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Benedikte Naubert

Die Amtmannin von Hohenweiler

Eine wirkliche geschichte

aus Familienpapieren gezogen.

Vom Verfasser des Walter von Montbarry

Erstes Bändchen

Vorbericht

Diese Blätter, welche ich unter den geheimen Papieren meiner Frau, Jukunde Haller, gefunden habe, lege ich der Welt vor Augen; nichts davon als die Ueberschriften der Kapitel ist mein Werk, das übrige alles ist aus der Feder meiner Schwiegermutter, der Himmel tröste sie, geflossen. – Wozu doch den Weibern die Kunst zu schreiben nutzen mag? Ihre Torheiten und die Fehler ihrer Männer zu verewigen? – Ich bedaure meinen seligen Schwiegervater, er mag in guten Händen gewesen sein! – Mir möchte meine Jukunde mit solchen Dingen kommen. Ein jeder nehme sich das Beste aus diesem Geschreibsel, so wie auch ich getan habe.

Der Herausgeber.

Erstes Kapitel

Geschwätz einer alten Frau

Der Frühling meines Lebens ist dahin, diese grauen Haare sind Zeuge davon. Der Frühling und der Herbst? – fast möchte ich zweifeln, ob ich auch diese für vergangen rechnen soll, wenn ich mich im Kreise meiner blühenden Töchter und Enkelinnen erblicke, deren jede mir in meiner jugendlichen Schönheit gleicht, und einen Glanz auf meine Runzeln zurück wirft.

Wenn ihr, ihr Lieben, euch so zärtlich um diejenige dränget, die euch das Leben gab, so fällt mir immer der abgestorbene Nussbaum an der linken Seite unserer Gartentür ein, dessen nackte Aeste der nachbarliche Flieder mit seinem Laub und Blüten deckt, und dessen Stamm der Weinstock, den mein Vater an meinem Hochzeittage pflanzte, so prächtig mit seinen roten Trauben behängt. Schon oft habe ich dieses Sinnbild meines hinsinkenden Lebens, das nur durch euch Zierde und Anmut erhält, von der Axt des Gärtners gerettet, und auch euch, meine Kinder, sei es heilig; rottet diesen Baum nicht aus, wenn ich tot bin: er verunstaltet die Stelle nicht, auf welcher er steht, seine beiden Nachbarn, die er aufwachsen sah, und sie in seinen bessern Jahren in seinem Schatten nährte, verhüllen seine Blösse, und zürnen nicht, wenn der Unwissende einen teil ihres Laubes auf ihres Pflegers Rechnung schreibt.

Schon oft, meine Kinder, versprach ich euch, eine umständliche Erzählung meiner geschichte, oder vielmehr der eurigen, denn meiner eigenen begebenheiten sind wenig. Still und einförmig verfloss mein Leben, bis ich in den Stand trat, der euch das Dasein gab, bis ihr eines nach dem andern auftratet, und mir bald Trauer- bald Freudentränen ablocktet, mir bald frohe Tage, bald sorgenvolle schlaflose Nächte machtet. Viel waren meiner Unruhen in euren ersten Kinderjahren; aber o Gott, sind sie wohl mit den Sorgen zu vergleichen, die bei eurem reiferen Alter mein Herz anfielen? Zu der Zeit, als eure Leidenschaften erwachten, und euch in Labyrinte führten, aus welchen euch zurückzurufen, die schwache mütterliche stimme vergebens strebte. – Amalie ist dahin, aber dich, Jukunde, und dich Juliane, rufe ich zu Zeuginnen an; ihr könnt vergangene Dinge noch nicht so ganz vergessen haben. – Johanne, auch sie, mein Liebling, hat mir der Tränen viel gekostet, doch auch sie ist aus unserm Kreise abgetreten, und euchhaben mehrere Jahre weiser gemacht.

Lasst mich endlich eine Erzählung anfangen, von welcher ich, wenn ihr in mich dranget, oft sagte, ich würde sie euch besser schriftlich als mündlich geben können. Ihr sehet, dass ich recht hatte. Wie wollte die jugendliche Ungeduld die Schwatzhaftigkeit des Alters aushalten können! Einer geschwätzigen Feder kann man eher entfliehen, als einem schwatzhaften mund. Legt dieses Blatt auf die Seite, wenn es euch zu langweilig dünkt, und fangt ein neues an.

Zweites Kapitel

Alltagsbegebenheiten

Die Erwähnung meines schwachen hilflosen Alters, meiner vergangenen Sorgen und Kümmernisse, eurer Vergehungen und unserer Verstorbenen, gibt dem Anfange dieser Blätter einen gewissen Anstrich von Schwermut, welcher eigentlich nicht mit meinem Charakter übereinstimmt. Die junge Welt mag mich vielleicht jetzt zuweilen finster und mürrisch nennen, aber in meiner Jugend, ich versichere euch, war ich dieses nicht. Die frohe Miene, mit welcher ich in meiner Kindheit meinem Vater entgegen hüpfte, wenn er von Amtsgeschäften verdrüsslich nach haus kam, der Reichtum von Hoffnung und guter Laune, mit welchen ich, als ich älter ward, manche seiner Sorgen hinwegtäuschte, war es vorzüglich, was mich zu seinem Lieblinge machte.

Ihr wisst, euer Grossvater war ein Geistlicher, noch dazu ein Geistlicher auf dem land, und es ist also nicht zu zweifeln, dass das Amt, Unmut zu verjagen, ziemlich oft von mir geübt werden musste. Wenn in einer seiner Cirkularpredigten der Herr Superintendent den Kopf geschüttelt hatte; wenn ihm ein junger vorwitziger Stadtgeistlicher mit einer schweren Citation aus dem Grundtext in den Weg trat; wenn bei der Kirchenvisitation der Herr Ephorus keines unserer Gerichte loben wollte, und den für ihn aufgesparten Wein scharf und sauer fand, dann konnte nichts den gedemütigten Stolz meines guten Vaters aufrichten, als ein munterer Einfall derjenigen, die er seinen Trost und seine Hoffnung nannte, und von der er in solchen Stunden zu versichern pflegte, dass alle Stadtmädchen, und selbst die bleichen Töchter des Herrn Superintendenten ihr an Schönheit und Güte nicht zu vergleichen wären; ein Kompliment, welches man eben nicht übertrieben nennen konnte.

Wenn wichtigere Sorgen ihn quälten, so ward mir es freilich nicht so leicht ihn zu beruhigen. Ein beschwerliches Amt, unruhige Pfarrkinder, geringe Zehenden, schlechte immer mehr abgekürzte Einnahme, Uneinigkeit mit seinen streitsüchtigen Herren Confratern, Verlänmdung und Verdacht