Mädchen, du irrtest dich, und der Besuch müsste nicht unserer Mutter sondern mir gelten.
Julchen behauptete das Gegenteil, und Klare führte zur Bestättigung ihrer Meinung an, dass ihre Kousine Josephe sich gegenwärtig in einer Verfassung befände, in welcher sie nicht glaubte, dass sie sich gern von jemand als von ihren nächsten Verwandten würde sehen lassen. Sie kennen Josephen, liebe Mutter, fuhr sie fort, indem sie sich zu mir wandte, sie kennen sie noch als fräulein von Wilteck; sie wissen auch vielleicht noch, auf was für Art sie Frau von Sarnim wurde. Man nützte den Unwillen, denn der brave Obristlieutenant auf ein anderes Mädchen geworfen hatte, das ihn vielleicht besser verdiente, und Josephe ward seine Frau, ehe er fast selbst wusste, wie er dazu gekommen war. Da nicht Liebe oder achtung sie zur gemahlin des Herrn von Sarnim machte, sondern von seiner Seite nur Ueberredung, und von der ihrigen nichts als der Wunsch einen andern Namen als fräulein von Wilteck zu führen, so dauerte ihr Einverständniss auch kaum den Hochzeittag aus. Der gegenseitige Widerwille wuchs mit der Zeit. Herr von Sarnim führte seine gemahlin in die Welt, um ihrer wenigstens den grössten teil der Zeit los zu werden. Josephe verabscheute seine Gesellschaft nicht allein eben so herzlich, sondern sie fand auch den Umgang mit andern jüngern und schönern Männern so reizend, dass der alte Herr endlich die Augen auftun und Untreu ahnden musste. Josephe war so unvorsichtig in ihrer Aufführung, dass dem Oberstlieutenant die Scheidung leicht ward, und schon seit länger als Jahr und Tag sind sie getrennt. Josephe lebt auf einem einsamen Landgute, darf sich in der grossen Welt nicht mehr sehen lassen, und soll eigentlich nicht einmal den Namen desjenigen mehr führen, den sie so gröblich beleidigt hat.
Ich begleitete Klarens Erzehlung mit einigen von meinen Anmerkungen, die ich gern einzustreuen pflege, wenn junge Leute gegenwärtig sind; man kann diesem leichtsinnigen Geschlechte, gewisse Dinge nicht zu oft einschärfen, und Josephens geschichte gab mir die schönste gelegenheit, mich weitläuftig über den Punkt auszubreiten, dass eine auf schlechten Grund gebaute Sache nie ein gutes Ende nehmen könne, und dass ein übel erworbenes Glück nie von langer Dauer sei.
Ich wollte eben meine kleine Rede schliessen, weil ich glaubte, die Aufmerksamkeit meiner Zuhörerinnen ermatten zu sehen, als wir am Ende der Allee, welcher unsere Laube entgegen sties, einen ansehnlichen Mann in prächtiger Uniform zum Vorschein kommen sahen. Mein für meine Jahre noch ziemlich scharfes Gesicht lies mich eine bekannte Phisiognomie erkennen, und Klare sprang mit den Worten auf, Himmel, mein Kousin, der Obristlieutenant von Sarnim!
Sie flog ihm entgegen, und ich lies mich von meinen Töchtern aus der Laube leiten, um den edlen Mann zu empfangen, den ich allezeit so hoch geschätzt und mir ehemals so sehr zum Sohn gewünscht hatte. Der Gedanke an vergangene zeiten fiel mächtig auf mein Herz, ich sprach zu mir selbst: würde die leichtsinnige Peninna sich nicht besser für diesen Mann geschickt haben, als die lüderliche Josephe? hätte sie ihren Gatten nicht glücklicher gemacht? – Aber die Vorstellung von dem, was Peninna jetzt in meinen Augen war, vernichtete plötzlich diesen Gedanken, und ich dankte Gott, dass der edle Sarnim, wenn er nun einmal bestimmt war, durch eine lasterhafte Frau zu leiden, nicht durch eine Tochter von mir unglücklich werden musste.
Klare führte den Obristlieutenant uns entgegen, ich empfieng ihn, wie man alte Freunde empfängt, und wir gingen zusammen in die Laube. – Unsere Unterhaltung nach den ersten Komplimenten, war trockener als ich vermutet hatte. Wir befanden uns alle unter einer gewissen Verlegenheit, welche machte, dass wir nicht recht wussten was wir sagen sollten. Der Obristlieutenant war ausserordentlich still und ernstaft. Klare und ich hatten nicht ihn, sondern seine geschiedene gemahlin erwartet, wir waren neugierig, die ursache dieses Irrtums zu wissen, aber wie war es möglich den Herrn von Sarnim nach Josephen zu fragen? – wir beredeten uns endlich, es müsste hier eine Namensverwechselung vorgegangen sein, und man habe uns die Frau von Sarnim angesagt, da doch nur von dem Obristlieutenant die Rede gewesen war.
Diese leichte und wahrscheinliche Auflösung, brachte uns wieder ins Gleis; wir sprachen von mancherlei Dingen, aber der Herr von Sarnim wollte nicht so recht einstimmen, er schien etwas auf dem Herzen zu haben, welches ihn alles, was wir sagten, nur mit halben Ohren hören liess. Selbst die Erzehlung von Herrn Hallers tod, um die er uns sehr angelegentlich bat, und die wir ihm so umständlich gaben, als es sich bei einem Fremden tun lies, war nicht im stand den gewöhnlichen Strom von Beileidsbezeugungen und Erzehlungen ähnlicher Fälle herbei zu führen. Alles was der Obristlieutenant sagte, war, er habe die Nachricht von dem Trauerfall erst diesen Morgen in unserer Gegend erfahren, und er sei wahrhaft und innig davon gerührt worden; er habe sich eine Freude darauf gemacht, auch Herrn Haller zu sehen, und müsse nun seine angenehmen Hofnungen so zerstört finden.
Der bekümmerte Ton, mit welchem Herr von Sarnim sprach, benahm dem, was er sagte, das Ansehen eines blossen Kompliments, und ich erwiderte seine Rede also auch anders, als man blosse Komplimente zu erwiedern pflegt. – Er sagte wenig darauf, blickte oft aus der Laube nach dem Ende der Allee, und stand endlich gar auf.
Sie müssen mir verzeihen, Madam, sagte er, wenn ich sie auf einen