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überlässt, als ganz unwirksam bleibt!

Wie sinnreich ist doch der Unglückliche sich selbst zu quälen! Diese angeführten Betrachtungen erschwerten mir mein Schicksal im ganzen Ernst, und es kam mir nur selten in den Sinn, dass wenn ich jenesmal nicht so gehandelt hätte, wie ich tat, die Dinge freilich anders, aber bei Herrn Hallers festgesetzter Neigung zu Irrwegen schwerlich besser gegangen sein würden.

Ich tat unrecht mich mit fruchtlosen Grübeleien zu martern; ein vernünftiges Nachsinnen auf Mittel zu unserer Rettung wär unstreitig heilsamer gewesen, aber hatte ich nicht schon allen meinen Scharfsinn zu diesem Endzwecke vergeblich angestrengt? und sprang nicht die Mine, ehe man wusste von welcher Seite man der Gefahr entgegen arbeiten sollte?

Man erlaube mir an dieser Stelle, welche ohnstreitig eine der traurigsten meines Lebens ist, kurz zu sein. Herr Haller erfuhr das Schicksal aller seiner Vorgänger; er ward ein Raub der Betrüger. In dem Augenblicke, da sie ihm mit der Hoffnung geschmeichelt hatten, seine Arbeit würde durch den herrlichsten Anblick belohnt werden, den sich sein zerrütteter Verstand denken konnte, verliessen sie ihn, und hinterliessen ihm anstatt der erwarteten Schätze, Kohlenstaub und Asche, und für die gerühmte Essenz der Unsterblichkeit, das Gefühl eines durch ungesunde arbeiten erschöpften Körpers, und einer durch getäuschte Hoffnung gänzlich ermatteten Seele.

Die geringen Ueberbleibsel unsers Vermögens, die wir mit nach Traussental brachten, waren dahin; auch diesen unsern geliebten Aufentalt mussten wir aufgeben, denn diejenigen, welche meinen Mann mit ihrem Gelde bei seinen arbeiten unterstützten, hatten nunmehr ein näheres Recht auf unsere wohnung. Sie musste verkauft, und zu Bezahlung unserer Schulden angewendet werden.

Herr Haller war in Verzweifelung, ich und meine beiden ältesten Töchter trauerten, dass wir die geliebte Hütte mit dem rücken ansehen mussten, und Julchen, welche immer mehr zu den lebhaftesten Gefühlen der Schwärmerei heranreifte, und dieselbe insgeheim durch dazu passende Lektüre nährte, letzte sich mit den Schutzgeistern ihres Lieblingsaufentalts, und befahl ihnen, die stille wohnung der Unschuld und des Friedens, bei ihren künftigern Besitzern nie durch Laster oder wildes sittenloses Geräusch entweihen zu lassen.

Niemand war bei der ganzen Sache ruhiger als fräulein Klare von Vöhlen, sie tröstete uns mit der kalten Miene der Unempfindlichkeit, und wir wussten von sicherer Hand, dass sie unter denen, welche nach dem Besitz unsers kleinen Hauses strebten, eine der vornehmsten war. Hätte sie es doch hinnehmen mögen, wir hätten es ihr ja so gern als jedem andern, der den gesetzten Preis dafür zahlte, gönnen wollen, aber dass sie so heimlich dabei verfuhr, das gab der ganzen Sache ein so falsches, verräterisches, schadenfrohes Ansehen, dass wir ganz irre an ihr wurden.

Wir hatten mit Madam Charlotte Walter, die, wie man weis, Klaren ohnedem nicht wohl leiden konnte, manche Konferenz über diesen Punkt, und das Urteil fiel nie zu ihrem Besten aus. Klare hatte zu viel Stimmen wider sich. Jucunde und Amalie, gegen welche sich das fräulein von Vöhlen allemal sehr stolz und adelich bezeugt hatte, schlugen sich gleich auf Charlottens Seite, ich war neutral, und die Beschuldigte hatte also niemanden für sich, als Herrn Walter, welcher von keinem Menschen Böses dachte, und Julchen, welche Klaren immer geliebt hatte, und zu standhaft in ihrer Freundschaft war, um bei dem schlimmsten Anschein wankend zu werden.

drei und zwanzigstes Kapitel

Der Leser lernt das fräulein von Vöhlen kennen

Die Zeit nahte heran, da wir Traussental verlassen mussten. Wir wussten, dass es verkauft war; das dafür gezahlte Geld war in den Händen unsers Advokaten, der unsere Schuldner nach dem gemachten Akord damit befriedigen sollte; wer aber der Käufer unsers geliebten Eigentums war, wussten wir nicht, mochten auch nicht raten, Klarens Name kam uns bei dieser gelegenheit allemal zuerst in den Sinn, und wir alle waren darinnen einig, dass sie in diesem Falle nicht ganz so gehandelt hatte wie eine edle Freundinn handeln sollte. Die Geheimhaltung dieser an sich so unschuldigen Sache, der Eigensinn mit welchem der Käufer des Gutsnämlich sie unter verdecktem Namenauf der Beibehaltung alles Hausgeräts, das wir eigentlich nicht zu veräussern gedachten, bestanden hatte, die Hartnäckigkeit, mit welcher uns, im Fall das Glück uns einst wieder günstig werden sollte, der Wiederkauf versagt ward, und die leichtsinnige Freude, die ungeachtet aller dieser Tücke in Klarens Auge glänzte, alle diese Dinge warfen ein so gehässiges Licht auf ihren Charakter, dass wir sie kaum vor unsern Augen leiden, ihr kaum mit der, einer Fremden gebührenden Höflichkeit begegnen konnten.

Was mich, Herrn Waltern, und Julchen anbelangt, so wussten wir uns hierinnen zu mässigen, und wir waren vornehmlich ursache, dass eine Einladung des Fräuleins von Vöhlen zu einem Valetschmauss, nicht so wie die Widriggesinnten wollten, ausgeschlagen wurde; aber Charlotte, Jucunde und Amalie, nahmen sich nicht so sehr in acht ihren Widerwillen gegen Klaren blicken zu lassen, und sie äusserten ihn auch selbst bei diesem angeführten Valetschmauss auf so augenscheinliche Art, dass es mich oftmals reuete, bei diesem Feste erschienen zu sein.

Das fräulein von Vöhlen bewohnte, wie ich schon erwehnt habe, das kleine Haus, welches ehedem das Eigentum meines Vaters war, und an diesem mir so teuren Orte wurde das Abschiedsfest gegeben.

Mit traurigem Herzen verfügte ich mich nebst den Meinigen in die bezaubernde Gegend, die ich nun bald verlassen sollte; mich dünkte, alles grünte, blühte und duftete schöner als sonst; fräulein Klare, als Wirtinn, kam uns