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Zukunft in sein Herz zu pflanzen. Es gelang uns schlecht; er blieb düster und schwermütig, die Zukunft hatte für ihn keine Reize, und von der Vergangenheit blieben ihm nicht allein Reue und Gram, sondern auch gewisse Ideen und Vorurteile zurück, welche, wie es schien, nur durch die Hand des Todes ausgelöscht werden konnten.

Seine Neigung zur Alchymie war unheilbar, und so gewiss er überzeugt war, dass er bisher von Betrügern hintergangen wurde, so war doch nichts im stand, ihn zu überführen, dass die ganze Sache, die seine fixe idee ausmachte, ein Hirngespinst sei. Dass er fortfuhr an dem sogenannten grossen Werke für sich im Stillen zu arbeiten, blieb uns allen, sogar Julchen, ein geheimnis, bis ein schrecklicher Zufall, es ihr und uns allen eröfnete.

Bei einem von den Morgenbesuchen, welche sie ihrem Vater in aller Frühe zu machen pflegte, fand sie ihn nicht so wie gewöhnlich in dem vordersten seiner Zimmer. Sie öfnete die nächste Tür, und ein widerlicher Geruch kam ihr entgegen; sie ging noch weiter, bis sie endlich bei Eröffnung des innersten Kabinets, von einem schwefelartigen Dampf, der sie umzog, zu ersticken vermeinte. Sie hatte Mut genug dennoch hineinzugehen; der Qualm war zu dick, um etwas unterscheiden zu können, aber bei mehrerer Annäherung sah sie ihren armen Vater aller Besonnenheit beraubt, auf dem Boden liegen; der Augenschein wies, was seine Beschäftigung gewesen war, und dass eine zersprungene Retorte das Unglück angerichtet habe.

Eine andere als dieses wackere Mädchen würde vom Schrecken übermannt an der Seite ihres Vaters ohnmächtig zu Boden gesunken, und nebst ihm in der vergifteten Luft ein Opfer des Todes geworden sein; sie behielt Mut und Kräfte genug, den leblosen Körper in das äusserste Zimmer zu schleppen, und daselbst, weil sie zu schwach war, mehr zu tun, das Fenster zu eröffnen, und durch ihr Geschrei hülfe herbei zu rufen.

Klare war die erste, die ihres Julchens ängstliche stimme gehört hatte. Als wir andern ankamen, fanden wir die beiden Mädchen mit Versuchen beschäftigt, den Betäubten wieder zu sich selbst zu bringen. Herr Haller schlug die Augen auf, aber nur um sie von neuem zu schliessen. Alle würksamere medicinische hülfe, so schleunig sie auch herbei geschaft wurde, kam zu spät, er war bereits verschieden.

Ich habe diesen fürchterlichen Auftritt kurz und schwach beschrieben, bei gewissen Gegenständen fliegt die Feder, und die Gedanken eilen darüber hin, wie ein Furchtsamer in der Mitternacht über geöfnete Gräber. Und sollte ich noch einmal so lang leben, als ich bereits gelebt habe, so würde die Zeit nicht vermögend sein, den Eindruck zu verlöschen, den diese Scene des Schreckens auf meine Seele machte. Alles schwebt mir noch mit fürchterlicher Deutlichkeit vor Augen, und wollte ich die Züge auffassen, und sie so lebendig wie sie sich mir darstellten, auf das Papier werfen, sich müsste zum zweitenmal erliegen, wie ich damals erlag.

Ich war nicht so stark wie Julchen. Das Schrecken warf mich zu Boden, und der Todesengel versetzte mir den Schlag, den er einst wiederholen wird, um mich ins Grab zu strecken.

Fünf und zwanzigstes Kapitel

Die Frau Obristlieutenantinn von Sarnim tritt auf

Die Besorgniss um mein Leben hatte den Kummer meiner Kinder gehteilt. So tief der traurige Tod ihres Vaters ihre Seele verwundet hatte, so war doch die erste Hoffnung zu meinem Wiederaufkommen, welche ihnen nach einigen Wochen aufging, schon im stand sie merklich zu trösten; und nun vollends meine gänzliche Wiedergenesung! O ihr Lieben, Dank euch für eure Zärtlichkeit, für welche diese Welt kein Gleichniss hat! Euer Entzücken über das Wiederaufblühen dieses schwachen hinsinkenden Lebens war zu gross, es gehörte ganz in jene Gegenden jenseits des Grabes, wo kein Tod uns unsere Wiedergeschenkten von neuem entreissen kann.

Ich lebte von neuem, um neue ganz unvermutete Freuden zu erfahren, die Dunkelheiten meines Lebens sollten sich nun nach und nach aufklären, damit der Abend desselben so heiter würde, als kaum sein Morgen war. –

An einem der ersten Maytage war es, da ich meinen ersten Ausgang in den Garten hielt. Amalie leitete meine noch wankenden Schritte zu einer Laube, in welcher vormals mein Vater gern zu sitzen pflegte, und meine übrigen blühenden Töchter folgten mir. Die Frühlingssonne schien sanft und mild durch das dünne Laub und erwärmte meine noch von dem Hauch des Todes erstarrten Glieder; rund um mich blühte und lachte alles, und ich feierte still, das fest meiner Auferstehung zum irdischen Leben.

Meine Lieben lagerten sich rund um mich her, und zerstreuten durch ihr holdes Geschwätz meine ersten Gedanken; ach liebe Mutter, fing auf einmal Julchen an, ich habe einen Fehler begangen! Sie sagten vorhin, sie wollten diesen Tag ganz in der Einsamkeit feiern, und ich bin so unbesonnen gewesen, einen Besuch, der sich ohngefehr vor einer Stunde bei ihnen melden lies, anzunehmen.

So war der Fehler eher begangen, erwiderte ich lachend, als das Gebot erschien, das ihn zu einem Fehler machte, und du hast also deine Verzeihung; über dieses wüste ich nicht, wer zu uns kommen könnte, als Herr Walter und seine gattin, und für diese bin ich immer zu haus.

O nein, sagte Julchen, nicht Herr Walter und Charlotte, die Frau von Sarnim ist es, welche um Zutritt bei ihnen bittet.

Die Frau von Sarnim? wiederholte Klare, meine Kousine Josephe? fast sollte ich glauben, liebes