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Tausend Küsse von Deiner lieben

Nina.

XXI. Brief

Teurer Friz! – So kränklich und schwach ich auch noch immer bin, so sollst Du doch die erste Zeile nach meiner Krankheit erhalten. – Du guter, lieber, biedrer Junge! – Wie Du heute meine Schwermut so nach und nach weg zu plaudern wusstest, wie Du Dich täglich mehr in meine abscheulichen Launen zu schikken weist, verdient nicht dies allein Vergebung für Deine samstägige Laune? – Und dann Dein herrliches unserer Lage angemessenes Betragen, als Schark hereintrat, o Gott! – Du musst mich wohl recht sehr lieben um eines solchen Zwangs fähig zu sein! –

Wie ich die drei übrigen Stunden mit ihm zubrachte, als Du fort warst, kannst Du leicht denken; zu gefühlvoll, um ganz gelassen zu sein, und zu klug um mich zu verraten, fühlte ich Langeweile und Schwermut. –

Endlich sah ich Deinen Freund vorbeigehen und gab meinem Mädchen geschwind einen Wink, dass sie ihm nacheilen sollte, um Nachrichten von Dir einzuholen.

O wenn die Kalte, doch nur geschwind wieder zurückkehrte, dachte ich, doch lies ich mein Gefühl dabei nicht in's Empfindelnde fallen, wie's der spöttische Mann in dem Tagebuch eines neuen Ehemanns sagt. –

Was will denn dieser Grillenfänger? – Der sich selbst Widersprechende? Er gesteht ja doch ein, dass Liebe im Gefühl liegt, und doch nennt er Zärtlichkeit Empfindeln? Zwischen Romanen-Liebe und zwischen wahrer auf Vernunft gegründeter Liebe herrscht ein grosser Unterschied. – Die erste ist bloss eine Seuche, die ein augenblick in einer erhizten Einbildungskraft erzeugt hat, und die letzte wohnt in der überlegung, im Herzen und in der feinsten Zärtlichkeit. –

So eine Liebe ist in gegenseitiger gefälligkeit unersättlich, und kann bei all ihrer glücklichen Trunkenheit nie müde werden. Meinetwegen können tausend Siegwarte und seines gleichen nur in Büchern wohnen, ich habe selbst Ziel und Mass und weis recht gut, was mein Gefühl ertragen kann, um nicht stumpf zu werden. – Ich verkenne den Menschen auch in meinem Liebhaber nicht, weis ihn zu ertragen, und fodere nicht, dass er einen irrdischen Engel vorstelle. Wenn mir aber nach einer genauen Untersuchung ein Friz begegnet, der so ganz mein Wiederhall ist, o dann greife ich mit beiden Händen zu, und schaffe mir herrliche Tage der Zukunft in meinen Gedanken! Freilich nicht ohne Erdenkummer, nicht ohne Trübseligkeit, aber erleichtert durch das gute Herz eines Gatten, durch die Vernunft eines Freundes, durch die Sanftmut eines Bruders, ist mir dann in den Armen meines Mannes selbst der Tod leichter. – So viel sagt mir meine überzeugung ohne Empfindelei!

Ich werde zwar von meinem Gatten nicht bis in's achtzigste Jahr kindische Tändeleien fodern, aber sein Herz, wenn es gut ist, bürgt mir ewig für jede kleine gefälligkeit, die er meiner Dankbarkeit schuldig ist. – –

Wahr ist es, die Neuheit hört auf, aber die gegenseitige Guterzigkeit kann nicht aufhören, wenn man unter Harmonie des Karakters sich verband. – Der erste Taumel hört auf, aber das ruhigere standhaftere Gefühl bleibt, und die Kunst sich einander die Stunden zu Minuten zu machen, kann bei uns auch nicht aufhören, weil es uns beiden nicht an der Einbildungskraft fehlt, auch im Alter neue Verdienste in uns zu entdekken. –

Nimm auf diese selige Zukunft hin den feurigsten Kuss von Deiner kranken .... nicht doch ... von

Deiner liebenden Nina.

XXII. Brief

Ein fataler Tag war das wieder heute! – – Ich erhielt wieder neue Nachrichten von Scharks Ausschweifungen. – – Komme ich nicht höchstens in Zeit drei Wochen fort, dann sollst Du sehen, was es absezzen wird! – O Teuerster, nimm mir diese Drohung nicht übel, Du weist, dass beleidigte Ehre aus mir spricht! – – Sei ruhig, komm heute Abend um neun Uhr sicher, hörst Du! – Zu Deiner

Nina.

XXIII. Brief

Schon sieben Uhr vorbei, und Schark war nicht hier. Wo in aller Welt mag er heute wohl stekken? – Vermutlich schwelgt er jetzt in den Armen der Wollust. – Wäre noch Liebe für ihn in meinem Herzen, so liefe ich heute Abend noch alle Strassen durch, suchte ihn auf, und fände ich ihn an einem Orte, der mich beschimpfte, dann ... Ha! – Dann weh ihm!!!

O wie schön ich mich heute für seinen Undank hätte rächen können! – Doch pfui! – Er verdiente eine solche Rache nicht, die auf Unkosten meiner Ruhe ginge. – Es ist zwar grässlich, grässlich, sich unschuldig so behandelt zu sehen! – Was doch die meisten Männer für Ungeheuer sind! – Zittern sollte man vor ihnen, wenn man sie nicht lange, lange, geprüft hat! –

Aber so viel ist gewiss, Friz, dass Du eine Ausnahme bist. – Doch hüte Dich ja nicht dringender zu werden, sonst wacht der höllische Argwohn über Dein Geschlecht wieder in mir auf und trist auch Dich! – Dann könnte ich Dich unschuldig beleidigen. –

Es ist nicht Misstrauen, aber es ist die feurigste Bitte, die ich an Dich wage! – Frage nicht ferner nach der Ursache, gieb mir darinnen nach, wenn Du mich liebst. – – Das kannst Du, das wirst Du um Deiner armen Nina willen, die heute wieder mit der schwärzesten Melankolie ringt! –

Ich fodere dieses Opfer von Deiner Liebe, und solltest