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und dann ist und bleibt die arme Nina verlassen im Elend! – Siehst Du denn nicht, dass man eben auf dies anträgt? – Du musst mich weiter reisen lassen, damit ich den Verfolgungen entwische. – Sage Deinem Bruder, dass ich lieber wie eine Rasende im wald herumirren will, als ferner seinen Verdacht leiden! – Sage ihm, dass ich mehr Ehre im Busen trage, als er Menschheit, sag ihm ... nein, sag ihm nichts, sonst wird er gar noch mein Henker! –

Da ist er nun erfüllt mein Traum! – Wenn Du nicht mehr anders kannst, wirst Du schon an der Klippe hängen bleiben müssen, die Dir durch meine Bekanntschaft ist zubereitet worden! – Lies Deinem Bruder diesen Brief nicht vor, er ist zu fühllos um ihn zu begreifen, er würde mich für unsinnig halten und meiner spotten! – Kränkt er nicht durch seinen Verdacht meine Ehre? – Bald wird er wohl auch noch meine Seligkeit angreifen! –

Röschen weint über diesen neuen Streich wie rasend! – Ist das nicht eine guterzige Närrinn, lachen sollte sie über die harten, ehrenkränkenden Ausdrükke, die Dein Bruder gegen mich ausstiess! – Nicht wahr, Friz, eine Heuchlerinn fühlt auch so tief bei einer solchen Kränkung? – – Wie konntest Du nur dieser verläumderischen Schlange trauen? – – Friz, sie wollen Dich durch Lokkungen um Dein Weib bringen! – – Sei auf Deiner Hut! – – Höre ich noch das mindeste von Deinem Bruder, so kehre ich zurück, und Verzweiflung werde dann mein los! – Wenigstens soll dieser Ruhestörer kennen lernen, was ein leidenschaftliches Weib zu tun im stand ist! – Ein Weib, die Ehre im Busen trägt und sich nicht unschuldiger Weise zur Heuchlerinn machen lässt! –

Da nimm diesen Kuss! – Schmekt er Dir? – Um Gotteswillen lass Deinen Bruder nichts davon wissen! Du weist ja, er hält ihn für giftig! – – Jesus! – Jesus! – Wohin verleitet mich der Gram! Du dringst gewiss nicht durch dieses Gewebe der Bosheit durch, weil man troz unserer Klugheit doch meinen Aufentalt entdekte. – –

Sie wollen Dich an Ketten legen, Deine Verwandten? – O Du armer Sklave, ich sehe Dich gewiss nicht so leicht wieder! – – In Deiner Lage spränge ich zum Fenster hinaus! – Die Liebe mag Dich jetzt schlau machen, ich will niederknieen und Gott um Deinen und meinen Verstand bitten! –

Weh! – Weh, deinem Bruder! – Er hat keine gemeine Seele zu grund gerichtet! – Lebe wohl, sei ruhiger, als Dein trostloses Weib. –

LXXI. Brief

Rosental, den 5ten December.

Friz, glaubst Du wohl ich könnte die Post abwarten, bis sie abgeht und wieder kommt? – So was mag wohl für flegmatische Klözze taugen, aber für mich nicht. – Heute Abend noch muss ich durch diesen Expressen Beruhigung von Dir haben, sonst ... – Traue doch um Gotteswillen Deinem Bruder nicht, er ist gewiss falsch! – Denke nur, wie er Dich erst vor Kurzem um meinetwillen foppte, o traue ihm nicht! – Du wirst sehen, er lebt uns zu Leide, Du wirst sehen, er will mich unglücklich machen, er will mich von Dir reissen, er will uns trennen! – – Ich, eine Heuchlerinn! – Jesus Christus! – Ich eine Heuchlerinn! – Ich, die ich mich um Deinetwillen lebendig in eine Einöde begrabe! – Ich soll mich wie eine Verbrecherinn untersuchen lassen? – O, um's Blut Christi willen, er soll aufhören Verdacht auf mich zu werfen, da er mich nicht einmal von person kennt! – Ist das christlich? – Ist das menschenfreundlich? – Ist das edel, wenn man von seinem Nebenmenschen ohne einige überzeugung lieber Böses, als Gutes glaubt? –

Der rechtschaffne Mann, der ein menschliches Herz besizt, bleibt bei einer üblen Nachrede kalt und im selbst prüfen kann. – Aber ohne Gewissheit das Angedichtete weiter sagen, Verdacht nähren, mit Gewalt eigensinnig das Ueble glauben wollen und dadurch ein armes Weib zur Verzweiflung, zum Selbstmord bringen, ist das nicht teuflisch? – – Siehst Du, man trägt darauf an, mich zu grund zu richten! – Und Du eilst nicht zu fuss fort? – Du lässt es darauf ankommen, dass man mir Vergehungen andichtet? – Um Dich zu betrügen, um Dich abwendig zu machen, tun sie das, Ha! – Wie kannst Du nur so gelassen dabei bleiben? – Aber fein, fein wollen sie Dich hintergehen, merkst Du denn nichts? – –

Nun so sei Gott mein Schuz, mein Retter, wenn mein eigner Mann nichts ahndet! – Nicht wahr ich bin eine zaghafte Kreatur? – Vielleicht wohl gar aus Heuchelei! – – Aber bei Gott, bei Allem was heilig ist, bei dem schönen Wort Liebe, bei der natur sei's geschworen, eher Tod, als Dich lassen!!! – Zeig diesen Brief Deinem Bruder nicht, er würde mich hinabheucheln, in Abgrund! O! er hasst mich ja, und ich tat ihm nie etwas zu Leide, kenne ihn nicht einmal. – –

O Gott! – Wie wird mir? – Es ist mir als sollte ich zusammen sinken ... hülfe! – Rettung! – Für Deine

Nina.

LXXII. Brief

Rosental, den 6ten December.

Liebster, besster Gatte! –