voll Unwillen, höret auf von dieser Verworfenen! keine von den Vorbitten, keine von den Entschuldigungen, die ich auf euren Lippen schweben sehe! Sagt mir nur noch zum Beschluss, was euch auf eurer Reise merkwürdiges begegnete.
Nichts, erwiderte Jucunde, als dass wir den Aufentalt unserer Eltern zu Hohenweiler suchten, und ihn zu Traussental fanden. Wir wurden von der jetzigen Amtmannin zu Hohenweiler sehr unfreundlich empfangen, und bei nahe für Landläuferinnen gescholten. Amalie hatte den Einfall, ob etwa Peninnens unbeantwortete Briefe, von welchen sie mit so vieler Wehmut sprach, weil sie nach Hohenweiler addressirt waren, in unrechte hände geraten wären, aber die Nachfrage darnach ward uns so beantwortet, dass wir sie nicht zu wiederholen verlangten.
Ihr hättet sie euch auch ersparen können, sagte ich, es ist hier nicht die Rede von verlornen Briefen, sondern von einer ungeratenen verlornen Tochter, welche ihre Schuld mit solchen elenden Behelfen bemänteln will.
Zwei und zwanzigstes Kapitel
Herr Haller beweisst durch sein Exempel, dass
Müssiggang der Anfang aller Torheit ist
Jucundens geschichte war zum Ende. Das unglückliche Mädchen war in meinen Augen mehr als halb entschuldigt; sie war verführt worden. Leichtsinn und Unbekanntschaft mit der Welt hatten sie auf einen schlüpfrigen Weg hingerissen, und sie hatte doch Festigkeit genug gehabt, sich auf demselben aufrecht zu erhalten, ohne der Tugend ganz untreu zu werden. Amalie hatte weniger Entschuldigung für sich; sie war nicht schön, ihrer Versuchungen zu Fehltritten waren wenig, sie war ihre eigene Verführerinn gewesen, sie hatte sich einem mann aufgedrungen, der ihrer nicht wert war, hatte freiwillig einen Stand gewählt, von welchem sie wusste, dass ich ihn verabscheute; Ursachen genug, sie in meinen Augen verhasst zu machen. Doch auch für sie sprach die mütterliche Liebe, und noch mehr das Mitleiden: war sie nicht gestraft genug, an einen Mann wie Feldner gefesselt zu sein? Waren ihr nicht alle Wege zum Glück verschlossen? und bestand nicht ihre ganze Aussicht auf Aenderung ihres Schicksals, in der elenden Hoffnung auf die Wiederkehr eines Mannes, welcher sie hasste und verachtete, eines Mannes ohne Charakter, ohne Grundsätze, ohne Amt und Vermögen?
Mein Kopf schwindelte mir, wenn ich an diese Dinge dachte. Nichts war im stand, die schwarze Gedanken über diesen Gegenstand, die meine Seele erfüllten, zu verdrängen, als die noch schwärzern Vorstellungen von Peninnens Schicksal. Ich verglich den Brief dieser Unglücklichen mit dem was mir ihre Schwestern von ihr zu sagen wussten, und alles rätselhafte war mir aufgeklärt. Sie hatte Gabrielen von der Seite ihres Gemals gedrängt, sie lebte in seinem haus als seine erklärte Buhlerinn; sie prangte noch mit ihrem glänzenden Elend und scheute sich nicht, mich mit ihrem baldigen Anblick zu bedrohen, mir ihre Schande selbst vor die Augen zu legen. Ihr Bezeigen gegen ihre Schwestern, der geheimnisvolle Aufentalt in ihrem haus, ob sie ihm gleich einen andern Vorwand gab, die wenige Zeit, die sie bei ihnen zubrachte, um ja die gelegenheit zu vermeiden, sie gründlich von allem was sie anging, zu benachrichtigen, der Glanz der sie umgab, die Geschenke, die sie machen konnte, alles, alles bestätigte die geschichte, die ich mir von ihr zusammen geträumt hatte, und der Entschluss, sie auf ewig aus meinem Herzen und aus meinen Augen zu verbannen, war fest gefasst.
Ich nahm ihren letzten Brief, nahm die Juwelen, welche sie die Kühnheit hatte, mir als eine Art von Bestechung zu schicken, und siegelte beides ein, ohne es mit einer Erklärung meiner Gesinnungen gegen sie zu begleiten. Ich hatte es versucht, ihr einige Worte zu schreiben, aber unzufrieden mit allem, was aus meiner Feder floss, hatte ich diese Versuche verrichtet, und war entschlossen, dass sie nie wieder etwas von meiner Hand lesen sollte. Nicht einmal die Aufschrift würdigte ich selbst zu machen. Ich trug es Jucunden auf. Sie weinte, Amalie bat, und suchte ihre Schwester zu verteidigen, aber ich war unerbittlich, und untersagte beiden, der verworfenen Wienerinn, wie ich Peninnen nannte, ein Wort im Guten oder im Bösen zu schreiben, wie wohl hätte insgeheim geschehen können, wenn ich es nicht verboten hätte. Einander zu lieben, für einander zu bitten, sich gegenseitig zu entschuldigen, und einander in Verlegenheiten mit Rat und Tat beizustehen, war aller meiner Kinder Weise, und ich konnte solches wohl leiden, wenn es nur nicht auf Unkosten der Gerechtigkeit, und meines mütterlichen Ansehens geschahe.
Wie demjenigen, welcher durch die Hand des Wundarztes ein schadhaftes Glied von seinem leib trennen lässt, um sein Leben zu erhalten, zu Mute ist, so war mir, als ich mich nun nach meinen Gedanken ganz von Peninnen losgemacht hatte. Angst und Schrecken vor dem fürchterlichen Schritte, empfindliche Schmerzen, und ach der Gedanke, dass doch wohl ein gelinderer Weg hätte gewählt werden können, nach demselben. Peninna war ehemals mein Liebling, war mein Stolz – aber nein, sie hatte aufgehört tugendhaft zu sein, und ich durfte nicht mehr an sie denken. – Hannchens Fall kam mir denn zuweilen wohl in den Sinn, aber er war bei weitem nicht der ihrige. Bei jener sprach Liebe, verführte Unschuld, und bittere Reue für die Verbrecherinn, aber was hatte diese für sich anzuführen? – Sie hatte den Regierungsrat, in dessen haus sie lebte, nie geliebt, mehrere Weltkenntniss als Hannchen hatte, musste sie zu keinem so leicht zu verführenden gegenstand machen, und