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und auch ich hätte nie ein solches Gewebe von Bosheit vermuten können, wenn ich nicht durch einen Zufall hinter dasselbe gekommen wäre.

Peninna nahm das Wort von neuem: Gabriele war froh mich in ihrer Gewalt zu haben. Sie stellte mich ihrem Gemahl vor, und die Bestürzung die er über meinen Anblick, und über meinen Entschluss bei seiner gemahlin zu leben, blicken liess, war zu sichtlich, um mir und der Regierungsrätinn zu entgehen. Gabrielens Gesicht ward mit einer glühenden Röte überzogen, und ich dachte bei mir selbst, die gute Frau möchte doch wohl einen zu vorteilhaften Begrif von der ungeteilten Liebe ihres Gemahls für sie haben. Der Entschluss auf meiner Hut zu sein, allen Umgang mit meinem ehemaligen Liebhaber zu fliehen, und seine gattin, die in meinen Augen so unschuldig und truglos handelte, nicht mit Undank zu belohnen, war fest gefasst.

Ich fand bald, dass ich ursache zu diesem Entschluss hatte. Sie beste Mutter, gaben mir einesmals die Lehre, ein ehrliches Mädchen müsse sich jedem Auge entziehen, welches kein Recht hätte, nach ihr zu blikken, wenn sie sich nicht, selbst bei ihren Verehrern, in schlechten Kredit setzen wolle, und ich ward jetzt von der Wahrheit dieses Satzes überzeugt.

Der Regierungsrat schien aus der Kühnheit, mit welcher ich es wagte, sein Haus zu meinem Aufentalte zu machen, schlechte Folgen für meine Tugend zu ziehen. Er verfolgte mich überall; er strebte nach einer einsamen Unterredung mit mir, und als er dieselbe, aller meiner Behutsamkeit ungeachtet, endlich fand, so nützte er diese gelegenheit, mich so ungescheut von seiner nie verloschenen Liebe zu unterhalten, dass mir die Augen völlig aufgingen, und ich die Gefahr, in welche ich mich gestürzt hatte, deutlich vor Augen sah.

Ich begegnete ihm auf die Art, wie er es verdiente, aber wenn ich mich auch für den gegenwärtigen Augenblick seiner entschlagen hatte, so wusste ich doch nicht, ob ich in Zukunft für ähnlichen Auftritten sicher wär.

Ich war unschlüssig, was ich tun sollte. Sollte ich fliehen? sollte ich Gabrielen von der Sache benachrichtigen? das erste dünkte mich zu romanhaft, und das andere grausam. Ich wusste von den teuflischen Anschlägen meiner sogenannten Freundinn nichts, und es ging mir nahe, sie aus dem süssen Wahn von der Treue ihres Gemahls, in welchem ich sie glaubte, zu reissen.

Wir befanden uns gegenwärtig zu Pyrmont im Bade, die Gewohnheit erforderte es, die ganze Kurzeit dem Müssiggange und den Vergnügungen zu weihen; ich konnte hoffen, dass die leidenschaft meines Verfolgers gegenwärtig nur durch die ungewohnte Musse genährt würde, und dass, wenn wir in Wien angelangt wären, mehrere Geschäfte dieselbe schwächen würden; auch nahm ich mir vor, dann mich so einzurichten, dass ich nie mit ihm in einer Gesellschaft wär, und ihm so wenig als möglich vor die Augen käme; ein Entschluss, der nicht so leicht auszuführen als zu fassen war.

Wir gingen nach Wien zurück. Gabriele machte mich mit allen Schauplätzen der grossen Welt bekannt, und ich darf sagen, dass ich keine verächtliche Rolle auf denselben spielte. Ich war eine ganz neue Erscheinung, Gabriele schien etwas darunter zu suchen, dass sie mich mit allem möglichen Glanz auftreten liess, und ich taumelte eine Zeitlang, trunken von einer Ergötzlichkeit zur andern. Konnte etwas das Vergnügen, das ich genoss, schwächen, so war es der lästige Regierungsrat, dessen Anblick ich nirgend entfliehen konnte, und der mich mit seinen verdrüsslichen Unterhaltungen überall umlagert hielt. – Ich ward nach gerade des Geräusches überdrüssig, ich hofte meinem widrigen Gesellschafter zu entfliehen, und entschloss mich, inskünftige die Einsamkeit zu wählen.

Aber auch hier ward ich von meinem Verfolger vertrieben. Die äusserste Verachtung, mit welcher ich ihm begegnete, diente nur dazu, meinen Wert in seinen Augen zu erhöhen. Er schwur, er könne mich nicht vergessen; er wolle sich von Gabrielen scheiden lassen, und mich zu seiner gemahlin machen, und als er sah, dass er auch mit diesen Anerbietungen nicht auskam, so fing er an, eine andere Rolle zu spielen, welche mich nötigte, meinen Entwurf zum stillen einsamen Leben aufzugeben, und mich lieber mitten in den Wirbel der modischen Zerstreuungen zu stürzen, als seinen Anfällen ausgesetzt zu sein.

Wer mich zu dieser Zeit gesehen hat, der musste mich wohl für die ausgelassenste Törinn halten, welche im ganzen Bezirk des schwindelnden Wiens zu finden war, aber wer in mein Herz geblickt hätte, würde mich anders beurteilt haben. Unter dieser frohen Aussenseite, unter diesem schimmernden Putz, schlug ein von Sorgen zernagtes Herz; ich wusste nicht, wie ich dem glänzenden Elend, unter welchem ich schmachtete, entfliehen sollte; wusste nicht, wenn ich blieb, was endlich mit mir werden würde, und hatte keinen andern Trost, als den Umgang des edlen Obristlieutenants, meines jetzigen Gemahls. O hätte ich nur das Herz gehabt, ihm meinen eigentlichen Kummer sogleich zu entdecken, so aber war das einige, womit ich mir zu helfen suchte, dass ich mich immer an seiner Seite hielt, ihn am liebsten zu meinem Begleiter bei öffentlichen Lustarkeiten wählte, und wenn ich zu haus blieb, immer um seine Gesellschaft bat.

Ja wahrhaftig, fiel der Obristlieutenant ein, ich wusste manchesmal nicht, wie ich mit der kleinen Hexe daran war, fast hätte ich denken können, sie habe sich, nachdem sie mich durch ihre ehemalige Laune von sich gescheucht hatte, noch hinten