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soll, das ganz gewiss meiner wartet, wenn meine Lebhaftigkeit durch zu lange Trennung getäuscht würde! – – Bang ist mir schon ein Tag, aber unausstehlich eine Woche Entfernung von Dir! – Doch das schicksal will es, und ich darf nicht dagegen murren. – – Auch darf ich Dich wohl an keine Pflichten erinnern, Du weisst, dass mein los das schröklichste wäre, wenn Dich je Menschenbosheit zur Veränderung stimmen könnte. Ich bin jetzt so ganz Zutrauen in Dich, verkenne nicht den ehrlichen Mann, der mich rettete und jetzt an mir so handeln wird, wie ich es von Deinen herrlichen Grundsäzzen erwartete. –

Einem weniger edlen hätte ich mein schicksal nicht anvertraut, und ich bin versichert, dass, wenn auch die Hölle sich öffnet, Du dennoch standhaft bleiben wirst. – Immer hieltest Du mich für zu schwach, um mich von der unwürdigen Base und Schark loszureissen; hast Du denn bei meiner heimlichen Abreise nur eine einzige Spure Schwachheit erblikt? – Menschheit war es, die sich in mir empörte, und sonst nichts. – Willig liess ich mich von Deinem Arm leiten, und wenn Du mich auch zum tod geführt hättest, gleich viel! – – –

Du kömmst also in einigen Tagen? – – Kömmst zu Deiner Nina, die einsam auf dem land sich bloss mit dem Gedanken an Deine Liebe nährt, kömmst an den Busen Deines treuen

Weibes.

LXV. Brief

Rosental den 21ten Oktober.

Lieber Herzens-Gatte! – Ist das nicht zum tot ärgern, gestern kam die Post nicht und ging auch nicht ab, folglich blieben unsere Briefe liegen, und wir erhalten sie erst heute. – Montags kannst Du mir schreiben, aber ich Dir nicht, Dienstag kömmst Du selbst, dann reden wir wegen der Post-Ordnung ab. – Trage ja Deine Briefe zeitig genug auf die Post, sonst leide ich Todes-Angst, wenn einer liegen bleibt! –

Lieber Friz, wenn Dich nicht wichtige Gründe abhalten, so musst Du ohne Fehler kommen. – – Du wirst grosse Augen machen, die Wirts-Leute fangen mich an zu drükken, und meine Börse wird es tüchtig empfinden, wenn Du nicht gleich eine andere Einrichtung triffst. – Das Volk muss mich für eine verwunschene Prinzessin halten, weil es mich so übertrieben zahlen macht. – Schreibe mir, ob Du geritten oder gefahren kömmst und welchen Weg Du eigentlich einschlägst, damit ich Dir entgegen kommen kann. – Reite mit Tor-Aufschluss von haus weg, und nimm ja eine geschikte Ausrede. – – Gott! – Gott! – Warum darf der Mann sein eigenes Weib nicht öffentlich herzen und küssen? – O Vorurteil, du abscheuliches UnLippen, und nun weg von Dir, entfernt von einem Umgang, der mich so manches lehrte, der mich so glücklich machte. – Gott! – So ein Verhängniss greift in die Seele! – Ist schröklich für ein liebendes Weib, die sich ihrer Liebe vor aller Welt Augen nicht schämen dürste! – –

Ha! – Wenn ich Dich wieder sehe, wenn Du mich wieder küssest, wenn Du wieder im trunknen Taumel Nina herausstotterst, dann, o dann, will ich weinen und fühlen! – Friz, wie ist Dir denn? – Ich bin wie verloren, ich würde es ohne Dich nicht länger aushalten können, ich würde Dich abholen und mitschleppen, und sollte es auch bis an's Ende der Welt gehen! – –

Du musst, Du musst mir aus Liebe bald folgen, sonst weh, weh Dir! – Tausend Küsse, tausend Lebewohl von Deiner abwesenden gattin. – –

LXVI. Brief

Rosental den 23ten Oktober.

Teuerster Gatte! – Zwei Briefe erhielt ich gestern, und zwei heute. – Wie kommt es, dass Du den Sonntag vorbeistreichen liessest, ohne an mich zu schreiben? – Jesus Maria! – dachte ich mir, was ist das? – – Was ist meinem Gatten zugestossen? – Entsezzen überfiel mich, bis ich aus Deinem lieben Briefe wieder Herzens-Trost einsog. – Ich würde mich über diese Kleinigkeit nicht beunruhigt haben, wenn ich Dein Feuer, Deine Tätigkeit nicht kännte. Gesezt Du könntest Mittwochs nicht kommen und auch keine BriefeGott im Himmel, ich würde verzagen. – –

Der morgende Tag und die heutige Nacht werden für mich schröklich sein, weil ich diesen Tag mit wollüstiger Wehmut an Deinem Busen zu verträumen hoffte. – – –

Nun will ich versuchen, einige Stellen Deines briefes zu beantworten. – – Ist es möglich, Schark war bei Dir? – O ich bewundere Deine Stärke und verehre Deine Liebe, die aus Klugheit selbst Schimpfworte über mich zu ertragen wusste. – Denke Dir einmal mich arme in die Klauen dieses Menschen, wenn er mich entdekte? – – O dann hätte ich ausgelebt! – Beum mich aufzusuchen; so etwas wolle der Himmel verhüten! –

Ich habe meinen Plan schon entworfen. – Ich sizze den ganzen Tag im verschlossenen Nebenzimmer, und sobald ich Scharks stimme höre, dann wage ich den mir vorgesezten Sprung aus dem Fenster in Garten; springe ich glücklich, so ist es gut für Dich und mich, versteht sich, wenn Du zu meinem Schuz nicht bei der Hand sein solltest. – Anders wüsste ich mich nicht zu retten, denn was ist ein schwaches geschöpf gegen einen Rasenden? – Hier im haus sind indessen die besten Maasregeln getroffen, wenn Du kömmst, so magst Du es noch vorsichtiger