die hierauf folgende aus Freude, Erstaunen und Danksagung, zusammengesetzte Scene zu beschreiben; sie dauerte bis weit nach Mitternacht, da wir uns erst trennten, und wie ich behaupten kann, nicht alle gleich vergnügt waren. Die grossmütige Klare fand unsere Danksagungen und Freudebezeugung zu gross, und ward traurig. Charlotte, und meine beiden ältesten Töchter arbeiteten unter einer gewaltigen Beschämung, und Herr Haller, der bei der ganzen Sache meistens eine stumme person gespielt hatte, fand sich ein wenig beleidigt, dass man seinen Kindern, bei seinen Lebzeiten einen Vormund setzte. Nur Herr Walter, Julchen, und ich schmeckten ganz die reine Freude, welche Klarens Grossmut uns zugedacht hatte; wir freuten uns, uns mit ihrem Verfahren nicht allein aussöhnen zu können, sondern es auch noch so weit über alle unsere Vorstellungen von ihrer denkart, erhaben zu sehen; wir waren ihr gern Verbindlichkeit schuldig, denn wir liebten sie, und dankten ihr weniger mit Worten, als mit den Gefühlen unsers Herzens, welche über allen Ausdruck gingen; ich setze Herr Waltern mit Vorbedacht mit mir und Julchen in eine Reihe, denn er war ganz der Mann, der fremdes Glück wie sein eigenes fühlen konnte.
Vier und zwanzigstes Kapitel
Was Herr Haller anstatt des Steins der Weisen fand
Der erste Strahl des künftigen Morgens fand mich schon bei Klarens Bette. Ich musste allein mit ihr sprechen, musste ihr nicht allein danken, sondern auch Erklärung über ihr ganzes bisheriges Verfahren haben. – Es wäre zu wünschen, dass mein Gedächtniss treu genug sein möchte, mir unser ganzes damaliges Gespräch, so wie es von Mund zu mund, von Herz zu Herzen ging, in die Feder zu sagen; aber ich werde alt, die Vergesslichkeit die meinen Jahren eigen ist, raubt mir oft Scenen nicht lang vergangner zeiten hinweg, die mir unaussprechlich wichtig und teuer sind, und Kleinigkeiten aus meiner frühen Jugend, stellen sich mir dagegen mit aller Lebhaftigkeit, mit allen den Umständen vor, wie ich sie damals belebte; ein betrübter Tausch für solche Personen, welche nicht am Ende ihres Lebens in die Kindheit zurück sinken, sondern noch nahe am grab, Gefühl für wichtige Dinge, und Verachtung gegen Tändeleien hegen.
Unaussprechlich wichtig war mir das Gespräch mit Klaren, es entüllte mir ihre schöne Seele ganz, ohne mir ihre kleinen Schwachheiten zu verstecken; es zeigte mir mit wie viel überlegung sie den grossmütigen Schritt zu unserm Besten tat, jeder Umstand desselben bewies, dass sie auf alles gesonnen hatte, was uns unser Eigentum wieder entreissen konnte. Herrn Hallers anscheinender Besserung war nicht zu trauen, sie hatte uns schon zu oft getäuscht. Selbst die Möglichkeit uns noch einmal zu grund zu richten, musste ihm benommen werden. Unser wiedererlangtes Eigentum war weit sicherer in den Händen zweier Unmündigen, als es in seinen oder in den meinigen gewesen sein würde. Herr Walter war der Schützer ihrer Rechte, und wir konnten hoffen, uns des Guten, das uns Klare zuteilte, bis an unser Ende zu freuen.
So behutsam das fräulein auch in allen ihren Ausdrücken war, so konnte ich doch hier und da einige Bekümmerniss darüber hervorblicken sehen, dass wir sie noch bisher als eine Fremde behandelt, ihr nicht ganz das Zutrauen gegönnt hatten, das sie verdiente; sie bat am Ende unsers Gesprächs, sie doch nur endlich ganz als meine Tochter, und mich als die Eigentümerinn alles dessen, was sie hätte, anzusehen, ihr alles was mich kränkte, zu vertrauen, und fest zu glauben, das keins von meinen Kindern mehr für mich fühlen könne, als sie. Sollten Sie meine Bitte nicht statt finden lassen, setzte sie hinzu, so sind sie nicht für ähnlichen heimtückischen Streichen sicher, wie der letzte, ich liebe sie zu sehr, als dass ich mich nicht um das bekümmern sollte, was sie beunruhigt. Ich erfahre endlich alles, und wenn man nicht vertraulich gegen mich ist, so setze ich auch meinen Kopf auf und schweige, und gehe meinen gang fort ohne mich darum zu bekümmern, was die Leute von mir denken.
Ich glaubte in diesem letzten teil ihrer Rede einige Seitenblicke auf Charlotten zu finden, die sich oft ähnlicher Ausdrücke ohne besondere Schonung bedient hatte, aber ich hielt es für gut, dieselben zu überhören, Klare und Charlotte hätten sich freilich diese kleinen Feindseligkeiten ersparen können, aber ich wusste, dass es schwer sein würde diese beiden Nebenbuhlerinnen zu vereinigen, und hatte zu lange in der Welt gelebt, um mich zu wundern, dass auch der edelste Charakter seine Flecken habe.
Ich bat Klaren bloss, von meiner mütterlichen Zuneigung völlig überzeugt zu sein, und zu glauben, dass nicht allein Julchen, sondern auch meine andern Kinder, sie so liebten, wie sie verdiente. O, sagte sie, ich verkenne Madam Feldners und Mamsell Jucundens Vorzüge nicht, aber das Gefühl, wie sehr sie mir überlegen sind, wird doch immer machen, dass sich mein Herz mehr zu dem frommen unschuldigen Julchen hinneigt, welche keine andern Ansprüche kennt, als die man ihr selbst zugesteht, und die ihr ihre ofne unverderbte truglose Seele gibt. –
Nach dieser wichtigen Begebenheit, die mir Klaren doppelt teuer machte, lebten wir geraume Zeit in der Ruhe, die uns unser äusserlich wiederhergestelltes Glück vergönnte, und die uns unsere geheimen Bekümmernisse erlaubten.
Mein und meiner Kinder vornehmstes Bestreben ging dahin, Herrn Haller sein Leben, wo nicht angenehm, doch erträglich zu machen, und wo möglich, Vergessenheit des Vergangenen und Hoffnung froher