Augenblick verlasse. Ich bin nicht allein gekommen. Meine neue gemahlin, welche mich begleitete, und die ich ihnen und Herrn Haller vorzustellen gedachte, wurde durch die Nachricht von dem tod des letzteren, die wir, die Wahrheit zu gestehen, erst in ihrem haus erhielten, so erschüttert, dass sie schlechterdings nicht im stand war, mir sogleich zu folgen; sie bat mich voraus zu gehen, ihre – Madam Haller wollte ich sagen, auf ihren Anblick vorzubereiten, und ihr eine gute Aufnahme zu erbitten; darf ich auf das letzte hoffen? darf ich auf Freundlichkeit und unparteiisches Gehör, für meine arme gemahlin hoffen, wenn sie auch bei Madam Haller ein von Vorurteilen eingenommenes Herz finden sollte?
Sie setzen mich in Erstaunen, Herr Obristlieutenant, sagte ich; die gemahlin eines solchen Mannes, kann überall achtung und gute Aufnahme erwarten.
Schon genug vorerst, rief der Obristlieutenant; nehmen Sie sie nur erst in dieser Betrachtung mit ihrer gewöhnlichen Güte auf, und das übrige wird nachkommen.
Er entfernte sich schleunig; wir wollten ihm folgen, um seiner Dame mit der gebührenden Ehrerbietung zu begegnen, aber er hielt uns zurück, und erlaubte nicht einmal Klaren mitzugehen.
Wir sahen uns alle unter einander an, als er fort war, wir wiederholten alle Teile seines Gesprächs, beherzigten seine Zerstreuung, und fanden in allem so viel Rätselhaftes, dass wir mit unsern Mutmassungen noch nicht zu Ende waren, als er schon wieder mit seiner Begleiterinn in die Laube trat.
Er hatte einen andern Weg als die Hauptallee mit ihr genommen; wir hatten sie nicht kommen gesehen, und ihr Anblick überraschte uns also ausserordentlich, vornehmlich da die Dame ihren Schleier zurückschlug, und uns ein Gesicht zeigte, das ich hier nicht vermutet hatte.
O Peninna schrie ich, und sank auf meinen Sitz zurück. O meine Mutter! rief sie, und fiel mir zu fuss!
sechs und zwanzigstes Kapitel
Eine neue person tritt auf, die dem Leser in der Folge
nicht ganz unbekannt sein wird
Wollen Sie ihre Tochter nicht mit einer mütterlicher Umarmung beglücken? fragte der Obristlieutenannt, als ich verzog sie auf die Art zu bewillkommen, wie ich getan haben würde, wenn ich dem blinden Triebe meines wallenden Herzens hätte folgen wollen.
O edler Mann, rief ich, Peninne, ihre gemahlin? – glauben Sie, dass mich dieses gegen ihre Vergehungen blind machen kann? – Nein, es erschwert ihre Strafbarkeit; sie verdienten eine gattin, die ganz rein und fehlerlos wär, keine wiederkehrende Sünderinn, wie ich allenfalls glaube, dass diese vielleicht sein mag.
Peninna verbarg ihr Gesicht in meinen Schoos und weinte.
Aber mein Gott, Madam, rief der Obristlieutenant, mit einem Unwillen in seinem blick, den ich noch nie bei ihm gesehen hatte, welches sind die Vergehungen, die sie dieser Unschuldigen aufbürden? Hat nicht vielmehr sie ursache über Vernachlässigung, über unmütterliche Härte, über hartnäckiges Stillschweigen, und endlich gar über schimpfliche Zurückschickung eines kindlichen briefes, und eines Geschenks zu klagen, welches, da es von mir, von einem mann kam, für den sie einige achtung zu haben vorgeben, doch wohl bessere Aufnahme verdient hätte.
Peninna hatte ihr mit Tränen benetztes Gesicht aufgerichtet, und es mit bittendem blick nach ihrem Gemahl gewandt. Keine Vorwürfe! rief sie, mein Geliebter, ich will lieber schuldig sein, als meine Mutter beschuldigen hören. – Der Obristlieutenant lies sich nicht stören, er redete fort und ich fand in seinen letzten Worten etwas, das mir einen dämmernden Schein von Licht gab.
Steh auf mein Kind, sagte ich zu der Knienden, es ist möglich, dass hier Irrtum und Misverstände vorwalten. Wir wollen eins das andere hören, und dann urteilen.
Peninna konnte sich nicht länger halten; der erste freundliche blick den ich ihr gab, machte ihr Mut mir um den Hals zu fallen; ich konnte meine Gefühle nicht länger unterdrücken, ich erwiderte ihre Liebkosungen mit all der Zärtlichkeit deren ich fähig war, und meine Tränen flossen in die ihrigen. Kind! Kind! rief ich, o dass es möglich wär, dass du dich ganz entschuldigen könntest! doch auch als eine gebesserte Verbrecherinn sollst du mir willkommen sein.
Madam, rief der Obristlieutenant noch immer mit nicht ganz besänftigtem blick, ich weis nicht was für Vergehungen sie meiner gemahlin schuld geben, aber wenn mein Wort, meine Bürgschaft etwas bei ihnen gilt, so nehmen sie dieselbe für die Tugend ihrer Tochter an. Peninna hat, so lange sie in Wien war – und das ist doch wohl die fürchterliche Epoche, in welche ihre vorgeblichen Vergehungen fallen sollen – gleichsam unter meinen Augen gelebt, ich bin ein Zeuge aller ihrer Schritte gewesen, und ich konnte den Beifall, den ich jeder Handlung dieses unvergleichlichen Mädchens geben musste, auf keine nachdrücklichere Art bestätigen, als dass ich sie zu meiner gemahlin machte. Oder glauben Sie, dass Sarnim eine Unwürdige mit seiner Hand beehren würde? dass er das Unglück eine lasterhafte Frau zu haben, zum zweitenmal zu erfahren wünschte?
Der Obristlieutenant sagte diese Worte mit einem edlen Stolze, der ihm ein wahrhaftig grosses Ansehen gab; es war etwas Ueberzeugendes in seiner Rede. Ich streckte meine arme nach Peninnen aus. Sollte es möglich sein, rief ich, dass ich in dir meine unschuldige, ganz meine ehemalige Peninna umarmte?
O Mutter, erwiderte sie und umfasste meine Kniee von neuen, ich beziehe mich auf meine Briefe und sollten diese nicht in ihre hände gekommen sein,