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wenn ich Sie mit der Ralph gehen sähe, denn die ist ihnen – – nun ich denke, Sie verstehen mich. Ich bin zwar auch, Gott verzeih mir es, kein Tugendspiegel; aber sehen Sie, eben darum kann ich Ihnen sagen, dass nichts an dem Weibsbilde ist, und dass es schade um Sie wär, wenn sie Sie verführen täte. Sie sind so hübsch und sehen so gut und ehrlich aus, dass ich Sie mir selbst nicht gönnen würde, wenn ich nicht gedächte besser zu werden. hören Sie, lassen Sie sich raten; Sie haben, glaube ich, noch eine Mutter zu haus, machen Sie, dass Sie aus Berlin kommen, und geradeswegs zu ihr, wenn sie nicht etwa auch von der Art ist, wie, – Sie müssen mir es nicht übel nehmenIhr Herr Vater, und das andere Menschenvolk in Ihrem haus. – Armes, gutes, unschuldiges geschöpf! Sie dauren mich bei meiner Ehre, und wenn ich besser und reicher wär, als ich bin, Sie müssten heute meine Frau werden. Nun wir sehen uns wohl einmal wieder, denken Sie zuweilen an

den unbekannten F e r d i n a n d ."

Zwanzigstes Kapitel

Ferdinand spielt seine Rolle fort

So ernstaft die Dinge in meinen Augen waren, welche mir Jucunde vortrug, so konnte ich mich doch nicht entalten, über dieses seltsame Sendschreiben zu lachen. Diesen Ferdinand kenne ich, dem Namen nach, sagte ich, indem ich meiner Tochter den Brief zurück gab; wenn ich dir das umständlich erzehlen werde, was ich von Alberten kurz vor seiner Abreise gehört habe, so wirst du auch seinen Namen nennen hören. Es ist ein Mensch, der mich wirklich interessirt; er handelte edel gegen deinen Bruder, er nahm sich deiner gekränkten Ehre an, und warnte dich in der gefährlichen Lage in der du dich befandst; es ist unmöglich, dass er so ganz verdorben sein konnte, als er in anderer Betrachtung zu sein scheint. Der Himmel bringe ihn von seinen Verirrungen zurück; das erste was ich ihm aus Dankbarkeit wünschen kann. – – –

Was mich anbelangt, fuhr Jucunde in ihrer Erzehlung fort, so bekümmerte ich mich damals wenig um den Schreiber dieses briefes, der Inhalt desselben zog meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Die Nachricht von der Rettung meines Bruders, von dem Leben desjenigen, den er nach jedermanns Vorgeben getödtet haben sollte, und die Vorstellung, dass Alberts Gefahr dadurch, im Fall er auch eingeholt werden sollte, sehr vermindert werden würde, erfüllten mich mit Entzücken. Das Bekenntniss von der Macht meiner Reitze, welche das abenteuerliche Sendschreiben entielt, war mir zu plump, als dass ich es einiger Achtsamkeit hätte würdigen sollen. Die Warnungsworte wegen meiner Freundinn machten einen etwas stärkern Eindruck; aber Mamsell Ralph, die als meine Vertraute freilich den Brief sogleich zu sehen bekam, wusste für alles Ausflüchte, und aller Verdacht, den mir der treuherzige Unbekannte einzuflössen gesucht hatte, wurde durch sie bald so völlig vernichtet, dass ich sie um Verzeihung bat, dass ich den Lästerungen ihrer Feinde nur einen Augenblick hatte Gehör geben können, und zur Versiegelung meines vernenten Vertrauens ihr versprach, noch diesen Abend einen Maskenball mit ihr zu besuchen, zu welchem sie von einem Vetter Billets bekommen hatte. – Ich hatte ihre Meinung, liebe Mutter, die sie oft über diese Art von Lustbarkeiten äusserten, noch nicht so ganz vergessen, dass ich nicht immer einen geheimen Widerwillen gegen dieselben hätte haben sollen, und ich hatte daher, so oft Mamsell Ralph mich bei diesem Feste der Narrheit hatte einführen wollen, allemal den Mangel eines anständigen Führers vorgewendet, und ihr die Unschicklichkeit vorgestellt, wenn zwo junge Mädchen, in einem Gewühl von lauter Unbekannten, ohne einen Schützer erschienen. Mamsell Ralph hatte mir zwar eingewendet, dass bei dieser Art von Bällen, die Gesellschaft nie so gros sei; dass man sie kenne; dass sie mir für alle Gefahr stehen wolle, und dass es übrigens an dem Ort, wohin sie mich zu führen gedächte, gar nichts ungewöhnliches sei, Frauenzimmer ohne männliche Begleitung auftreten zu sehen; aber dem ohnerachtet war es ihr nie geglückt, mich zum Mitgehen zu bewegen.

Diesen Abend machte sie meine Einwilligung zu einer Bedingung ihrer Verzeihung, sie stellte sich untröstlich, dass ich dem Briefe des Unbekannten zu ihrem Nachteil nur einen Augenblick hatte glauben können, und das einige Mittel sie zu befriedigen, sie von der völligen Tilgung meines Verdachts zu überzeugen, war, dass ich mich entschloss, sie auf die Maskerade zu begleiten.

Sie hielt mich fest bei meinem Worte, sie machte alle Anstalten zu unserer Erscheinung, und nützte die Zwischenzeit bis zu der stunde, da wir uns in den Wagen setzen wollten, um zu diesem Feste der Finsterniss zu fahren, mich mit Neugier und Verlangen nach dem was ich sehen würde zu erfüllen. Sie versprach mir, ausser dem Anblick der bunten Scene, und dem Vergnügen des Tanzes, das ich mit jedermann gemein haben würde, auch noch eine besondere Freude, nämlich die Bekanntschaft eines jungen Herrn vom ersten Range, welcher mich auf den öffentlichen Spaziergängen gesehen habe, von mir ganz entzückt sei, und gegen einige ihrer Verwandten geäussert habe: Mamsell Haller sei das schönste Mädchen, das er kenne; so eine gemahlin wie die göttliche Jucunde würde er den vornehmsten und reichsten fräulein vorziehen, und er könne nicht ruhen, bis er dieses bescheidene Veilchen aus der Dunkelheit hervorgezogen, und zum