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Friz, und nur eine Nina lebt.

Dein biederes teutsches Herz hat mich hingerissen zur äussersten Liebe, die mir gemeine Menschen vielleicht zur Last legen werden, die nicht einsehen können, dass ich Dich lieben musste! – –

Kette dich also recht fest an mich, wakkerer Junge, es soll Dich nie reuen, Du wirft zwar um meinen Besiz ein Bischen kämpfen müssen, aber ohne Kampf wäre kein Wert, und ohne Wert keine Liebe wie die unsrige. – Und sollte ich Dich mit meinem Blute erringen, so würde ich es tun, denn ohne Dich lebte ich ja nur wie eine Wilde, die in der Irre herum läuft auf dem Erdboden. – Elend wäre ich dann, mit dem besten Herzen, den fernern Verfolgungen Preiss. – Gott! – Gott! – wenn ich so die Güte meines Herzens mit den Bubenstükken abwäge, die an mir schon sind ausgeübt worden, dann möchte ich wohl der natur fluchen, dass sie mich bloss zur Misshandlung schuf.

Ich bitte Dich, Friz, sei nicht unruhig über meine Schwermut, Du must Dir in mir ein ganz besonderes geschöpf denken, die auch bloss ein Engel von Deiner Güte ertragen kann! – Denke Lieber, das Mädchen, welches die Welt für eine Leichtsinnige hielt, blutete oft im Herzen, wenn sie um dem Spott der Armut auszuweichen, eine lachende Aussen-Seite annehmen musste. –

Ich fand nirgends keine menschliche Seele, die würdig und vernünftig genug gewesen wäre, den Grund meines Karakters zu prüfen. Nur meine Lebhaftigkeit und die Eitelkeit der Mannsleute, die an mein Bischen Verdienst sich anklebten, zog mir so viele Schmetterlinge zudie, so oft ich erschienscharenweis um mich herumschwärmten. –

Ich seufzte nach einem guten Herzen, suchte Mitleid, Grossmut und Liebe, aber fand leider Unflat, Wollust, und niedrige Begierden. Du begreifst mit Deiner Menschenkenntniss diesen Zustand gewiss, in dem ich mich schon seit einigen Jahren abhärmte! – Aus Verdruss, aus Hass gegen mein schicksal versuchte ich flatterhaft zu werden, aber es misslang mir mit meinem noch unverdorbnen Herzen, ich blieb dabei leer, albern und missvergnügt. – Nur wahre Liebe hätte mich glücklich machen können, aber ich wurde zurückgestossen, schrökliche Tage hindurch schmachtete ich, bis ich Dich fand! –

Hier hast Du die aufrichtigste Beicht, die je ein Weib unter der Sonne abgelegt hat, alles weist Du jetzt, ich will Dich überzeugen, dass keine falsche Ader in mir wohnet. Ich schäme mich meiner begangenen Schwachheiten nicht, sie sind Beweise, wie weit menschliche Misshandlungen ein gutes Herz treiben können. –

Mögen alle Weiber ihre Fehler so aufrichtig an's Licht stellen, wie ich, dann werden sie gewiss auch leidenschaftliche Liebhaber finden, die sie um ihrer Aufrichtigkeit willen standhaft lieben werden. – Wenn Verstellung, Eitelkeit, und Grimasse in einem weib besiegt ist, dann Glück zu, ihr Herrn Männer, sie ist eurer Verehrung würdig! –

Ja liebenswürdiger Jüngling! – Deine Vernunft begegnete gerade meinem Herzen, und Du hieltest es fest, weil es Dir nicht alltäglich schien, behalte es immer, es sei nur Dir gewidmet. – Aber Gott! – Warum musstest du auch wegen mir so viel dulden von den Deinigen? – Jesus Christus! – – Wenn unsere Bekanntschaft entdekt würde, man steinigte mich lebendig! – – Und doch wäre ich unschuldig, und doch wäre es nicht meine Schuld, wenn mir die Deinigen meine unwillkührliche Liebe zum Verbrechen auslegen wollten. –

Hier vor dem Kruzifix des blutenden Heilands schwöre ich Dir, dass ich Dich gleich von Anfang ohne alle Absicht rasend liebte! – – Und dass, wenn dies Sünde ist, mir keine Strafe zugehört, weil ich Dich vor den Augen Gottes rein liebte, bis es einst dem Allmächtigen gefallen wird, uns enger zu verbinden. – Noch einmal schwöre ich Dir bei dem Schatten meiner teuren verstorbenen älteren, dass meine Lebhaftigkeit nicht glitschen soll, eh ich von Banden los bin, die mich noch fesseln! – –

Zwar hat sie Schark schon lange zerrissen, nur bin ich noch nicht völlig davon überzeugt. – Morgen erzähle ich Dir eine wichtige Entdekkung über diesen Punkt, – schreiben darf ich sie nicht, Du wirst seufzen, und mich gewiss bedauren. Lebe wohl, Deine

Nina.

XV. Brief

Guten Morgen! Ein Kuss mit ihm, und Langeweile genug, bis Du kömmst. So viel von Deiner guten

Nina.

XVI. Brief

O du einziger Vertrauter meines Elendes! – Glaubst Du wohl, dass ich zu Bette gehen könnte, ohne Dir einen Auftritt zwischen mir und Schark zu beschreiben, worüber Du zittern wirst! – Auch von meiner ausschweiffend heftigen Seite musst du mich jetzt kennen lernen, damit Du nicht lauter Tugend in mir suchest. – Dann mag Deine Vernunft entscheiden, ob es sträflich ist, wenn ein gutes Herz sich vergisst? – – Sieh ich beichte Dir sogar meine Fehler, weil ich überzeugt bin, dass Du klug genug bist, um die Quelle dieser Fehler einzusehen, und meine sonst so äusserste Guterzigkeit ihnen entgegen zu sezzen.

Selig waren heute für mich die augenblicke, die ich an Deiner Seite verlebte, aber als Du, Sohn der Tugend, mich verliessest, o da sah es wieder um mich schröklich finster aus! – Kurz nach Deiner Entfernung kam Schark, seine Untreue fiel mir schwer aufs Herz, ich konnte keine Silbe hervorbringen, stumm und schluchzend warf ich mich auf's