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fremden Orte aufhören müssen. – O wäre der augenblick nur schon da! – Der Zwang ist mir zur Last, er ist mir wieder die natur, Dir nicht auch? – Denke Dir, wenn Du einst frei neben mir schwärmen kannst ... nein, ich will diese Wonne lieber nicht vollkommen ausdenken, sonst macht sie mich noch ungedultiger. – Heute sehe ich Dich doch!

Nina.

XL. Brief

Liebe! – liebe Seele! – Ich drükke Dich heute millionenmal feuriger als sonst an mein Herz! – Liebe Dich, wenn es möglich wäre millionenmal heftiger als je! –

Und die Ursache? – Die sollst Du gleich hören. – Der elende überdrüssige Sünder Schark fängt nun an, den rasend Eifersüchtigen zu spielen, unser heutiges Nahebeisammensizzen, als er in's Zimmer trat, muss ihm aufgefallen sein. – Und dann meine alberne Verlegenheit, als er mich so sehr in's Auge fasste. – –

O um alle Schäzze der Erden ich möchte und könnte keine Heuchlerinn werden! Mein ganzes Wesen kann sich bei der geringsten Kleinigkeit nicht verstellen, alles wird an mir zum Verräter. – Du kennst die Reinheit unserer Liebe, und doch zitterte ich über Scharks Gegenwart, der mich noch dazu schon so oft selbst hinterging. –

Als Du fort warst, gab er mir einige spöttische Reden, ich nahm sie kalt auf, ob sie mich gleich wohl vor Aerger fast erstikten. – Bloss um unsere Liebe nicht noch grösserm Unheil auszusezzen, handelte ich klug. – Mit allem möglichen Troz brachte ich den Fühllosen doch nicht vom Halse, weil ihn andere Leidenschaften ausser der Liebe an mich fesseln. – –

Doch sei ruhig, Lieber, Einziger, Besster, sei ruhig, sonst richtest Du mich vollends zu grund, Deine Rache kann jetzt nichts nüzzen, ich will mich bald selbst so rächen, dass er es derbe fühlen soll.

Aber Friz, ich muss bald reisen, hörst Du, bald! – Auch auf Röschen ist er jetzt argwöhnisch, und die alte Baase scheint ihm beizustimmen. – Also behutsam! – Lass Deine Vertrauten nie ohne Buch zu mir kommen, vertraue Dich keiner fremden Seele an, und komme jetzt immer frühe, oder Abends etwas später. –

O der Verworfne verdient wohl nicht, dass wir uns um ihn viel kümmern! – Aber bloss um den einbilderischen Toren nicht wütend zu machen, muss ich vorsichtig handeln, sonst bricht er aus Jähzorn los, geht zu Deinen Eltern, und dann haben wir von ihnen wieder neue Verfolgungen zu erwarten.

Gott im Himmel! – Kniefällig will ich Dir danken, wenn Du mir bald aus dieser vielfachen Kabale los hilfst! – – Lieber Friz! wir wollen uns jetzt noch ein Bischen Mässigung unseres gerechten Zorns angewöhnen, wir sind es unserer beiderseitigen Gesundheit schuldig. – Wie gerne hätte ich Schark heute das geständnis meiner Liebe gegen Dich bekannt gemacht, wie gerne hätte ich ihm gesagt: Ja Betrüger, Deine Laster sind jetzt zu meiner Glückseligkeit gerächt, ich bin es satt mich länger heimlich von Dir tretten zu lassen, ich habe gewählt, und bin glücklich! –

Aber bei diesem feurigen, unvorsichtigen Vorsaz sah ich meinen lieben Friz neben mir stehen, mich zurückhalten, und ich wurde wieder vernünftig. – Nach diesem Auftritt wollte ich ausgehen, aber er verhielt mir die tür, endlich ging er, und das Vögelchen durfte fliegen aus den Händen des Despoten, der sich immer mit meiner Baase vereinigt, um mich zu kränken. –

Nun sizze ich wieder da, küsse Dich, schäkkere mit Dir gerade, wie gestern Abends. – Morgen wird es wieder ein langer, langer Tag werden, weil ich Dich nicht sehen kann, willst Du nicht bei der Freundinn Sch... vorbei gehen, damit ich Dich doch von weitem sehen kann? – –

Lass Dich nicht beugen, Liebchen, sieh ich bin recht munter, aber fehlte auch die Gewissheit meiner Rettung, o dann ... dann ... Friz, verzeihe mir, ich wollte etwas Grausames sagen! – Noch muss verborgner Gram in meinem Herzen liegen, aber Du wirst bald wieder Freude in dies blutende Herz bringen, und wäre es auch bloss darum, weil mir der Niederträchtige die kleinen Unterstüzzungen, die er mehr meiner Baase gab, als mir, tagtäglich vorwirft.

Ha! – Bei Gott! – Ich möchte über mein schicksal rasen!!! – O wenn mein Liebchen nicht wäre.... Du allein verscheuchst noch den wilden Gram aus meiner Seele, Du allein giebst mir Stärke zum Dulden. – Du holder Liebling meines Herzens, Du Guter, Vortrefflicher, Bester, Liebenswürdigster, sei ruhig, denn sieh, hier schwöre ich Dir, dass mich die blutigste Masshandlung um Deinetwillen nicht einmal kränken soll. – Ewig, bei Gott dem Allmächtigen, bin ich Dein! – Dein! – Dein! – Auf ewig Dein Weib! –

XLI. Brief

Endlich wieder einen Tag ohne Dich durchgegrämt! – Bloss Dein Andenken, holder Sohn der gütigen natur, hat mir Mut gegeben, die Gesellschaft eines Menschen zu ertragen, der mich so unendlich unglücklich macht, so lange ich ihn noch um mich dulden muss. –

Ich war heute mit Schark auf dem hohen Kirchturm, noch hatte ich den Weg nicht halb zurückgelegt, als mir schon der Kopf schwindelte, ich musste umkehren, ohne seine Höhe erreicht zu haben. Dann schleppte er mich längst einem trüben