1788_Ehrmann_010_56.txt

Lass sie zu dir dringen diese heissen Tränen der Beschämung! – Strafe nicht mein geringes Zutrauen in deine weise Güte! – Schon stunde ich doppelte Mörderinn am rand des Grabes, schon vergas ich natur, Mutter, Gattenpflicht und Religion, als du gütiger Vater im Himmel mir im nämlichen augenblicke Rettung schiktest! – Ewig, ewig sei deine unendliche Barmherzigkeit gepriesen!!! – O meine Kräften ... wie wird mir? ... Diese Ueberraschung! ... Dieser Uebergang! ... Ich fühle Schauder ... Hizze ... meine Augen verdunkeln sich ... ich kann nicht mehr ... sei mir gnädig ... o Ewiger ...!

Einige Stunden darnach.

Meine Ohnmacht ist vorbei, o mein Friz, o mein Gatte, vergieb mir, der Welt-Heiland hat mir auch vergeben! – Kannst Du Dich jetzt entschliessen, mit einer Verworfenen zu leben, die es wagte sich zur Selbstmörderinn zu erniedrigen? – – Kann Dich meine blutige Reue besänftigen über den ehrvergessnen Undank, den ich am Schöpfer, an Dir, an Deinem kind beging? – – Friz, auf meinen Knieen bitte ich Dich um Verzeihung! – Stosse die arme nicht von Dir, die aus Verzweiflung an keine Vorsehung mehr glaubte. Vergieb ihr, vergieb ihr um der Unschuld willen, die sie unter ihrem Herzen trägt! – Darf ich hoffen? – Darf ich? – – – Bei Gott, Friz, Du hast mir in diesem augenblick vergeben, dass sagt mir eine höhere simpatetische Macht! – Das sagt mir mein Herz, meine Ahndung! – –

O meine Empfindungen öffnen sich der Freude wieder, ich kann ihn jetzt fassen, den Gedanken dieser plözlichen glücklichen Veränderung! – So fieberhaft auch immer mein Puls noch schlägt, so bin ich doch noch stark genug, um über die gute Nachricht nachzudenken, die Du mir gabst. – So sind wir denn auf einabwesend! – Und ich in vier und zwanzig Stunden in Deinen Armen! – Ja, Friz, gewiss in Deinen Armen! – – –

Die Post steht vor der tür, ich werfe mich krank in den Wagen, Du magst ihr entgegen eilen Deiner Nina, Du magst Dein Weib vor der Welt öffentlich an Dein Herz drükken, Du magst den grossen, barmherzigen Weltbeherrscher ewig ewig, mit mir verehren, Du magst Dein Kind lehren seine Allmacht preisen, die Tränen seiner Nebenmenschen tröknen und nie an der göttlichen Vorsicht zweifeln! – – –

Nina.

Fussnoten

1 Um das Auge und Ohr nicht zu beleidigen hat man die erbärmliche Ortographie dieses Briefes berichtigt. – –