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was die Reue anbelangt? – Ha die Reue! Peninna triumphirte in ihrem Verbrechen, und Hannchen ward durch Gram und Beschämung über dasselbe getödtet.

Von diesem Zeitpunkte, von diesem an Peninnen zurückgeschickten Briefe an, begann eine neue Epoche meines Lebens, die sich durch stille Schwermut vor allen andern auszeichnete. Wir sahen wenig Gesellschaft. Herr Walter und Charlotte kamen, seit das fräulein von Vöhlen in meinem haus lebte, aus Ursachen die sich erraten lassen, seltener als sonst mich zu besuchen. Ich war die meiste Zeit mit meinen drei Töchtern allein, und wenn Julchen sich zuweilen von uns trennte, so war es um bei Klaren zu sein, welche sie und den kleinen Ludwig vorzüglich liebte, und gern um sich hatte. Mein Mann liebte die Einsamkeit, und lies sich wenig als bei der Mahlzeit sehen. Ich hatte schon längst meine eigenen Gedanken über seine Aufführung gehabt, Gedanken die durch sein düsteres nachdenkendes Wesen, durch Julchens Entdeckungen, und ach durch den endlichen Erfolg nur gar zu sehr bestättiget wurden.

Julchens Trieb zu Nachforschungen konnte durch nichts ganz ausgerottet werden, und das sonderbarste war, dass selbst denn, wenn sie auf keine Entdeckungen ausging, sich ihr dieselben ungesucht darboten. Sie war diejenige, die im ganzen haus alles zuerst sah, hörte, und vermutete.

Sie hatte mich schon längst auf gewisse Leute aufmerksam gemacht, welche viel bei ihrem Vater aus und eingingen, sich halbe Tage mit ihm verschlossen, und mit niemand im ganzen haus ausser ihm, ein Wort wechselten. Das närrische Mädchen konnte das Märchen vom Ritter Reutlingen noch immer nicht vergessen, und sie verglich die Gesellschafter ihres Vaters oft mit Franzens Lehrmeistern in der Magie; eine Vergleichung, welche durch das Ansehen dererjenigen, von welchen die Rede war, ziemlich gerechtfertiget wurde. Es waren ernste, bleiche, gedankenvolle Leute, in schlechter altväterischer Tracht, mit stummen verschlossenem mund und weiten tief zur Erde gesenkten oder feierlichen gegen Himmel gehobenen Augen, konnte man in ihnen wohl die einigen Zauberer unserer Zeit, die Untertanen des wunderbaren Königs der Philosophen verkennen?

Herrn Hallers gegenwärtiger Haupttrieb, der Durst nach Gold war mir bekannt, und es war mir nie unwahrscheinlich gewesen, dass er denselben auf die törichtste Weise zu befriedigen suchen würde. Die Art, mit welcher er zuweilen von dem kleinen Schatze sprach, welchen Julchen einsmals in dem Hohenweiler Keller fand, und ihm überlies, hatte mich oft in Furcht gesetzt, er würde zum Schatzgräber werden, aber die Unmöglichkeit in Ritter Reutlingens unterirdischen gang zu kommen, welchen er für den Behälter unermesslicher Reichtümer hielt, hatte seine Begierde nach Schätzen auf eine andere Seite gelenkt: er glaubte die Erfüllung seiner Wünsche kürzer haben zu können, wenn er nach der Quelle alles Goldes, nach dem Stein der Weisen trachtete. Die geheimnisvollen Schriften der Alchymisten wurden seine einige Lektüre, alle Adepten des ganzen Bezirks seine vertrauten Freunde, und das innere seiner Zimmer, gewann gar bald das Ansehen eines Laboratoriums. Niemand durfte sich in dieses Heiligtum wagen, und ich würde wahrscheinlich nicht sobald etwas von der inneren Gestalt desselben erfahren haben, wenn nicht Julchen an dem Tage, da sie bei ihrem Vater für ihre Schwestern bitten wollte, sich eingedrungen, und alles erblickt hätte, was bisher noch kein unheiliges Auge beschaute.

Mich dünkt, ich habe es schon erwähnt, wie übel ihr ihre Zudringlichkeit bekam, doch erhielt sie Verzeihung, weil Herr Haller wirklich, seit dem im Keller gefundenen Schatze, eine Art von Liebe für sie hegte, und sie, da er denselben zu den ersten seiner alchymischen Versuche angewendet hatte, gewissermassen für den Grund und die Schöpferinn seines künftigen Glücks hielt.

Herr Haller war, nachdem sich sein Zorn über Julchens ungebetene Erscheinung gelegt hatte, viel zu beschäftigt gewesen, sie von der Vortrefflichkeit des Geheimnisses aller Geheimnisse zu über zeugen, und sie hatte seine langweiligen Demonstrationen viel zu bald unterbrochen, um ihren Vorsatz, für ihre Schwestern zu bitten, auszuführen, als dass bei so wichtigen Unterhaltun genein Augenblick hätte übrig bleiben sollen, ihr Verschwiegenheit über das geschehene aufzulegen, und so war es natürlich, dass ich alles erfuhr, und durch Julchens Entdeckung überzeugt wurde, wie richtig ich bisher Herrn Hallers geheime Beschäftigungen gemutmasst hatte.

Ob diese überzeugung im stand war, mein ohnedem auf tausenderlei Art gekränktes Herz zu beruhigen, gebe ich einem jeden zu bedenken. Ach Himmel! ich sah voraus, wohin uns dieser neue Irrweg meines unglücklichen verlornen Mannes endlich führen würde! – und was noch mehr, ich klagte mich selbst wegen dieses Unglücks an, nannte mich nach meiner Gewohnheit die Urheberinn alles Bösen.

Ich ging weit in die Vergangenheit zurück, ich erinnerte mich, dass ich es war, die ihn durch List, durch das Testament seines Onkels, bei welchem ich die Hand im Spiele hatte, nach Hohenweiler brachte, um ihn von meinen Nebenbuhlerinnen in seiner Geburtsstadt zu entfernen. Hätte er Hohenweiler nie gesehen, sagte ich zu mir selbst, so würde er nie in die Bekanntschaft der Herren von Wilteck geraten sein, welche der Grund zu allem Unglück in unserer Familie ist; sein böses Schicksal hätte ihn nicht in seinen besten Jahren vom amt getrieben; sein geschwächter guter Ruf hätte ihm nicht den Weg zu jeder andern Beschäftigung seines Standes verschlossen, und er wär nicht in ein müssiges geschäftloses Leben geraten, welches die ungeheuersten Misgeburten von Ausschweifungen auszuhecken pflegt, und das dem tätigen Geist des Menschen so unangemessen ist, dass er sich ehe dem Verbrechen, oder den seltsamsten lächerlichsten Torheiten