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als ich hätte wissen sollen, und bei welchen es auch für mich bedenklich war, wenn er wusste, dass sie mir bekannt waren. Aber ich fasste mir Mut, nahm halb mit, halb wider seinen Willen alle Papiere zusammen, die zur Berichtigung unserer Sache gehörten, versicherte ihn lächelnd, dass wenn ich Geheimnisse fänd, meine Augen vor allem ausser den Zahlen verschlossen bleiben sollten, und entfernte mich. – Ich erstaunte über die Summen die ich erblickte, und ich läugne es nicht, der Name seiner guten Freundinnen aus der Stadt, die ich auf allen Seiten fand, wo etwa eines Juwelierers, eines Seidenhändlers, oder einer Putzkrämerinn gedacht war, pressten mir mehr Tränen aus, als die Summen, die ihnen zu Liebe verschwendet worden waren.

Ich dachte an mein Versprechen, meine Augen vor gewissen Dingen zu verschliessen, und tat das Gelübde hinzu, auch meinen Mund verschlossen zu halten; das ist, selbst der Vertrauten aller meiner Geheimnisse, meiner Tante, nichts von unsern geheimen Angelegenheiten wissen zu lassen; ein Entschluss, der mir um so viel leichter zu erfüllen ward, da ich, wie ich anfangs fürchtete, ihrer Hilfe nicht dabei nötig hatte. Die fürchterliche Summe, die ich von allen diesen Summen herausbrachte, überstieg freilich das, was mein Mann von der Güte seines Onkels erhalten hatte, aber mit Hilfe einiger kleinen Geschenke, die ich von Zeit zu Zeit, teils von meinem Albert, teils von Madam Haller erhalten, und zum Glück nicht verschwendet hatte, gelang es mir, unsere Schulden völlig zu tilgen, ohne die Summe angreifen zu dürfen, die den Grund unsers Glücks an einem andern Ort legen sollte.

Mein Mann schloss mich in seine arme, so zärtlich wie an unserm Verlobungstage, und überhäufte mich mit Lobsprüchen, aber schnell fuhr er zurück, fragte mich, was Madam Haller zu der Sache meine, und drückte mich von neuem noch fester an sein Herz, als ich ihn lächelnd fragte, ob es notwendig sei, dass sie um unsere geheimen Angelegenheiten wisse?

Tausend Versprechungen, deren wahren Sinn ich mich nicht zu verstehen stellte, folgten dieser Umarmung, und eine umständliche beichte aller vergangenen Dinge würde den Schluss gemacht haben, wenn ich klein genug gedacht hätte, ihm ein so demütigendes Bekenntniss zu gestatten. Ich legte meine Hand auf seinen Mund, küsste ihn, und hüpfte zum Zimmer hinaus, so froh, als ob man mir dreimal die Summe geschenkt hätte, von welcher hier die Rede war.

Was mochte mich doch so froh machen? Vielleicht die wiederkehrende Zufriedenheit meines Mannes? Vielleicht seine verneute Zärtlichkeit? Vielleicht seine Bereitwilligkeit an den Ort seiner künftigen Bestimmung zu gehen? Oder sollte es nicht vielleicht heimliche Freude gewesen sein, dass er, wie ich aus einigen halbgesprochenen Worten erriet, in seiner gegenwärtigen traurigen Lage, meine Nebenbuhlerinnen in ihrer wahren Gestalt kennen gelernt hatte; dass er vielleicht jetzt von ihnen so schimpflich war verlassen worden, als sie verdient hätten, von ihm verlassen zu werden? – Der Himmel verzeihe mir diese Schadenfreude, welche auf den höchsten Gipfel stieg, als meine Mutmassungen des andern Tages durch die Relation der Madam Haller bestättiget wurden. – Weis der Himmel, woher die Frau alles erfuhr. Sie konnte mir diese für mich so trostvollen Scenen so lebhaft mahlen, als ob sie selbst dabei zugegen gewesen wäre. – Ich bewundere ihre Talente hinter alles zu kommen, die wirklich einem Pariser Polizei-Lieutenant Ehre gemacht haben würden, aber die Rolle bei einer von meinen Töchtern zu spielen, die sie in diesem Stück bei mir übernahm, würde ich mich nie verstehen; es gehört grosse Klugheit dazu, gewisse Dinge zu wissen und sich gut dabei zu verhalten; Unwissenheit ist in dergleichen Fällen tausendmal besser, als die genaueste Kenntniss.

Zehentes Kapitel

Die alte Frau wird doch ganz zum kind mit ihrem

Sohn Samuel

Nichts hielt uns nunmehr ab, an den Ort zu eilen, an welchem mir so manche neue unerwartete Auftritte bevorstanden. – Das was mich vorher mit den grausamsten Besorgnissen erfüllte, die geringe Entfernung des Orts, wohin wir gedachten, von demjenigen, den wir verliessen, ward jetzt, da ich den Umgang mit meinen Nebenbuhlerinnen gänzlich aufgehoben wusste, der Grund meiner lebhaftesten Freude. Hätte ich ohne diesen Umstand meinen guten Vater so oft sehen können, der sich nicht von seinem Paradiese, wie er es nannte, trennen wollte, und den zu besuchen, oder Besuche von ihm zu erhalten nun eine so leichte Sache war.

Mit frohen Herzen kamen wir zu Hohenweiler an. Wir fanden eine kleine artige Stadt in einer herrlichen Gegend, die Leute hatten einen gewissen treuherzigen Ton, der mir gefiel, man schien wenig auf Eitelkeit und Flitterstaat zu halten, und die Notwendigkeiten des Lebens kaufte man in einem so geringen Preisse, dass ich heimlich über die grossen Ersparnisse, die wir hier bei einem ganz guten Einkommen machen würden, jauchzte. Meine Tante, der ich meine Plane vorlegte, lachte, und nannte mich geizig; die liebe Frau, sie wusste nicht wie schlecht es mit unserm Vermögen stand! doch ich will nicht klagen; hatten wir nicht genug für uns und unsere Kinder, und die Armen, deren es hier wie überall gab?

Mein Mann schien sich ganz gut in ein Leben ohne Ueberfluss und Mangel zu schicken. Seine arbeiten würzten ihm die kleinen wohlfeilen Freuden, die wir uns gewähren konnten, und ich habe ihn in den damaligen zeiten oft beteuren hören, dass er bei unsern Erndten