1788_Ehrmann_010_51.txt

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Dass ich erst Donnerstags abreiste, musst Du jetzt schon wissen, dass ich aber erst heute in der Nacht hier sehr elend ankam, sollst Du gleich erfahren. – Als es in H... zum Einsteigen Zeit wurde, brachte mich Röschen fast nicht in den Wagen, ich wollte Deine Nachbarschaft durchaus nicht verlassen. – Der Postwagen war voller Leute, ich sas wie eine Verdammte, sprach kein Wort und blieb in dieser jammervollen Betäubung bis es dunkel wurde, dann fing ich an heimlich zu schluchzen, zu weinen, dass es mich beimann, der mir gegenüber sas, bemerkte meinen stillen Jammer und gab sich alle Mühe mich zu trösten. – Eine tiefe Ohnmacht, die mir auch zum teil das unbequeme Fahren zugezogen hatte, war das Ende dieses Auftrittes. – Sinnlos trug man mich in's Wirtshaus, alle Passagiers wurden jetzt auf mein schicksal neugierig, aber Röschen ist ein schlaues Mädchen, denn nicht eine Seele erfuhr das Geringste von meiner Verfassung. –

Ha, mein Gatte, wie viele solcher Leiden wirst Du mir noch aufbürden? – – Du kannst nicht begreifen, wie mir das avantürische Herumziehen zusezt und zur Last wird. – Ohne Dich kann ich's nicht mehr tragen, sähst Du die elenden Behandlungen, denen ein Weib ohne Mann ausgesezt ist, Du würdest rasend! – – Und besonders so ein schwaches, empfindliches Ding, wie ich bin. Ha! – Ich bleibe nicht mehr so, ich kann nicht mehr so bleiben, ich muss Dich an meiner Seite haben, Du musst mich schüzzen. Längstens in drei Wochen kömmst Du an meinen Busen, oder bei Gott ich bin für Dich auf ewig verloren!!! – Das ist hart, nicht wahr Friz? – –

Aber höre nur erst obenhin eine kleine Beschreibung von den unangenehmen Dingen, welchen ein Weib ohne Mann ausgesezt ist. – Unter zwölf Personen, die im Postwagen sassen, war nur ein einziger, der uns nicht für herumziehende liederliche Dirnen hielt. – So bescheiden, so gramvoll ich auch da sass, so ruhte doch das Vorurteil schwer auf mir, ich sah es aus verschiedenen Anmerkungen. – Selbst Röschen mit ihren kleinen Unbesonnenheiten betrug sich sehr vernünftig. Das Mädchen trägt vieles mit mir. Denke nur die Angst, die sie wegen meinen schwermütigen Anfällen duldet. – –

Unzufrieden, krank und kummervoll kam ich Nachts um drei Uhr in F... an, foderte ein Zimmer, und was glaubst Du wohl, man gab uns ein kaltes Loch, worin ein Bett mit einem blossen Strohsak stunde, und dessen Fenster ganz durchlöchert waren. Der Wirt sah uns ungeachtet unserer guten Kleidung doch für blose Abendteurerinnen an. – Das war ein anblick für mich! – Finstere Nacht, ausser Stand eine bessere Schenke zu suchen, harrte ich arme auf dem Strohsak und mein Röschen, die mich mit ihren Tränen wärmte an meiner Seite. –

Ist wohl je einer Missetäterinn ein solches schicksal beschieden? – – Und doch geht es einem weib ohne Mann nicht anders; nun denke Dir erst die Barbarei, wenn so ein Weib ohne Geld wäre. – Röschen war fast ausser sich, dass wir in einen solchen Lumpenwinkel gerieten! – – Der Konduktör nebst seinen Passagiers reissten gleich wieder weiter, nachdem der erstere auf meinen Konto hin brav gezecht hatte. – Grobheiten zu verhüten, musste ich bezahlen, wenn ich schon nichts dafür genossen hatte. –

Als es anfieng Tag zu werden, ging ich mit Röschen in ein anderes Wirtshaus, die Wirtinn begegnete uns spöttisch, nahm uns aber doch auf, dann musste ich ganz natürlich bezahlen was ihrem Eigennuz gelüstete. – Gott, was wird das werden, wenn mir die L..., an die ich heute den Empfehlungs-Brief abgeben werde, nicht für ein besseres Quartier sorgt? –

Auch fängt das hiesige Männervolk schon zu laufen an, da sie uns vermutlich am Fenster müssen erblikt haben. – grosser Gott, wie weh tut mir das Vorurteil! – Gatte meines Herzens, bei Deiner Sorgfalt, bei Deiner Liebe, komme bald und tröste Dein

armes Weib.

LXXX. Brief

F... den 19ten November.

Mein Gatte, mein Herzens-Gatte! – Was habe ich seit Vorgestern, als ich keine Briefe erhielt, nicht alles gelitten! – Schröklich waren die Tage, aber noch schröklicher die Nähte! – Wenn ich morgen wieder keine Briefe erhalte, so mögen sie mich an Ketten legen! – Röschen geht jetzt zitternd auf die Post, sie sagt, sie hätte nicht den Mut mir eine widrige Nachricht zu bringen. – Sie weint an meinem Bette halbe Nächte durch und bietet alle ihre Kräften auf, um mich aufzuheitern.

Friz, wenn Du noch lebst ... Gott was wäre das! –

Wenn Du noch lebst, so vergelte es doch diesem Mädchen, sie ist die einzige, die Dir Dein Weib erhält, die einzige, die mit sorgfältiger Schlauheit mir überall nachschleicht, und von gewalttätigen Unternehmungen zurückhält. – Meine Denkkraft, meine Ruhe, meine Vernunft ist hin, ist weg um einer leidenschaft willen, die ich nie zu einer solchen Heftigkeit hätte steigen lassen sollen! – Aber Friz, warum warst Du auch so ein sträflicher Schwärmer, der mich bis zur äussersten Liebe hinriss? – Du hättest sie zum Voraus überdenken sollen die tirannische Lage, die Du von meiner Stärke, Du bist zu grausam, zu leichtsinnig, Du überdenkst den