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's Fenster, sah Dich aber nicht vorbeigehen. – Es drückte mich schröklich im Herzen, bis es nach und nach wieder etwas leichter wurde. – Die Guterzigkeit dieser Familie gab meinem Kummer Linderung; man küsste, man herzte, tändelte mit mir von allen Seiten; – und kurz man hielt mich tausendmal schadlos für meine Feinde. – Und nun Friz höre! Einem zehenjährigen Jungen legte die Mutter folgende fragen vor: – "Mein Sohn, wie muss einst dein Weib sein, wenn du eine heiratest?" Sie muss Vernunft haben, antwortete der Knabe. Nun sagte ich, denn kann ich ihre Frau nicht werden. O ja schrie der junge Knabe, heute noch, heute noch! – Aber woher wissen Sie, dass ich Vernunft habe? – Hm! – plazte der Bube heraus. – Wenn man so schöne Briefe schreibt, und so in allen Gesellschaften gesucht, geliebt wird, wie Sie, dann hat man gewiss Vernunft. – Dieses unschuldige Urteil entzükte mich! Ich hätte mich im nämlichen augenblick Engel zu sein gewünscht, um für Dich genug Reize zu haben! – O mein Friz, ich bin nicht schön, habe keine blühende Gestalt, wie ist es möglich, dass ich Dich fesseln konnte? Mein charakter ist bieder, mein Herz ist gut, da sei Gott mein Zeuge! Aber kann das allein die feurigen Wünsche eines Jünglings ausfüllen? Kann mein redlicher Umgang Dich immer vor andern Wünschen sichern? – O Gott! Wenn mir manchmal solches Zeug einfällt, da möchte ich Dich bitten, dass Du Dich in Deiner Wahl nicht übereiltest! – Sieh', ich durchlöchere dadurch die schönsten Hofnungen meines Lebens, und das bloss um Dein zukünftiges Wohl! – Ich will mich lieber selbst zu grund richten, um Dich zu erhalten! – O Friz! – Wie elend hast Du mich gemacht! – Wahrlich ich bin sehr, sehr verwirrt!!! – – Deine

Nina.

V. Brief

Lieber! Ich bin heute sehr zu beneiden, denn ich bekam gestern durch die Familie K.... Anlass eine gute Handlung auszuüben. – Ich war schon frühe bei L... und seiner Frau, denen ich eine vorteilhafte Versorgung ankündete. Er lief sogleich zur Familie K.... und die Sache ward richtig; wie beschämte mich der ehrliche Mann durch seinen Dank, denn ich war fast eben so entzükt, als er, über diesen glücklichen Anlass. Freue Dich doch mit mir, lieber Friz! Mein Herz klopft so heftig, so zufrieden, und meine Küsse müssen Dir heute gewiss feuriger vorkommen! Aber komm ja nicht so spät!

Nina.

VI. Brief

Nachts um Zehn Uhr.

Holder, lieber Friz! – Mich martert Angst über Dein schicksal! Man sagte mir, als ich zu haus kam, Dein Bedienter seie hier gewesen. Diese Nachricht hat mich zu Boden gedonnert! Herr Gott im Himmel! Was magst Du gewollt haben? Bist Du etwa wieder in die Enge getrieben worden? – Hat man wieder neue Seelen-Marter für uns zubereitet? Sind wir vielleicht aufs neue unglücklich? – So ist es denn ewig wahr, dass mich jeder Gedanke der Freude hasst! – Grässlich niedergebeugt; schlaflos werde ich mich bis morgen frühe nach der Zehner Stunde sehnen! – O, mein Friz! – Wenn Dir doch meine Leiden in Dein Herz flögen, dass Du jetzt kämst mich zu trösten! – Um Gottes willen, was ist denn vorgefallen? Bin ich unglücklich, bin ich verloren? – Sag, bin ich es? – Fürchterlich rollt jetzt der Donner am Himmel! – Hell leuchten die Blizze; schaudernd plazt der Regen herab! Finster ist der Himmel! Das ganze Donnerwetter scheint mir deutlich zu sagen; Weib die natur hasst dich! Trostlos, schwermütig sizze ich hier, seufze nach Nachricht von Dir, und Ungewissheit foltert meine Seele! Sag Friz! warum hab ich denn noch kein ganzes Zuder wankenden Seele eines schwachen Weibs, deren Leben aus gränzenlosem Elende zusammen gewebt war! Verzeihe der Armen, an deren Herz ein hartnäkkiger Wurm der Traurigkeit nagt! Die Glokken läuten grässlich! – Es dünkt mich, als ob ihr Ton mich zum grab rief, es dünkt mich, als ob Du mich aus dem Sarg zurückhaschen wolltest, es dünkt mich, als ob Du vor mir stündest, und zitternd meinen kalten Körper anstauntest! – Ha, Friz! mein Herz ist tief angefressen, ich bin hingeschleudert in die Leiden einer Unendlichkeit! Schwerlich wirst Du Dich, muntrer Junge, mehr Deiner Nina freuen! – Sie ist gebeugt, sie leidet an Seelenkrankheit, die Dir dein Leben verbittern wird! – Alle ihre Leidenschaften zielen zügellos auf ihre Ruhe, trüben schröklich ihr Gemüt, und das alles um Dich, um Deine Liebe! O Jüngling! Du bist zu beneiden, denn Dich hasst das Leben nicht so wie mich. Ich komme heute Abend aus einer Gesellschaft Adelicher. – Mit Unwillen, mit Ekkel, ob man mir gleichwohl herzlich begegnete. Die Weiber küssten mich, und die Männer überhäuften mich mit Lobsprüchen, wegen einem Bischen Vernunft. Gott! Gott! – Wie ich da sass, als wie eine leibhafte Verbrecherinn: Ich wollte mich um fünf Uhr losreissen; denn mir ahndete etwas von Dir! Aber Frau von N.... schnitt mir den Weg ab, ich musste bleiben, und trug Kummer im Herzen, tiefen, tödtlichen Kummer