1788_Ehrmann_010_24.txt

Teich spazieren, von da gings zu einer Flasche Wein, und das alles wurde von mir so mechanisch getan, dass es mich an seiner Stelle schaudern würde, wenn ich ein solches kaltes Mädchen an meiner Seite dulden müsste! – Aber was helfen solche Eindrükke bei einem charakter, der alles nur augenbliklich fühlt? – Zu meinem Glückke war er heute ein wenig milder, ohne kleine Zänkereien lief es zwar unter uns nicht ab, aber ich lies es doch nicht zur Heftigkeit kommen, gewiss lieber Friz, ich hatte eine beschwerliche Rolle zu spielen. – Du kennst mein Herz, Du weisst, wie niederträchtig er mich hinterging, und doch muss ich dulden und schweigen, muss auf zudringliche Reden mit stotternder Lüge antworten, die mir denn immer zum voraus auf der Zunge stirbt. –

Ich habe heute in der Kirche, als er einstweilen auf's Kaffehaus ging, vor dem Allmächtigen auf den Knieen gelegen und ihn für meine baldige Rettung und um Belohnung für deine Liebe angefleht! – Friz! – Wenn Du mich gesehen hättest, Dein Herz wäre geschmolzen aus Wehmut für Deine arme traurige Nina, die so da lag vor ihrem Schöpfer; alles vergass, nur Einen nicht, den Einzigen, den Einzigen vergas sie nicht, eben so wenig, als sie von ihm vergessen wird! – – Herr Jesus! – Meine Seele war wieder durch und durch erschüttert! – Nein dies Gefühl kann nicht leicht eine Liebende besizzen, es ist beinahe unmöglich! –

Ich war den ganzen Nachmittag so traurig, so freudenlos, dachte nur an Dich, nur an Deine Liebe, und was mein Busen dabei arbeitete, was er sich empörte.... Ich fühle jetzt grässliche Nervenspannungen und muss aufhören zu schreiben. – Friz, sei nicht böse, ich bin Dir ja herzlich gut, ich liebe Dich ja so innig, bis der Tod mir diese Wonne versagt, schlafe ruhig, Besster, Teuerster, schlafe ruhiger als Deine

Nina.

XLII. Brief

Was ich doch für extreme Launen besizze! – Heute bin ich wieder so ziemlich munter, ob mich gleichwohl Scharks tolle Aufführung in der Gesellschaft rasend ärgerte. Hast Du es gehört, wie er bei Seite zu seinem Vertrauten sagte, er bekömmt die Nina gewiss, so viel ich merke!

Ich habe diese heimliche Wahrheit recht gut gefühlt, gewiss besser, als der Eitle, aus dessen mund sie kam. – Auch Du hast darüber gelacht, aber es war wohl eine Art bitteres lachen; um Gotteswillen, seine Eifersucht wird Dir doch nicht ausfallen? –

Mein Glück war die Dämmerung, sonst würde ich mich bei seinen Spöttereien über und über verraten haben, ich bin gar ein einfältiges Ding, wenn mein Herz eine Wunde hat. – Sonst habe ich wohl für die grosse Welt getaugt, aber jetzt, o du lieber Gott, jetzt bin ich wie das albernste Landmädchen, und bloss das, was meine zur Liebe weichgestimmte Gefühle aus mir machen, ein schüchternes Weibchen. – –

Wie war es Dir denn wieder ums Herz, während unsern heutigen Vorlesungen? – Du schienst mir hingerissen zu sein zu den Gefühlen der Liebe. – War es nicht so? Wenigstens sagten es Deine halbgeschlossnen matten Augen. – O Du Guter aller Guten, warum durfte ich Dir denn nicht vor der Welt um den Hals fallen, und laut sagen: seht ihr, dies herrliche geschöpf ist mein! – O pfui! – Was dies für ein abscheulicher Zwang ist, den man sich antun muss, und was es Dich Mühe kostet, um mich zu erhaschen aus einem Labyrint, worinn mich mein schicksal stürzte. Aber wie es Dir denn auch einst, so wohl als mir, göttlich schmekken wird das errungene Pfand Deiner deutschen Biedermannsliebe, Deiner Vernunft und Deiner männlichen Festigkeit. – Diese Hindernisse versüssen den Wert unserer Liebe bis zum unauslöschlichen Eindruk! – Friz! – Sässe ich nur mit Dir im Luftballon, o dann wollten wir schäkkern, mehr als heute, eh wir in die Gesellschaft gingen, wo ich mit Dir so kindisch tändelte. – –

Der blonde Puder, den ich Dir mit Gewalt aufdrang, stunde Dir doch allerliebst, nur ein Bischen philosophischer Eigensinn glänzte daran, weil Du ihn wieder mit Gewalt wegwischtest, ist aber auch kein Wunder, Du weisst, dass Dein Köpfchen ohnehin genug Eroberungen macht. – Du brauchst seine Schale nicht zu zieren, der Kern ist reizend genug für denkende Mädchen. – – Freilich gibt es nicht viele denkende Mädchen, aber ich dächte Du solltest es unserem Geschlecht verzeihen, denn das Deinige hält uns ja nicht zum Denken an. Lebe wohl besster, edelster Jüngling, lebe für Deine zärtliche

Nina.

XLIII. Brief

Teurer! – Schreiben kann ich beinahe nicht, aber für Dich und mich zittern! – Um Gotteswillen beruhige Dich; kann Dich meine Liebe nicht sanft machen? – O dann helfe mir Gott! – Du sagtest einmal, Stolz müsse nicht über Liebe siegen; aus Barmherzigkeit beruhige Dich! – – Kannst Du die unbedeutenden Sticheleien eines elenden Kerls nicht vergessen? – Kannst Du einen Schark nicht verachten lernen, der keiner Verteidigung wert ist? – Kannst Du Deiner Hizze nicht Gewalt antun, wenn sie sich gegen einen Unwürdigen empört? – Dein edler Stolz, Dein Ehrengefühl machen Dich verehrungswürdig, aber aus Liebe, um Folgen auszuweichen, um Dein Weib nicht unglücklich zu machen, verschwende dieses schöne Ehrengefühl nicht an den Nichtswürdigen. – – Sei Philosoph,