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Seele in mir! – Meine Nerven sind zu sehr gespannt, mein Blut zu stark in Wallung, als dass ich jetzt schlafen könnte. – Ich muss diese Gefühle mit Dir teilen, lass mich, Liebchen, noch ein Bischen mit Dir plaudern. – –

Gestern Abend um diese Zeit lag ich an Deinem Busen, genoss alle Wonne, bis der dumme Zufall, wo wir glaubten von Schark belauscht zu sein, uns beide schrökte. – Dank Dir, Trauter, für den Kummer, den Du um meinetwillen trugst, ich will Dir Deine Sorgfalt gewiss wieder vergelten. –

Ich habe heute so wenig mit Dir tändeln können, weil mein Mädchen Arbeitshalber immer um uns sein musste, böse kannst Du über solche Zufälle nicht sein, denn dazu schlägt Dein Herz zu rein, auch weisst Du recht gut, dass einst andere zeiten kommen werden, wo aller Zwang aufhört. – – Wir sollten uns eigentlich keinen Zwang antun, dann noch hat kein Laster unsern Umgang beflekt. – –

Aber es ist nun einmal schon so in der Welt, Redliche müssen sich verkriechen, damit Niederträchtige desto freier sündigen können. – Schark war heute Abend wieder in einer sehr lüsternen Laune, mein schlimmes Kammermädchen foppte ihn darüber mit der einfältigsten Miene, das Mädchen hat Wiz genug, ihm seine Wenigkeit fühlen zu lassen. – Doch was kümmert mich Schark, lass Dich lieber dafür recht warm küssen von Deiner

Nina.

LI. Brief

Endlich ist er fort, mein Peiniger, und ich kann wieder mit Dir sprechen. – Aber denke nur, Schark foderte durchaus einige Briefe zu lesen, die Du an mich schriebst, und als ich sie ihm versagte, dann wurde er finster und schwermütig. – einst täuschten mich diese Grimassen, aber jetzt nicht mehr, er sündigte lange genug auf mein gutes Herz hin, nun mag er auch büssen, ich bin kalt, wie der Tod für seine Winseleien! – Er hat mich beschimpft, mich elenden Kreaturen an die Seite gesezt, er ist nun öffentlicher Wollüstling, und meiner ganz unwürdig. – Bei der Gefahr mich zu verlieren, fühlt er erst den Wert meines redlichen Herzens; oft vergab ich ihm, oft duldete ich im Stillen, aber sobald er mich versöhnt glaubte, dann blieb er der alte Wollüstling. –

Friz, bei meiner Liebe sei es geschworen, dass ich die Wahrheit rede, hätte ich meine Guterzigkeit an einen bessern Jungen verschwendet, dieser Undank würde mir nie zu teil geworden sein, – ich würde mir ein geschöpf gebildet haben, das mein Leben hätte beglückken können. – – –

Aber auch gut, dass es so gekommen ist, sonst hätte ich ja Dich nicht kennen gelernt, Dich Einziger, den ich so feurig liebe! – – O wüsstest Du, was alles für Unerträglichkeiten in Scharks charakter liegen, die ich erst jetzt recht kennen lerne, Du würdest Dich wundern, dass es solche Menschen geben kann, die von ihren Leidenschaften hin und her getrieben werden. Hochmut, Dummheit, Widerspruch, Drohungen, Grobheiten, Schimpfreden, Geiz sind die Gesellschafter seiner meisten Launen. –

Besserung ist bei ihm wohl wenig mehr zu hoffen; Unglück allein könnte ihn vielleicht bessern; der Himmel schenke ihm Selbstkenntniss und baldige Erinnerung seiner Fehler. –

Liebchen lass mich gleich wissen, wie es um Deine Gesundheit steht? – Gott! – Wenn Du nur nicht etwa recht krank wirst! – Ich wäre die verlassenste, die ärmste, die elendeste unter allen Weibern! – O Allgütiger erhalte ihn! – Erhalte ihn, zum Trost seiner armen

Nina.

LII. Brief

Abends um zehn Uhr.

Nicht wahr, lieber guter Friz, gestern um diese Zeit war ich recht glücklich an Deiner Seite; genoss alle die Wonne, die Deine Liebe und Dein gutes Herz für mich aufbewahrt hatte? – Und heute? – O das war wieder ein verwünschter Abend! – Ich sass tiefsinnig am Fenster, während als Schark mit meiner Base zu Nacht speisste, ersterer hiess mich zu sich sizzen, und ich tolles, unverstelltes Ding tat es nicht. – Dann brach er in die abscheulichsten Grobheiten aus, die ich mir durch meine Unvorsichtigkeit zugezogen hatte. – Ich träumte da gerade von Dir und hätte um Alles nicht loskommen können von dieser süssen Träumerei. – O Du lieber Einziger! – Musst mich doch bald retten, ich beschwöre Dich! – Denn jeder Tag, denke Dir dies Wort, jeder Tag droht mir Misshandlung. – Sieh Liebchen, ich kann es fast nicht mehr aushalten, Du wirst, Du kannst Deine Nina nicht mehr länger leiden lassen. – Eine ungedultige Träne von mir verweint wäre Deinem empfindsamen Herzen gewiss ein schröklicher Vorwurf. – Ich muss bald von hier weg, bald! –

Aber weisst Du auch lieber Friz, dass Du heute wieimmer bange, dass Du in meinem Umgange nicht alle die schwärmerischen Reize entdekkest, die ich in dem Deinigen finde. – Dank sei nun freilich meiner lieben Einbildungskraft, die mir alles bis zum unwidersprechlichsten Zauber an Dir malt. – Ich bin auch so zufrieden mit meiner Wahl, dass es vielleicht wenige begreifen würden, die nicht so lieben, wie ich liebe. – Du bist aber auch der Jüngling, der leicht ein Mädchen finden würde, aber eine Liebe, wie die meinige, die täglich mehr wächst, daran zweifle ich bei der jezzigen Welt. – Wir sind in unserem Umgang wie zwei Kinder, zanken, weinen, küssen, moralisiren,