über seine Freiheit beleidigt zu finden. Ich antwortete ihm auf eine Art, die auch ihn verdross, er warf mir meine oftmalige Verschmähung seiner Warnungen vor, und beschuldigte mich, dass doch vielleicht ein geheimer Wohlgefallen an dem Laster, das ich mich zu verabscheuen stellte, in meinem Herzen verborgen sein müsse. Ich war nicht sanftmütig genug, dieses ohne Gegenrede aufzunehmen, und wir trennten uns endlich in vollem Zorn, er mit dem Versprechen, nie wieder nach einer person zu fragen, welche Freundes Warnung nicht zu vertragen wisse, und ich mit der Versicherung, dass ich inskünftige meine eigene Hüterinn sein wolle, um alle fremde hülfe und Warnung unnötig zu machen.
O du Undankbare, unterbrach ich hier Jucunden, war dieses der Dank gegen einen Mann, welcher sich deiner annahm, ohne die geringste Verbindlichkeit dazu zu haben?
Seine Art mit mir zu sprechen, erwiderte sie, war in der Tat ein wenig hart, und konnte wohl die Empfindlichkeit eines so sehr geschmeichelten Mädchens reitzen; indessen hatte ich es verdient, dass man aus diesem Ton mit mir redete, und es hätte mir freilich geziemt, dieses zu bedenken. Aber zu dem Beleidigenden, das ich in seiner Rede fand, kam auch noch dieses, dass ich eine ganz andere Sprache erwartet hatte. Ich hatte in so manchem Roman Geschichten gelesen, mit welchen mein gegenwärtiges Abenteuer einige Aehnlichkeit hatte; immer war der Retter des bedrängten Mädchens ein demütiger Verehrer ihrer Schönheit und Tugend und ein patetischer Lobredner ihrer gekränkten Unschuld; wie sehr musste es mich nun verdriessen in meinem Befreier nichts von dem allen zu finden, und aus seinem mund anstatt der honigsüssen Sprache des Liebhabers, Vorwürfe und Gesetzpredigten zu hören?
Ein und zwanzigstes Kapitel
Der Verdacht wider Peninnen vermehrt sich
Ich kannte Jucundens gebesserte Gesinnungen zu gut, um ihre letzten Worte als eine Verteidigung ihres Verfahrens aufzunehmen, ich sah es, dass sie in denselben nichts tat, als über ihre albernen Romangrillen spotten, und hielt es also für unnötig, hier eine meiner Belehrungen anzubringen. Ich schwieg und die Erzehlerinn fuhr fort.
Ich befand mich wenig Schritte von meines Vaters wohnung, als mein Schutzengel sich von mir trennte. So erzürnt ich auf ihn war, so konnte ich mich doch nicht entalten, ihm nachzusehen. Der Morgen fing schon an zu dämmern, und ich konnte seine weisse Lichtgestalt noch lang unterscheiden, bis sie sich endlich in eine entlegene Strasse verlor. Ich schickte ihm einen Seufzer nach, und konnte mich nicht entalten, es zu bedauren, dass ich ihn so im Zorn von mir gelassen hatte; ach wie bald sollte die Zeit kommen, da ich einen Ratgeber, wie ihn nötig gehabt hätte, da er der einige Freund gewesen wäre, dessen ich mich an dem damaligen Orte meines Aufentalts hätte rühmen können. Ich ging langsam nach unserer wohnung zu; die Tür war verschlossen, aber im untern Zimmer, welches die Frau vom haus bewohnte, war Licht. Ich klopfte an; man öfnete mir.
Mein Gott, Mamsell Jucunde! rief mir die Magd entgegen, welche mich einliess. Stille! stille, Kind! sprach ich leise, ich habe mich verspätigt, ich will niemand wecken. Wenn ist mein Vater, und wenn Mamsell Ralph nach haus gekommen?
Der Papa? und Mamsell Ralph? schrie die Dirne, nun ja, was das betrift! – Nein, Madam, fuhr sie fort, und steckte den Kopf in die Unterstube um die Wirtinn zu rufen, ich bitte sie um Gotteswillen, da ist Mamsell Jucunde; was in aller Welt doch das zu bedeuten haben mag?
Die Wirtinn kam heraus, mein Anblick setzte sie in eben so grosse Verwunderung, als ihre Magd, ich konnte nicht einsehen, was an meiner Erscheinung so wunderbares sei, wir sprachen alle zu gleicher Zeit und verstanden uns nicht, bis mir endlich ein schreckliches Licht aufging, und ich einsah, dass ich ganz allein und von allen verlassen zu Berlin zurückgeblieben war. Mein Vater war diese Nacht, vermutlich wegen unglücklichen Spiels oder anderer Verdrüsslichkeiten, schleunig abgereisst, er hatte nach mir gefragt, aber als ich nicht vorhanden gewesen war, sich keine grosse Mühe weiter um mich gegeben. Mamsell Ralph hatte den Tag vorher, unter dem Vorwand, es geschäh auf meinen Befehl, alle meine Sachen ausräumen lassen, vermutlich um sie in die wohnung zu bringen, die sie mir bei dem bereitet hatte, den ich noch bis jetzt nicht anders als nach der Maske, in der ich ihn sah, den Spanier zu nennen weiss, oder sie im Falle, dass ich widerspenstig wär, als eine kleine Schadloshaltung für meine Gesellschaft zu behalten, von welcher sie, nach dem Vorgang voriger Nacht wohl einsehen konnte, dass sie für sie verloren sein würde.
So war ich also ganz verlassen und zu grund gerichtet; vergessen und vernachlässigt von einem unnatürlichen Vater, und geplündert von einer verräterischen Freundinn! Kein Donnerschlag hätte mich so zu Boden stürzen können, wie diese Nachricht; ich warf mich auf einen Stuhl, und war der Ohnmacht nahe.
Es würde zu weitläuftig sein, alles was auf diese für mich so schreckliche Scene erfolgte, zu erzehlen; es sei genug, dass ich bei dieser gelegenheit die wahre Gesinnungen derer, die mir bisher geschmeichelt hatten, aus dem grund kennen lernte. Meine bisherige Wirtinn wollte mir kaum den Aufentalt in ihrem haus noch auf den kommenden Tag gönnen, und nur der Anblick meiner goldenen Uhr, des einigen was ich noch besass