Harold habe, als er den Namen des Obristlieutenants von Sarnim gehört, ihn eilig zurückreiten heissen, um seinen Herrn zu versichern, dass er, sobald er sich von seinen Geschäften losmachen könne, selbst kommen wollte, um ihm und der Familie Haller von allem Nachricht zu geben, was sie zu wissen verlangten.

Wir erstaunten alle über den plötzlichen Tod des Amtmanns, welchen der Obristlieutenant gestern noch gesund und wohl gesehen hatte, und unser Erstaunen verwandelte sich in eiskaltes Entsetzen, als der Bote sich deutlicher erklärte, und uns berichtete, wie ihm bei dem ersten Schritt in das Städtchen, das Gerücht entgegen gekommen sei, der Amtmann habe sich diese Nacht in einem Keller des Schlosses erschossen; ein Gerücht, welches hernach, als er im schloss abtrat, durch den Augenschein bestättigt wurde.

Man erspare mir die schreckliche Beschreibung oder Scene, die uns unser Erzehler hierauf lieferte. Katarines hatte sich wirklich das Leben genommen, und das Gerücht schob diesen entsetzlichen Entschluss, auf die Verzweifelung, in welchen den Elenden eine getäuschte Hoffnung von ganz besonderer Art gestürzt hatte.

Die Begierde nach noch mehrerem Reichtum als er bereits besass, hatte ihn auf den Einfall gebracht, einen Schatz zu heben, welcher, nach der gemeinen Sage, im Schlosskeller verborgen liegen sollte. Er war schwach genug gewesen, nachdem er das halbe Schloss vergebens unterminirt, die Sache ganz nach der Vorschrift des Aberglaubens anzufangen. Er hatte zu dem Ende eine Menge Betrüger um sich versammelt, welche ihn am Ende eben so getäuscht hatten, wie Herr Hallern die Adepten.

Die Nacht, welche bestimmt gewesen war, ihn zum Herrn unermesslicher Schätze zu machen, war die Nacht seines Todes geworden. Man hatte ihn am Morgen mit zerschmetterter Hirnschaale in dem unterirdischen Gewölbe gefunden, und nicht weit von ihm einen Zettel, in welchem die Ruchlosen, die ihn bewogen hatten, ihm mit niedrigen Hohn für die Schätze dankten, welche er ihnen aus seinem Kasten habe zufliessen lassen, und mit welchen sie nun vergnügt Hohenweiler verliessen; sie