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ihm eine eben so eifrige Fürbitterinn, als du bei mir warest.

Ich war nun mit Amalien und Jucunden allein, und es ist unnötig, den Inhalt unsers Gesprächs zu wiederholen. Es war so, wie es zwischen einer beleidigten, doch zur Vergebung willigen Mutter, und, zwischen verirrten doch wiederkehrenden Kindern statt haben konnte. Unsere Unterredung bedurfte keiner Zeugen. Die reuigen Sünderinnen waren so gedemütigt, dass ich ihnen die Beschämung, das umständliche Bekenntniss ihrer Sünden in Gegenwart ihrer jüngern Schwester zu tun, gern ersparte.

Ich bin meinen Lesern den Inhalt dieses Bekenntnisses schuldig, aber sie sollen ihn haben, nicht so wie ich ihn damals in der ersten Bestürzung der Sprechenden erhielt, sondern in dem Zusammenhange, wie mir es Jucunde einige Tage hernach ablegte. Also nichts von den fragen, die ich an sie tat, nichts einmal von denen, die ich Peninnens wegen vorbrachte, und von der unbefriedigenden Antwort, die ich darauf erhielt, sondern alles in seiner Ordnung.

Neunzehntes Kapitel

Entält unter andern Denkwürdigkeiten, einen

meisterhaften Liebesbrief

Die junge Rednerinn Juliane, hatte auch an ihrem Vater die Kraft ihrer Worte bewiesen. Zwar hatte sie sich gerade zu einer Zeit in sein Zimmer gedrungen, da er ausdrücklich verboten hatte, ihn zu stören, zwar hatte sie erst seinen ganzen Unwillen erfahren müssen, ehe er sie hörte, aber ihr rührendes Weinen und Bitten, ihre kunstlosen mahlerischen Vorstellungen von dem traurigen Zustande ihrer Schwestern, von ihrer Reue und von ihrem Versprechen künftiger Besserung, würkten endlich doch so viel auf Herr Hallern, dass er seine Töchter, als ich sie zu ihm brachte, mit Schonung aufnahm. Die Worte, welche er mit ihnen wechselte, entielten zu wenig merkwürdiges und zweckmässiges, um mir im Gedächtniss geblieben zu sein, auch schienen sie keinen besonderen Eindruck auf die Büssenden zu haben. Freilich sahen sie in ihrem Vater denjenigen, der sie aus der Sicherheit in den Armen ihrer Mutter riss, und sie ohne Vorsicht der Verführung entgegen führte; freilich stand dem Mitgenossen bei mancher ihrer gefahrvollen Vergnügen, dem Anführer auf den schlüpfrigen Pfaden der Welt, das ernste väterliche Ansehen, das er einige Augenblicke lang zu behaupten strebte, nicht sonderlich an, und man konnte es seinen Töchtern nicht verdenken, dass sie dieses fühlten.

Nach meinem Willen hätte das fräulein von Vöhlen, unsere Hausgenossin, nichts von Amaliens und Jucundens geheimen Angelegenheiten erfahren sollen, aber ich hatte Julchen oft im Verdacht, dass sie in der Freude ihres Herzens, ihr alles geplaudert habe; Klare tat zu zurückhaltend gegen die Neuangekommenen, sie behauptete zu sehr das Ansehen gegen sie, das ungefallene oder vielmehr ungeprüfte Tugend, so gern gegen diejenigen annimmt, welche einmal gestrauchelt haben. – Herr Walter betrug sich gegen meine Töchter, als ich sie ihm vorstellte, so gut und edel wie sein ganzer Charakter war, und Charlottehatte sich seit einiger Zeit zu sehr geändert, um viel von ihr erwarten zu können. Desto besserso hing das Herz meiner wiedergefundenen Kinder desto fester, desto inniger an mir, und ich hatte es ganz in meiner Gewalt es von neuem nach meinem Sinne zu bilden.

In einer von den einsamen Stunden, die wir zusammen zubrachten, erfolgte die Erzehlung, welche ich so treu als möglich zu liefern gedenke.

Unsern ersten Eintritt in die Welt, fing Jucunde an, hat Ihnen, wie sie sagen, Albert bereits beschrieben. Mit neugierigen Blicken mischten wir uns in das bunte Gewühl, verschlangen alles mit unsern Augen, fällten von allem unser Urteil, und handelten nach demselben, ohne zu merken, dass wir falsch geurteilt hatten, und also auch verkehrt handeln mussten. Eine vornehme Kleidung und ein gewisses stolzes oder herablassendes Betragen, war uns das Merkmal von gutem stand und überlegenen Einsichten. Wir hatten nicht das Glück anständige Gesellschaft zu sehen, und glaubten uns also, mitten unter schimmerndem Pöbel, in der wahren grossen Welt. Die verächlichen Blicke des Neides auf unser gutes noch unverblühtes Ansehen, demütigten uns, und das Wohlgefallen, mit welcher Frechheit und Ausgelassenheit die Augen auf uns heftete, schätzten wir uns zur Ehre, und triumphirten über unsere elenden Siege.

Erkünstelter Kummer und verstellte Tränen reizten uns zu Mitleid, und alberne voreilige Bereitwilligkeit zu helfen, und wo wir das laute Jauchzen der Freude hörten, da strebten wir Zutritt zu haben, ohne zu wissen, wie übel diesen Jauchzenden meistens insgeheim zumute war, und wie bald wir, indem wir an ihrem jubel teil nahmen, ähnliche Schmerzen erfahren würden.

Jucunde, unterbrach ich sie, du deklamirst mir zu viel, du kannst das Teaterwesen noch nicht vergessen. Ich bitte dich, erzähle kurz, deutlich, und ohne zu vieles Wortgepränge. – – – – – Jucunde fuhr fort:

Ohne mich also zu weitläuftig über die mancherlei Auftritte auszubreiten, die wir sahen, und bei welchen wir auch zum teil handelnde Personen vorstellten, will ich nur zu demjenigen eilen, welcher mein Schicksal entschied.

Nur das deinige? unterbrach ich sie, ich wünschte auch von Amalien etwas zu hören. Ich weiss, dass jedermann sich bestrebte, dich in einen Wirbel von Zerstreuungen zu schleudern, dass die Robignac, der Oberste, und Gott weis, wer alles, seinen Vorteil aus deiner Verführung zu ziehen suchte, weis es, dass Feldner, welcher anfangs dein Anbeter war, durch den nichtswürdigen Schwarm der dich umgaukelte, zurückgeschreckt wurde; aber wie kam er zu Amalien? war es Verzweifelung oder Liebe, was ihn dich vergessen machte