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zu gut die elenden Fleischbrokken von andern Mädchenherzen kenne. – Du, in den Händen einer solchen kaltblütigen Seele, von Gleichgültigkeit und Dummheit zusammen gestoppelt, Du in den Händen einer solchen hökkerichten Alltags-Seele, die an Dir abglitschte, wie an einem harten Stein. – O bei Gott, wenn Du einem solchen Geschöpfe in die hände geraten wärst, ich würde als Freundinn über Dein schicksal rasend geworden sein, wenn ich Dich auch nur in der Entfernung hätte lieben dürfen. – –

Eine solche Erinnerung kann mich trübe machen, Du kennst meine Begriffe von Dir, sie sind hell, trügen mich nicht leicht, aber wenn ich auch einmal den Wert einer person einsah, dann lies ich mich nicht von ihr entfernen, und wenn mich das Vorurteil in Stükke zerrisse! – –

Nun denn, lieber Gatte, lass mich Dir künftigen Montag nicht umsonst entgegen zittern, wenn es anders die Klugheit erlaubt und Du kommen kannst. – Sei vorsichtig, dass man Dir nicht etwa auflauert. – – Komm, o komm sicher in die arme Deiner treuen gattin. – –

Nina.

LXIX. Brief

Rosental, den 1sten December.

Nicht wahr, teurer Friz, ich war gestern beim Abschiede ein sehr schwaches geschöpf? – – Gebeugt bis zur Erde, grausam bis zur Sträflichkeit, gegen einen liebevollen, fühlenden Gatten. – Aber wahrhaftig wenn die Welt zu meiner Strafe Einsturz gedrohet hätte, meine Tränen würden doch nicht aufgehört haben zu fliessen, so schröklich tobte der Gram in meiner Seele! – Nie weinte ich sonst bei einem Abschiede, aber bei dem Deinigen war ich so schwach, so traurig, dass mich eine Fliege hätte über den Haufen stossen können. – Glaubst Du denn, dass ich mich vor den umherstehenden Leuten auch nur im geringsten schämte? – Als ich Deinen Wagen aus den Augen verlor, dann weinte ich laut über die Stiege hinauf, Röschen und die Wirtinn weinten mit. – Du hast den Jammer nicht bemerkt, den Du beim Abschiede allen diesen guten Leuten verursachtest, man liebt und schäzt Dich hier äusserst, o Du reissest durch Dein edles Betragen die Herzen so hin, dass sie an Dir hangen bleiben mussten! – Innigen Dank diesen guten Leuten für ihre Liebe gegen Dich, ich möchte sie alle dafür küssen, aber das alles macht mich noch mehr für hangen, wo gibt es denn eine Liebe, die Dir entspräche? – – über diesen Gedanken sann ich sehr lange nach, und fand ... dass nur mein Tod hinlänglicher Dank für Dich Edler wäre! – O könntest Du Dich über einen Verlust trösten, könnte es Dir noch in einer Welt gefallen, wo keine Nina mehr lebte, wie feurig, wie unbeschreiblich geschwind, wollte ich Dir dieses Opfer bringen! – Ein Opfer, wozu kein anderes Weib so leicht Mut besässe, ein Opfer, wofür kein anderes Weib hinlängliche Liebe im Busen trüge, ein Opfer, das die Welt von meiner heftigen Liebe überzeugte, ein Opfer, das allen Denen, die meine Einsicht in deine Verdienste kennen, sagen würde, es muss ein göttlicher Jüngling gewesen sein, denn Nina starb nicht um etwas Geringes! – –

Denke, Friz, so würden die wenigen Empfindsamen sprechen, die mir gut sind und mich von person kennen, Eitle würden darüber spotten, weil sie nie ein solches Opfer zu erwarten hätten, Sinnliche würden sich nach Deiner Figur erkundigen, Toren würden es mir zur Narrheit anrechnen, Bösewichter für Sünde, und Niederträchtige für Unersättlichkeit des Lasters, dessen Ausübung mir durch Deine Abwesenheit nach ihrer denkart versagt wäre. – Gott! – So würde man urteilen, wenn mich nicht Religion und unerklärbare Liebe zurückhielte den Weg zu wandeln, den gemeiniglich nur gute Seelen aus zu grosser Empfindsamkeit wandeln.

Lies diese Stelle der M... vor und sie wird mit mir ausrufen, für Friz G... ist selbst vergossnes Blut noch zu wenig! – Dank dir Allgütiger, dass du Frizzens erstem Mädchen Dummheit statt Einsicht in seine Verdienste gabst, sonst hätte ich ihn gewiss verloren, wenn das Mädchen Menschenverstand und nicht Stroh im kopf getragen hätte. – Auch Dir danke ich, Vorsicht, dass du mir bei meinen übrigen Bekanntschaften, Stolz und Kraft gabst mein Herz zu bändigen. – –

Nicht wahr, Friz, in der Liebe bin ich äusserst kritisch, äusserst heftig, mein Liebhaber darf mich mit keinem unbefriedigten Wunsche zu Bette gehen lassen, den meine Menschenkenntniss von ihm fodert, sonst erscheint mir der Betrüger in seiner wahren Gestalt, und wenn ich mich dann bei einer solchen Wahl verbluten sollte, so wüsste ich mir über kurz oder lang aus edlem Stolze Richtung zu geben, meine leidenschaft müsste da schweigen, wo ich Niederträchtigkeit zu entdekken glaubte. – Ist meine Epoche mit K... nicht der Beweis davon? – – Er sezte mir schwärmerisch zu, aber Dank seiner Familie, dass sie ihn in's Kindersesselchen zurückrief. –

Nun auch wieder zu unserer Liebe zurück: Als Du fort warst, kam die Wirtinn auf mein Zimmer, weil sie mich krank glaubte. Meine Augen waren angeschwollen, mein Herz vollgepresst vom Kummer über Deine Rükreise. – – Die Guterzigkeit der Wirtinn rührte Anfangs meinen wilden Gram gar nicht, aber als sie mit einer Art Entzükken von Dir zu sprechen anfieng, o da wurde ich weich wie ein Kind und stimmte in ihrem Ton mit ein, dass das Weib die hände über dem Kopf zusammen schlug und laut