1788_Naubert_077_10.txt

sie auch unser Herz widerlegt! –

Herrn Hallers Testament ward eröfnet, und zu jedermanns Erstaunen ward mein Name nicht auf die entfernteste Art darinnen erwehnt. Sein Vermögen war zwischen seine witwe und seinen Neffen gleich geteilt, doch so, dass jene nebst verschiedenen Dingen von Wichtigkeit, dieses Haus, und dieser eine ansehnliche Summe Geld zum voraus bekam, mit dem Befehl, seinen bisherigen Wohnort zu verlassen, und das Amt zu Hohenweiler zu pachten, wegen dessen der Erblasser schon alle nötige Verfügungen getroffen habe.

Madam Haller sah mich bei dem letzten Punkte mit einem schlauen, zufriedenen Blicke an. Mein Mann schien betreten, und nachdenkend, und einige mit ziemlich reichen Legaten bedachte Verwandtinnen meinten, es sei doch höchst ungerecht, dass der selige Herr mich, seine treue Wärterinn, so gänzlich vergessen, meiner auch nicht einmal ehrenhalber mit einer Sylbe gedacht habe: des ich vom Herzen lachen musste. Schimpf wäre mir es gewesen, in einem Testamente genannt zu sein, bei dessen Verfertigung ich, wie mir, zwar mir allein, bekannt war, so sehr um Rat gefragt worden war. Ich wollte nicht unabhängig von denen sein, denen ich mein Glück zu danken hatte; ihr Vorteil war der meinige, und ohne sie wär ich arm bei Millionen gewesen.

Eins hatte ich getan, welches mich vielleicht bei manchen in den Verdacht des Eigennutzes bringen wird, da es den Vorteil einer person betraf, die mir lieber als mein Leben war. Aber war mir es wohl zu verdenken, dass ich den Willen des Verstorbenen, meinen Vater unabhängig zu machen, gut hiess? Ist wohl die reichlichste Unterstützung selbst von denenjenigen, denen es Pflicht ist, ihren Ueberfluss mit uns zu teilen, ist sie wohl dem freien mann mit einem kleinen Einkommen, das er gewiss und ganz sein eigen nennen kann, zu vergleichen? Der verstorbene Herr Haller hatte so manches langes Jahr in vertrauter Freundschaft mit meinem Vater gelebt, seine gespräche hatten ihm die finstern Tage, da die ganze sichtbare Schöpfung vor seinen Augen verschlossen war, aufgeheitert, sein Zuspruch hatte ihn in seinen letzten Stunden getröstet, und ihm den Uebergang in eine andere Welt leicht gemacht, war es ihm denn wohl zu verdenken, dass er zur Dankbarkeit darauf sann, seinem Tröster den Abend seines Lebens heiter und sorgenleer zu machen, und handelte ich unrecht dieses zu billigen, es geschehen zu lassen?

Mein Vater hatte, seit er, wie er sich ausdrückte, aus dem Weinberge des Herrn vertrieben worden war, eine besondere Liebe zum Land- und Gartenbau gewonnen. Seine Lektüre, seine gespräche, seine kleinen Geschäfte, alles bezog sich auf diesen Lieblingsgegenstand. Jener schöne Bezirk, den Hügel hinab an der rechten Seite unsers Hauses, den wir den kleinen Garten nennen, und der so manchen von ihm gepfropften Baum, so manche zuerst von ihm dahin verpflanzte seltne Blume trägt, war, seit das geliebte Hallersche Haus uns Fremdlinge aufnahm, sein liebster Würkungskreis gewesen, jetzt ward er nebst dem dazu gehörigen haus sein Eigentum, und eine ganz artige Leibrente, die sein Freund auf ihn hatte schreiben lassen, begleitete dieses Vermächtniss.

Hätte ich geglaubt, sagte mein Vater, als der Kummer über den Tod seines Freundes seine erste Schärfe verlohren hatte, und ihm Raum liess Freude und Dank über sein hinterlassenes Andenken zu fühlen, hätte ich geglaubt, noch in dem Besitz irgend eines irdischen Guts, das zu empfinden, was ich hier unter meinen blühenden Bäumen, unter meinen duftenden Blumen fühle? – O Kinder, ich werde zum zweitenmale jung! So oft der Frühling in meinen Garten wiederkehrt, so oft ist es auch, als wenn neues Leben in meinen Adern wallte! Ach es wird mir einmal schwer werden, mich von diesem Paradiese und von euch zu trennen!

Neuntes Kapitel

Die Tante ist noch ärger als die Nichte

Das war ein Meisterstreich! sagte Madam Haller, als wir das erstemal nach Eröfnung des Testaments ohne Zeugen mit einander sprechen konnten, das wahr wohl ersonnen! auf diese Art bringst du deinen Mann aus seinen allerliebsten Gesellschaften, er weiss selbst nicht wie. – Ich schwieg. – Leugne mir es nicht, mein Kind, fuhr sie fort. Ich weiss, dass du meines Mannes Herz in Händen hattest, und das gepachtete Amt ist nichts als ein Einfall von dir, den du durch ihn ausführen liessest.

Ich weiss nicht, meine Kinder, ob ihr es jemals erfahren habt, wie einem zu Mute ist, wenn man sich wegen einer Sache loben hört, mit welcher unser Herz nicht ganz zufrieden ist; gewiss eine der peinlichsten Empfindungen, die ich kenne, und die mein Herz in selbigem Augenblicke in vollem Maasse erfuhr. – Wie? du weinst? rief Madam Haller, indem sie die Hand, mit welcher ich meine Augen decken wollte, mit sanfter Gewalt hinweg zog. – O, meine Tante, sprach ich schluchzend, wer weiss, ob ich recht handelte! ich hasse von natur alle krummen Wege, und ob dieser Meisterstreich, wie sie es nennen, auf der geraden Bahne blieb, ob ich ihn meinem mann und der Welt offenherzig gestehen dürfte, das gebe ich ihnen zu bedenken. – Du bist wunderlich, sagte sie, welchen Weg soll man mit verkehrten Leuten gehen, als den, der ihrer Art zu handeln am nächsten kommt? – Bedenken sie selbst, fuhr ich fort, meinen Mann mit Hinterlist aus einer Sphäre reissen, in welche er sich schickt, und ihn in