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Jucunde schont mich, sagte Amalie, sie scheut sich, es zu sagen, dass ich ihn zuerst liebte, dass ich ihn an mich lockte. Ich suchte seine Eifersucht zu nähren, feuerte ihn an, sich an seiner Treulosen zu rächen, bemühte mich, da es mir an persönlichen Annehmlichkeiten gebrach, ihn durch meine Unterhaltung zu fesseln, und meine Nebenbuhlerinn durch Witz und Talente auszustechen, und so gelang mir es endlich, ihn an mich zu ziehen. Er versprach mir aus Rache seine Hand; er machte sich einen artigen Plan zu unserm gemeinschaftlichen Fortkommen, der sich auf unsere beiderseitigen Wissenschaften gründete, und wir nutzten die erste gelegenheit, das Haus meines Vaters zu verlassen. Wir liessen uns trauen; er trat seine Stelle als Teaterdichter bei einer kleinen truppe an, und ich erkühnte mich als Schriftstellerinn, Ehre und Vorteil zu erwerben.
Ich warf hier einen mitleidigen blick auf Amalien, und Jucunde nahm das Wort von neuem.
Das geheime Verständniss zwischen Feldnern und meiner Schwester, hatte schon eine Zeitlang gedauert, ohne dass ich es achtete oder nur zu bemerken schien. – Der Eintritt der Demoiselle Ralph in unser Haus veränderte die Scene. Sie kennen aus Alberts Erzehlung die abenteuerliche Art, auf welche ich mit ihr in Bekanntschaft geriet, und die meinen damaligen romanhaften Ideen so angemessen war. (Herr Feldner, hatte mich Romane lesen gelehrt, und ich hielt es für meine Pflicht, die Dinge, die sie entielten, zu realisiren.) Meine neue Freundinn war in meinen Augen eins von den erhabensten Tugendmustern; ihre erkünstelte Erzehlung von ihren Schicksalen, hatte sie bei mir zu diesem Range erhoben, und wer mich von diesem Wahne abbringen wollte, war ein Verläumder, ein von ihren Feinden erkaufter Bösewicht, ein Feind meiner Ruhe. Ich hätte nur die Augen auftun dürfen, um ein gerechteres Urteil zu fällen. Die Geflissenheit, mit welcher sie strebte, Uneinigkeit zwischen Amalien und mir zu stiften, wär schon hinlänglich gewesen, mir sie auf einer Seite zu zeigen, welche mit ihren andern vorgeblichen Tugenden schlecht übereinstimmte.
Demoiselle Ralph hatte selbst Absichten auf Feldnern, sie hasste Amalien, weil er gern mit ihr umging, und sie suchte mich wider beide aufzubringen, um sich an ihnen zu rächen. – Verzeihe, verzeihe, Amalie! Die Kränkungen, die ich dir antat, kamen nicht aus meinem Herzen; ein böser Geist mischte sich zwischen uns und suchte uns zu trennen.
Amalie bemühte sich, eine Träne in ihrem Auge zu zerdrücken, und schloss Jucundens dargebotene Hand, zärtlich in die ihrigen.
Ein anderer Irrweg, auf welchen mich meine neue Verführerinn zu leiten suchte, redete die Erzehlerinn weiter, entsprang aus dem Wahne, den sie mir von einer ungebundenen Freiheit einzuflössen suchte, die das höchste Gute der Jugend sei, ohne die das Leben uns wie ein Traum, ungenossen verstreichen würde.
Mein Vater hatte zu viel zu tun, um diese Freiheit, die ich wohl zu gebrauchen entschlossen war, einzuschränken, und Mamsell Robignac, war nicht fühllos gegen die Reize eines kleinen Geschenks. Mein Vater war freigebig gegen mich, und wenn ich seine Geschenke mit meiner Aufseherinn teilte, so waren ihre Augen vor allem verschlossen; sie liess mich machen, was ich wollte, und dankte mir noch dazu, dass ich ihr Zeit verschafte, die Gesellschaft unserer Wirtinn zu geniessen, sich mit ihr bei einer Partie Piket und einem Glas Rosolis des Lebens zu freuen, oder in einer zahlreichern Gesellschaft solcher Damen wie sie und ihre Freundinn, zu präsidiren, und über die Fehler des lieben nächsten Gericht zu halten. Mein Gott Jucundgen, sagte sie denn manchmal zu mir, wir sind auch einmal jung gewesen. Wie hätte ich bei den Fräuleins von Wilteck auskommen wollen, wenn ich nicht gefällig gewesen wär! Die guten Kinder die! sie haben ihre Jugend redlich genossen, und sind doch noch gnädige Frauen geworden. Sie sind noch so jung und so hübsch, wer weiss was Ihnen einmal beschert ist.
Himmel! unterbrach ich Jucunden, in was für Händen bist du gewesen!
Gott sei Dank, antwortete sie, dass ich die Freiheit, die man mir gönnte, nicht ganz auf die Art genoss, wie ich gekonnt hätte. Nacht und Tag mit der Ralph herumzuschwärmen, nach allen neuen Dingen, die zu sehen waren, zu laufen, von den Seiltänzern an, die kürzlich aus Frankreich kamen, bis auf den jungen Prediger der seine Anzugspredigt in einer Hauptkirche hielt; mich an allen öffentlichen Orten zu zeigen, denen Impertinenzen der jungen Herren, die mir die schlechte Gesellschaft, in welcher ich mich zeigte, zuzog, und die sie mir, als den hier eingeführten Ton angab, mit Hohn und Neckereien, oder im höchsten Notfall mit der Flucht ein Ende zu machen, und denn am Abend, wenn ich von den Schwärmereien des Tages ermüdet, mit meiner Gefährtinn zur Ruhe ging, über die gehabten Abenteuer zu lachen, das war meine Freude. Häusliche Stille, Arbeit, Eingezogenheit waren Dinge, die ich kaum mehr dem Namen nach kannte, die, wie mir Ralph sagte, nur für arme, alte und häsliche Personen, nicht für ein Mädchen wie ihre himmlische Jucunde taugten.
Das Bewusstsein, dass ich die Tugend bei meinem freien Leben nicht gerade verletzte, gab mir eine gewisse Ruhe und Selbstzufriedenheit, die ich für gutes Gewissen hielt. Dass ich Sittsamkeit und Wohlstand beleidigte, dass ich oft ohne es zu wissen, die Rolle der verworfensten