meine Redlichkeit rechnen könne.
Jucundens Stocken, und Amaliens tiefgeholter Seufzer bei dieser Stelle, belehrte mich was ich zu glauben hatte. Ich gebot der Erzehlerinn, um ihr ihre unangenehme Rolle abzukürzen, nicht zu weitläuftig zu sein, und sie beschloss ihre geschichte folgendermassen.
Herr Feldner hatte unsere truppe, ich weiss selbst nicht warum verlassen. Wir veränderten unsern Aufentalt verschiedenemal, und ich gewann nach und nach so einen Widerwillen vor dem Teater, dass ich es gewiss verlassen haben würde, wenn ich ein anderes Mittel zu meinem Forkommen gewusst, oder in meinem väterlichen haus auf die schonende Aufnahme eines verirrten Kindes hätte rechnen dürfen, die ich daselbst gefunden habe.
Wir kamen, nachdem wir verschiedene Städte besucht hatten, nach Wien, und fanden Feldnern daselbst. Amalie freute sich ihren verlornen Gatten wiederzufinden, ich aber zitterte, und sah wie in einem Spiegel was uns seine Gegenwart für ein Schicksal prophezeite. – Um die Sache ohne weitere Umschweife heraus zu sagen, Herr Feldner hasste seit einem gewissen Zeitpunkte mich und meine Schwester. Er hatte bei dem Wiener Publiko viel Einfluss, und so war es natürlich, dass kein Stück von meiner Schwester aufgeführt werden konnte, welches nicht durch ihn fiel, und ich in keiner Rolle auftrat, wo ich nicht anstatt des Beifalls das Gezische des Hohns zum Lohne hinnehmen musste. Die stimme der besser und heller sehenden wurde unterdrückt und unser gemeinschaftlicher Feind behielt die Oberhand.
An einem von den Tagen, da ich und Amalie vor
einer sehr zahlreichen Versammlung auf diese Art gelitten hatten, und um dem spottenden Auge unserer Verfolger zu entkommen, unsern Heimweg durch eine Hintertür des Schauspielhauses hatten nehmen müssen, fanden wir in unserer wohnung eine Karte ohngefehr dieses Inhalts:
"Wenn Madam Feldner, und Mademoisell N... so
wie man Ursache hat zu vermuten, Amalie und Jucunde Haller sind, so werden sie gebebeten, sich in den Wagen zu setzen, welcher diesen Abend gegen zehn Uhr vor ihrem haus halten, und sie zu einer Freundinn führen wird, welche ihr Unglück betrauert, und sie demselben zu entreissen wünscht."
Wer erfahren hat, wie begierig wir nach erlebten
Verdrüsslichkeiten, den kleinsten Trost zu ergreifen pflegen, welcher sich uns darbietet, der stelle sich die Freude vor, welche wir über diesen Zettel empfanden. O Amalie, rief ich, man kennt, man bedauert uns hier, man will uns retten! Amalie schüttelte den Kopf, wusste nicht worin diese Rettung bestehen sollte, fürchtete neues Unglück, und konnte doch nicht ermüden, den Zettel immer von neuem zu lesen, und auszurufen, dass ihr die Hand bekannt sei, und dass wir doch vielleicht jemanden finden würden, dessen Anwesenheit uns Freude machen könne.
Die gewünschte Stunde erschien, wir warfen uns in den Wagen, welcher uns – ach liebe Mutter, sie erraten es – in die arme unserer Peninna führte. ist es wohl möglich, eine Scene wie diese zu beschreiben? Wir wussten nichts von ihrer Anwesenheit in Wien; sie bis heute nichts von der Unsrigen. Sie hatte das Schauspiel besucht, hatte in der armen mishandelten, durch unbilligen Tadel des lärmenden Parterre aus aller Fassung gebrachten Actrice ihre Schwester erkannt. Auf eingezogene Erkund gung hörte sie, dass diese Madam Feldner, die Verfasserinn des heutigen Stücks, die Schwester der ausgepochten Schauspielerinn sei; die Beschreibung ihrer person liess sie Amalien erkennen, und ihre Maasregeln waren genommen.
Sie liess uns zu sich holen, um aus unserm mund unsere wahre Verfassung zu vernehmen, und uns, wenn wir ihrer Vorsorge noch würdig wären, Mittel zu verschaffen, in das Haus unserer Eltern zurückzukehren. Die halbe Nacht ging hin, nicht uns unsere Schicksale zu erzehlen, sondern uns über einander zu freuen, mit einander zu weinen, und Plane für die Zukunft zu machen. Erst am folgenden Tage erfolgte eine kurze Erzehlung von unserer Seite, denn Peninna konnte nicht viel um uns sein, und am dritten Tage unsere Abreise.
Aber mein Gott, unterbrach ich Jucunden, wie fandet ihr eure Schwester? wen saht ihr bei ihr, und was für ein Ansehen hatten die Dinge, die sie umgaben? wir fanden sie erwiderte Jucunde, so gut, so schön, und so froh wie jemals. Sie wohnte sehr prächtig, als was sie umgab atmete Ueberfluss, aber wir sahen ausser ihr niemand als ihr Mädchen. Unser Aufentalt bei ihr wurde sehr geheim gehalten. Sie schente sich nicht, es uns zu gestehen, dass sie sich schämte ihre Schwestern auf dem Teater gefunden zu haben, dass sie froh sei, dass ich von niemand in ihrer Gesellschaft ausser ihr gekannt worden sei, und dass sie alles mit solcher Verschwiegenheit anzulegen wissen werde, dass niemand etwas davon erfahren solle, dass wir da gewesen, oder wohin wir gekommen wären.
Eine vortreffliche Intriquenmacherinn! rief ich aus, aber ich bitte euch, was sagte sie von ihrer gegenwärtigen Lage? Uns irgend etwas umständlich zu erzehlen, erwiderte Amalie, dazu war keine Zeit. Sie nannte sich glücklich, sprach beim Abschied von baldigem Wiedersehen, beschenkte uns reichlich, und klagte über nichts, als über das Stillschweigen ihrer teuren Mutter. Keiner von den Briefen, sagte sie, die sie nach Hohenweiler abgelassen, sei beantwortet worden, und sie setzte ihre einige Hoffnung auf den Brief, den sie uns mitgab, und auf unsere Vermittelung, wenn irgend ein Unwille, den sie nicht verschuldet habe, sich in dem mütterlichen Herzen solle eingeschlichen haben.
Höret auf, rief ich