Dirne spielte, das kam mir gar nicht in den Sinn, denn meine Gespielinn nannte dieses den durchgängig bei jungen Frauenzimmern eingeführten Ton; eine Lüge, die ich nicht entdecken konnte, da ich mit dem grösseren und edlern teil der Mädchen der Stadt, in welcher ich lebte, nicht den geringsten Umgang hatte, sie an den meisten Orten, die ich mit der Ralph besuchte, natürlicher Weise gar nicht zu sehen bekommen konnte. In einem Stück glückte es meiner Verführerinn doch nicht, mich nach ihrem Beispiel zu bilden: nie konnte ich mich entschliessen, den leichtsinnigen Anzug, den ich endlich an ihr gewohnt ward und entschuldigen lernte, selbst zu tragen. Ich kleidete mich allemal mit einem gewissen Anstand, meine Freundinn mochte mir es so oft sagen, als sie wollte, dass es nicht Mode sei. Vielleicht war dieses das Mittel, die achtung dererjenigen, deren Augen ich auf mich zog, immer noch einigermassen zu erhalten; denn gewiss ist eine lockere lüderliche Tracht eine Art von Affiche, die einem jeden den Charakter derjenigen die sie trägt, deutlich mutmassen lässt. Doch wüsste ich nicht, wie weit mich gefälligkeit und Ueberredung endlich gebracht hätten; vielleicht wär es der Ralph endlich geglückt, alles aus dem Wege zu räumen, was mir noch das Ansehen eines nicht ganz verdorbenen Mädchens erhielt; und wie leicht wär es dann geschehen, dass ich aufgehört hätte, das zu sein, wofür niemand mich mehr hätte halten wollen.
Zum Glücke nahte die Zeit heran, da mir die Augen über den wahren Charakter meiner Busenfreundinn sollten geöfnet werden. Der erste Lichtstrahl verbreitete sich an dem Tage über denselben, da ich Mamsell Ralph meinem Bruder Albert vorstellte. Der Unwille, die Verachtung, mit welcher er sie betrachtete, setzte mich schon in Verwunderung, aber als er ihr den Rükken kehrte und uns verliess, und sie ihm ein paar Flüche von der pöbelhaftesten Art nachsandte, da sah ich sie mit Erstaunen an, und würde sie vielleicht ganz für das erkannt haben, was sie war, wenn diese Schlange nicht auch hier einen Ausweg gewusst hätte. – Närrchen, fragte sie, was willst du denn mit deinen grossen Wunderaugen? was hab ich denn gesagt? – Worte, erwiderte ich, welche nie in den Mund eines gesitteten Frauenzimmers kommen sollten. – Kann wohl sein, sagte sie, denn ich habe sie von deiner Robignac gehört, ich verstehe noch zu wenig von eurer Sprache, um zu wissen, wie die gesitteten und wie die ungesitteten Frauenzimmer schimpfen; und schimpfen wollte ich deinen unhöflichen Bruder, der nicht weis, wie er sich gegen ein Mädchen von meiner Art betragen soll. Die Ralph hatte in so weit recht, sie sprach das Französische schlecht, uud nur darum, weil in unserm haus nichts anders geredet wurde; es war also möglich, dass sie nicht wusste was sie sagte, und ich entschuldigte sie.
Den Tag darauf erhielt ich eine nachdrücklichere Warnung, die ich aber eben so wie die erste in den Wind schlug. – Dass mein Bruder Albert die Nacht nach dem Tage da die vorige Scene zwischen ihm und der Ralph vorging nicht nach haus kam, konnte mir nicht auffallen, weil dieses eine sehr gewöhnliche Sache war, aber als gegen den Mittag die ganze Stadt voll davon war, er habe im Tiergarten einen jungen Menschen im Duell erstochen, und sei entflohen, als alle angestellte Nachforschungen vergebens waren, als wir erfuhren, dass man ihm nachsetzte um ihn zur Rechenschaft zu ziehen, und ich für sein Leben zittern musste; wie soll ich beschreiben, wie mir da zu Mute ward! Ich hatte Alberten allezeit geliebt, ob mir gleich seine Ermahnungen oft lästig waren, und ich sie bei dem, der selbst nichts weniger als fehlerfrei war, lächerlich fand.
Gegen den Abend dieses angstvollen Tages erhielt ich folgenden Brief, den ich Ihnen wegen seines originellen Tons selbst zu lesen vorlegen muss.
Jucunde zog ein Blatt aus ihrer Brieftasche, und ich las folgendes:
"Mamsell Haller!
Sie gefallen mir, und ich sehe sie gern wo sie mir vorkommen; wie wohl ich, auf meine Ehre wollte, sie kämen mir etwas seltener vor die Augen. Es sollte mir weh tun, wenn ich Sie durch die Gewohnheit nach und nach weniger hübsch fände.
Doch das gehört nicht hieher; zur Sache: Da hat sich Ihr Bruder gestern Abend im Tiergarten Ihrentwegen mit einem geschlagen; er tat recht daran, der brafe Kerl, und hätte er kein Herz dazu gehabt, so wär ich da gewesen; ich, sehen Sie – Ich habe ihm davon geholfen, und ihm einen Weg vorgeschlagen, da ihm kein Teufel was anhaben soll; denn er ist ihr Bruder, und steht mir auch vor seine person wohl an. – Hätts freilich nicht nötig gehabt, denn sein Gegner ist nicht tot, aber nun, hin ist hin, und Sie müssen sich beruhigen; kann wohl einmal als ein grosser Mann wiederkommen, und hier wär doch nicht viel aus ihm geworden.
Was ich noch sagen wollte, Mamsell, war das: Menagiren Sie sich doch ein bisgen, wegen der sogenannten Mamsell Ralph. Sie sollen ja wie die Leute sagen, mit ihr umgehen, und eben darum hat sich ihr Bruder gestern geschlagen; ich weiss nichts von dieser Bekanntschaft, denn ich bin einige Wochen nicht in Berlin gewesen, und komme nun wieder, und freue mich recht auf ihren Anblick, aber ewig und ewig sollte mir es leid tun,