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Ruhe sanft, teurer, besster Gatte, ruhe sanft, mit dem Andenken Deiner besten

Nina.

XXVII. Brief

Bald zehen Uhr, und zurück bin ich vom Spaziergang mit Schark. Der wakere Mann will mich dieser Tagen auf den hohen Kirchturm führen, um mir die schöne Aussicht in die ruhige Ewigkeit zu zeigen! – Friz! – – Darf ich, wie eine gewisse Fanny, einen mutigen Sprung wagen? – Darf ich? – – Noch mehrere solche unglückliche Tage, wie der heutige, und ... Gott verzeih mir's, es wäre Zeit! – Weisst Du auch Lieber, dass ich Dich heute gar nicht mehr kannte? – Weisst Du auch, dass Du heute Deinem charakter widersprachst, und mich beinahe zu Boden drüktest! – – Ich will Dir keine Vorwürfe über Dein Betragen machen, es wäre Unsinn. –

Aber bitten will ich Dich, bald wieder mein guter, lieber, herrlich denkender Friz zu werden. Gott! – Was Du mir heute zum erstenmale fürchterlich vorkamst, was ich seit Deiner Bekanntschaft zum erstenmale den augenblick verwünschte, wo ich Dir so ganz voll Zutrauen meine Schwachheiten zeigte; sag Liebchen, warum warst Du so wild, so widersprechend? – Dachte ich doch, Liebe könnte selbst den Wollüstling bändigen, und Dich, Sohn der Tugend, sollte Liebe nicht sanfter machen können? – – O warum bin ich auch so eine Elende, die vielleicht Deine Schonung nicht verdient! – Warum besizzest Du unbezähmbare Leidenschaften? – – Ich sehe mein Unglück zum voraus! – Ich werde Dich nach mehrern solchen Auftritten bloss für sinnlich, und Du wirst mich für lieblos halten. Ha! – Die Männer sind doch gar zu ungerecht gegen ein liebendes Weib, die vor dem augenblick der engsten Verbindung, ohne öffentliche Bande eben so schröklich zittert, als sie ihm mit stiller furchtsamer Zärtlichkeit ausweicht! – –

O Friz! – Was soll ich tun um Dich zu beruhigen und mir dabei den schröklichsten Gram zu ersparen? – Es ist wahr, ich bin eine Undankbare, ich bin eine Sträfliche, die Dich unwillkührlich reizt! – Aber um Gotteswillen kann ich dafür? – Kann ich meine Grundsäzze zu Dem bewegen, was Dich martert? Du bist von meiner Liebe überzeugt, aber sei auch gerecht, höre nicht bloss auf die stimme Deiner Triebe, lass Dein gutes Herz für ein geschöpf sprechen, die Dich weder aus Eitelkeit, noch aus Eigennuz quälet. Sei gut, Friz, sei liebevoll, sei sanft, sei vorsichtig, bringe mich nicht zur äussersten Schwachheit! – Sonst .... O Gott! – Ich werde es nicht können, sonst muss ich Dir kälter begegnen, dann hört jenes Vertrauen der Tugend, jenes brüderliche Wohlwollen unter uns auf, und zügellose Unruhen, nagende Begierden, schleichen sich an ihre Stelle, so bald wir in die arme der Weichlichkeit sinken! –

Du hast mich heute Abend sehr viele Tränen gekostet! – – Ich machte mir selbst Vorwürfe, Dich je zur Liebe gereizt zu haben, es geschah wider meinen Willen, aber ich glaubte Dich mehr Mann, ich glaubte Dich bloss feuriger, wünschender Gatte, der unsere nähere Vereinigung von der Zukunft erwarten würde, und jetzt schon bist Du unzufriedner, mürrischer Liebhaber. – Gott schikke Dir heute Linderung Deines Kampfes, und mir Tränen, mein Elend, meinen Jammer auszuseufzen! – –

Armer Junge, wie wirst Du erschrekken, wenn Du in diesem Brief die leibhaften Züge Deiner schwermütigen Nina liesest! – Schlaf wohl, der Himmel schenke Dir Gnade, Du verdienst sie besser als ich! – O gewiss! – O gewiss! – Denn ich bin ... O ich mags nicht sagen ... Vorwürfe nagen an meiner Seele! – Deine arme

Nina.

XXVIII. Brief

Teurer, guter Friz! – dass ich über Deinen Zustand sehr unruhig bin, wirst Du mir vielleicht nicht so leicht glauben, weil Du mich als die Quelle Deiner Leiden betrachtest. Lass mich um alles in der Welt wissen, ob Du besser bist, und ob ich Dich auf den Abend sehen werde? – Im widrigen Falle laufe ich schnurstraks in Dein Haus, und wenn mich auch Deine Verwandten lieblos zurückwiesen, gleich viel! – Was kümmert mich ihre Grausamkeit. Du bist mehr wert, als das, was ich in hundert Jahren an meinen Augen abweinen könnte! –

Heute Abend scheint uns zwar ein Gewitter zu drohen, der Himmel sieht gerade so übellaunigt aus, wie Deine Nina; Auch sollte mich der Ausguss der Elemente nicht abschrekken, wenn ich an Deinem Busen schlummere, und Dein Herz wieder ruhiger schlagen höre! – – – – –

Zu allem bin ich bereit, was Du für gut findest, um uns heute noch zu sehen. – Wenn Du kein Feiger bist, der vor dem Geklatsch Deiner Verwandten zittert, so siehst Du mich heute, oder Deine Krankheit ist erdichtet.

Heiliger Gott! – Was ich da für Unsinn plaudere. – – – Lass mich um Gottes willen wissen, ob Du besser bist? – Nun so bin ich denn zum immerwährenden Kummer geboren! –

Gerade jetzt erhalte ich Dein zweites Billet. – Friz, vermag meine Liebe nicht Dich zu beruhigen? – Wenn Du denn durchaus nicht kommen kannst, so schreibe mir bis halb drei Uhr, wie es um Dich steht? – Komm lieber nicht, als dass Du wieder so unendlich leiden solltest, so rasend unmenschlich