1788_Ehrmann_010_6.txt

böse, brause nicht, hörst Du! Nach Tisch Millionen Küsse von Deinem Liebchen.

Nina.

IX. Brief

Eben schlägts zwölf Uhr, und ich trete in's Zimmer! Woher? Aus der Gesellschaft, wo ich meinen Friz verlies. – Was bekümmert mich jetzt mein Bette, ich muss Dir noch zuerst meine Empfindung schildern. Aber lieber Friz, warum bist Du denn in der Gesellschaft nicht geblieben? – O es ging die halbe Nacht durch noch toll unter den Leuten zu! L.... ist die lustigste Seele, die ich jemals kannte! Was der Komiker den ganzen Abend durch für Karikaturen machte! Du hättest Dich närrisch gelacht! – Er kopierte einige Situationen aus der natur ganz vortreflich! – Wir waren untereinander recht ohne Zwang lustig; wie hat Dir meine öffentliche Vorlesung aus dem Schauspiele gefallen? – O was ich da alles fühlte; wie ich mit Deiner grausamen Familie Vergleichungen anstellte, wie es mich drückte, das Vorurteil, das die arme Julie, und auch mich peinigt! Ich vergas alle Lobsprüche, die man meiner richtigen Lessart zuwarf, und war ganz nur in Juliens schicksal vertieft, das so viel ähnliches mit dem meinigen hat! Möchtest Du guter Junge das Hinschmelzen meiner Leidenschaften auf deine Rechnung geschrieben haben! Möchtest Du gefühlt haben, wie jeder Ausdruk nur auf Dich zielte! Wie ich darauf antrug deine Seele in Entzükkungen hinzureissen! Könnte ich Dich doch immer mehr und mehr überzeugen: dass Du es mit keinem Alltags-Mädchen zu tun hast! Jedes Lob meiner wenigen Talenten, wenn ich es ja verdiente, sei Dir gewiedmet! – Gewiss Friz! Du hast es mit einer guten Seele zu schaffen. Niedrige können mich nicht kennen, sonst wäre ich ihresgleichen. Du bist aber auch der einzige, der mein Herz zu schäzzen weis. Man streut mir zwar überall Weihrauch unter den Menschen, aber all der Weihrauch ist eine Kleinigkeit gegen die Liebe meines Frizens. Siehst Du, wie ich mitten im Taumel der grossen Gesellschaften Dich immer in Gedanken mitführe; wie Du mir überall mangelst, wie meine Liebe im grund meiner gebildeten Seele wohnet; wie ich alles bloss für Nebensach ansehe, was nicht Friz heisst. – Hast Du auch schon so ein liebendes Weib gekannt? – Doch pfui! – Das ist eitel, Liebe braucht kein Lob, sie belohnt sich selbst durch namenlose Entzükkung! – Aber sag Teurer, warum warst Du heute wieder so blöde? – Wie konntest Du verlegen sein, als ich Dir beim Weggehen die Hand drückte? Friz! – ängstige mich doch nicht immer; – Klugheit ist billig, aber ein verstohlner blick, ein Zeichen ist doch jedem wizzigen Jungen bei solcher gelegenheit eine Schuldigkeit. Du sagst, ich hätte wieder die lebhafte Gestalt einer Schäkerinn? Aber doch bei Gott absichtslos gegen Andere! – Bloss um keine bürgerliche, geschraubte Erziehung zu verraten, und mich nicht gar allzu lächerlich vom Weltton abzusondern; indessen ist mein stilles Gefühl das feinste, das sahst Du an der Träne, die mir während dem Vorlesen im Auge zitterte! – Mein Herz ist rein, das weisst Du, auch meine Grundsäzze sind geordnet: Wenn dies Vorzüge sind, so mögen sie einst dein Leben beglückken, wenn mich nicht noch vorher das Unglück, das von der Wiege an mein los war, mit Dir in den Abgrund reissen wird. – Friz; Du hast ein armes geschöpf kennen gelernt! – Hilf mir tragen, Lieber, die Bürde dieses Lebens! – – jetzt wirst Du wohl schlafen, guter Junge, weil Du die letzte Nacht so grausam littest? – Wache doch auf Lieber, und schenke Deiner Nina ein warmes Mäulchen! – Du versprachst mir morgen frühe zu schreiben; dann sagtest Du wieder, Du wollest selbst kommen. Sag, auf welchen Punkt soll ich mich nun freuen? – Wirst Du mich wohl wieder marternd auf eines oder das andere warten lassen? – Nimm nichts für Vorwurf; Du kennst meine Lebhaftigkeit! – Wenn Dir nur nichts begegnet ist! – Wenn nur Dein Bedienter bei zeiten kommt, und Du hernach nur selbst kommst! – Wenn es nur schon Tag wäre! – – Das ist eine üble Nacht! – – Schon schlägt es zwei Uhr! Es wird drei ... vier Uhr schlagen, und die natur wird mir noch ihren Trost versagen. Könnt ich Dich doch geschwind überraschen, lieber, holder, besster Friz! Du bist besser als alle andere Erden-Söhne; etwas stürmisch, launicht, aber doch liebenswürdig! – Ruhig also, Liebchen, Niemand kann mich anpakken, als alter Weiber-Geklatsch. Und wäre es nicht eine Schande für mich, wenn ich von diesen Niedrigen in meiner denkart verstanden würde? – Lass sie immer plappern die Elenden, die nicht einmal den Unterschied der Herzen zu bestimmen wissen. Nun fängts mich aber doch zu schläfern an! – Deine Liebe sei jetzt meine Begleiterinn. Aber wenn Du wieder so Grillen machest, wie gestern, dann bekömmst Du vierzehen Tage lang kein Mäulchen mehr von Deiner

Nina.

X. Brief

Um zehn Uhr Abends.

Schon wieder sizze ich da und schreibe an mein Liebchen! – Von was? – Von meiner heutigen Unterhaltung. – Es war wieder eine grosse Gesellschaft Adelicher da, die sich untereinander mit steifer Etikette marterten; Die Kavaliere begegneten mir so höflich, als sie es wagen durften, um die Eitelkeit der andern Damen nicht zu beleidigen. – Ich war