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eine andere bringen, welcher er vielleicht nicht gewachsen ist. Sie sahen, wie betreten er war; müsste nicht schon der Gedanke ihm Kummer zu machen, genug sein, mich zur Reue über das zu bringen, was ich tat?

Willst du es ihm nicht lieber bekennen und abbitten? sagte Madam Haller mit einem unwilligen blickSchwache weichherzige Seele! war seine Bestürzung wohl etwas anders, als Kummer, sich von Madam R... und Mamsel W... und wie die Syrenen alle heissen mögen, trennen zu müssen? – Und wird er, erwiderte ich, an dem künftigen Orte unsers Aufentalts nicht neue ihm vielleicht noch gefährlichere Damen und Demoisellen dieser Art finden? Was habe ich dann gewonnen? oder was habe ich gewonnen, wenn er sich den Weg von etlichen Stunden nicht zu weit sein lässt, seine alten Bekanntinnen hier zu besuchen? – Dies ist nunmehr zu spät, war die Antwort meiner Tante, quäle dich nicht mit unnötigen Grillen, und lass dich nichts reuen, als dass der Ort, wohin wir gedenken, nicht noch zehen Meilen weiter ins Land hinein liegt, um allen Umgang mit den hiesigen Städterinnen gänzlich abzuschneiden, ein Fehler, den du freilich hättest vermeiden können, wenn du klug genug gewesen wärest.

Wenn Madam Haller in so entscheidendem Ton sprach, so war es nicht erlaubt, die entschiedene Sache wieder vorzubringen; ich trug also die Vorwürfe meines Herzens in der Stille, welche durch den tiefen Kummer erschwert wurden, der über das ganze Wesen meines Mannes verbreitet war, und den ich ganz auf meine Rechnung schrieb.

drei Tage ertrug ich seine finstern Blicke, ohne sie zu ahnden; am vierten brach ich das Stillschweigen. – Mein Albert, mein Trauter, sagte ich mit von Tränen gehemmter stimme, du trauerst, und deine Frau darf nicht wissen warum? Bin ich vielleichtGute Seele, unterbrach er mich, du, deren ich nicht wert bin, du, deren holden Taubenaugen ich schon tausend Tränen ablockte! Tränen, die du immer grossmütig genug warest, mir zu verhelen.

Ich. Nun so trockne sie, durch Mitteilung deines Kummers.

Er. Ach Hannchen, dann würden sie erst recht zu fliessen anfangen; ach wenn du wüsstest, wenn du wüsstest!

Ich. Ich weiss es, Lieber; du grämst dich, dass du den Ort deiner Geburt verlassen sollst, und ich, ach ich – –

Er. Darüber? Nein wahrhaftig nicht! Lieber heute noch aus diesemdiesem – – Wissedoch nein, ich kann ich kann nicht!

Ich. Albert! Wenn du mich jemals liebtest, wenn je meine Bitten etwas bei dir galten!

Er. Warum folgte ich deinen liebreichen Ermahnungen nicht! – Zwar Ermahnungen? – liess deine Bescheidenheit so etwas zu? – Kaum kann ich es Winke nennen!

Ich. erschrocken. – (ich glaubte, er zielte auf die begebenheiten mit der R... und W...) – Sollte ich mir je Ermahnungen oder Winke über diesen Punkt erlaubt haben?

Er. O war nicht selbst deine Eingezogenheit, deine Mässigkeit, deine Sparsamkeit, deine eingeschränkten Wünsche, waren dieses nicht alles Winke genug mich zu bessern?

Ich. (lächelnd und froh, dass ich mich geirrt hatte). – Ach du meinst gewisse kleine unnötige Ausgaben, gewisseich weiss nicht wie ich sagen soll. – Sei ruhig, mein Albert, ich weiss, wir müssen Schulden haben, aber jetzt, da du so ansehnliche Summen in die hände bekömmst. – Gute Wirtschaft auf meiner, und ein wenig Einschränkung auf deiner Seite – –

Er. Wirtschaft? Einschränkung? ansehnliche Summen? – Gutes armes Kind, zu spät! alles zu spät! – Meine, nicht, wie du so schonend sagst, unsere Schulden, belaufen sich so hoch, dass ich um sie zu bezahlen, noch die Summe werde angreifen müssen, die mir mein Onkel in anderer Absicht vermachte, eine Absicht, die ich segne; es war gewiss die, mich aus gewissen Verbindungen, – von einem Orte, wollte ich sagen, loszureissen, der mich in tausend Ausschweifungen stürzte. – Du schweigst? die Bestürzung hemmt deine stimme? – O ströme lieber alle Vorwürfe über mich aus, als diese Tränen!

Ich. Vorwürfe? – ich habe keine. Und wäre die Sache noch schlimmer, als du sie beschreibst, nun, so wären wir so arm als ich war, da ich deine Frau ward; ich habe Armut ertragen gelernet, aber du?

Er. (Indem er sich vor die Stirn schlug) Unausstehlich! unausstehlich! – Du, die du am meisten unter meinen Vergehungen leidest, so gütig? und andere, die nicht durch mich verlohren, nur gewonnen habenPersonen, um derentwillenIch weiss nicht was ich sage. – Lass mich!

Er verliess mich in einer gänzlichen Betäubung. Die Dinge, die er mir entdeckt hatte, waren schrecklich und unerwartet, seine letzten Worte rätselhaft. Ich unterdrückte meine Empfindungen, und eilte zu einer zweiten Unterredung mit ihm, in welcher mir es mit Mühe gelang, die erlaubnis, seine Rechnungen zu durchsehen, von ihm zu erhalten. Er hatte nicht Mut genug, es selbst zu tun, und wollte es einem Fremden auftragen; ein Entschluss, der sein Unglück vollends auf den höchsten Gipfel gebracht haben würde.

Freilich waren gewisse Punkte in seinen Ausgaben, die niemand weniger